Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 14 (1.4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.-. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Aaslieferung des ,,Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H ALT: Die Flucht ins Extrem -- Eine jüdische Wirtschaftsoase — Aus der jüdischen Welt —- Gemeinden- und Vereins-Echo — Geschäftliches — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. / Familien- Anzelgen Ermäßigung/Anzeigen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 14 München, 1. April 1932 19. Jahrgang Die Flucht ins Extrem Betrachtet man die momentane Situation unserer Bewegung, so läßt sie sich etwa so formulieren: Während die tatsächliche Entwicklung in Palästina in wirtschaftlicher, kultureller und psychologischer Hinsicht einen gewissen stetigen Fortschritt zeigt, kann man die politische Lage durchaus nicht als befriedigend bezeichnen. Das hat Arlosoroff, der verantwortliche Führer dieser Politik in Jerusalem, auch in seiner Rede auf der Assefat haniwcharim ausdrücklich gesagt. Fr bezeichnete das Verhalten der englischen Regierung geradezu als eine Art von non-corporation dem Jischuw gegenüber; die Arbeitereinwanderung ist fast gesperrt, die im MacDonald-Brief angekündigte Politik wird nicht durchgeführt. Die Bewerbungen der Juden um Teilnahme an den öffentlichen Arbeiten, die Gesuche um Erteilung eines höheren Regierungszuschusses für das jüdische Schulwesen werden abgelehnt. Der Bericht des Landentwicklungsdirektors French ist bisher nicht vorgelegt worden und Arlosoroff spricht bereits in diesem Stadium von einer ungünstigen Wirkung des Berichtes. Der Inhalt dieses neuen Schriftstückes ist noch nicht bekannt, aber arabische Gerüchte wollen wissen, daß er für die Zionisten noch ungünstiger sein wird als der Simpsonbericht. Jedenfalls läßt die Methode, welche die Regierung bei der Schlichtung des Streites um die Wadi-Chawarit- Böden angewendet hat und bei der French seine Hand im Spiele hatte, keine sehr günstige Prognose über seinen Bericht zu. Die letzte Zeit war angefüllt mit dem durch die Revisionisten mit großem Applomb „enthüllten“ Plan der jüdisch-arabischen Roundtable-Konferenz. In dem darauffolgenden Dementi-Treiben, in dem Juden und Araber einander gegenseitig verdächtigten, einen Versuchsballon abgelassen zu haben, erwies sich der Plan schließlich als Fälschung eines indisch-arabischen Journalisten. Mag nun das Schriftstück auch kein Versuchsballon gewesen sein, die Funktion eines solchen hat es versehen, indem es die Ablehnung des Planes seitens der herrschenden Kreise der jüdischen und arabischen Politiker deutlich offenbarte. Und so muß man am Schlüsse konstatieren, daß heute sowohl eine Besserung der englischen Politik in Palästina als auch eine Annäherung der jüdischen und arabischen Politiker noch weit entfernt sind. Das ist durchaus nicht erfreulich und es ist nur naheliegend, wenn sich die Frage auftut: Was soll also geschehen? Die Revisionisten haben darauf eine Antwort gefunden: Sie haben sich in den allerletzten Tagen selbständig gemacht und unabhängig oder im Gegensatz zur zionistischen Organisation eine eigene Aktion in den diplomatischen Zentren der Welt begonnen. Sie haben also — noch vor Hitler — den legalen oder, wenn man die französische Form dieses Worts vorzieht, den loyalen Weg verlassen und bieten der Welt das Schauspiel einer zionistischen Neben-Organisation, die wohl noch innerhalb des Zionismus steht, aber sich an die Beschlüsse des Kongresses nicht mehr gebunden erachtet. Einen andern Weg weist E 1 i e s e r Joffe in einem Artikel, der viel Aufsehen erregt hat: Er propagiert: Vollkommene Abkehr von der Politik: wir wollen überhaupt keine Politik mehr, sie hat zu nichts geführt und sie ist unnötig. Das bedeutet Verzicht auf Englands Hilfe, Verzicht auf Balfourdeklaration, Mandat und Völkerbund; wir wollen nun allein vorwärtskommen. Diese beiden Reaktionen auf die ungünstige politische Situation sind äußerst charakteristisch und entsprechen durchaus den ausgefahrenen Geleisen menschlicher Reaktionsweisen. Es ist die Flucht ins Extreme, die wohl selten zu einer Lösung, stets aber wenigstens zu einer psychischen Erleichterung führt. Es ist ja kein Wunder, wenn die quälende, immer wieder enttäuschende Politik Englands in vielen Zionisten einen Zustand ungeduldiger Ermüdung hervorbringt. Nur der Starke wird durch Ungeduld und Ermüdung nicht von seinem Wege abgedrängt. Der Durchschnittsmensch wird eben in ein erfrischendes Extrem flüchten. Das neue Bild, das er sich vorzaubert, die Abwechslung eines neuen von allem Alten gründlich verschiedenen Versuches wirkt wie ein erfrischender Trunk auf den Ermüdeten. Und dieses Neue ist der Entschluß: Wir wollen es nun mal ganz anders machen! So kommen wir nicht vorwärts; nicht mit England, micht mit diesen Führern, nicht mit diesen Methoden, nicht mit der Politik überhaupt. Also: Weg mit unsern führenden Männern, Krieg .mit England; oder: Schluß mit der Politik und mit diesem ganzen System von Verträgen, Deklarationen, Verhandlungen und diplomatischen Interventionen! Diese beiden Reaktionen sind menschlich; aber sie sind es so, wie eben Fehler überhaupt, und vor allem typische Fehler, menschlich sind. Und darum muß man sie als Fehler erkennen. So verlockend es auch ist, wenn man einen steilen Weg vor sich hat, einen milden Seitenpfad zu gehen, der Erholung verspricht, oder gar, den Wieg überhaupt aufzugeben, so muß man sich doch nur, wenn man