Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Das Jüdische Echo 99 Signal warten, und hielten mit gespannten Muskeln unsere Knarren fest umklammert. Und als dann das Wort „Haman“ von Judas Lippen fiel, ging ein ohrenzerreißendes Gebrüll durch die Synagoge, in das sich ein Furioso von hundert Knarren mischte, die von ebensovielen Jungenhänden gedreht wurden. Einige der Erwachsenen, die zu würdevoll für Knarren, aber zu menschlich waren, um von dem Spaß ausgeschlossen zu sein, hatten lange Stöcke mitgebracht und trugen zu dem Höllenlärm bei, indem sie auf den Boden und auf die Pulte schlugen. Einige Minuten war der Rezitator außerstande fortzufahren. Damit war aber der Spektakel nicht zu Ende. Als der Rezitator fortfuhr und die Genealogie Hamans vorlas, brach derselbe wüste Lärm aufs neue los. Und Juda, der Kinder gern hatte und gerne mit ihnen spielte, ließ sich den Tumult mit gutmütigem Humor gefallen und legte keine Zeichen von Ungeduld an den Tag. Allein sein älterer Bruder, der hagere und gallige Siskind, hatte mit uns keine Geduld. Er stand nahe bei der Kanzel und erhob Einspruch dagegen, daß wir mit dem altehrwürdigen Vorrecht der Haßkundgebung Mißbrauch trieben. Zwei, drei Drehungen der Knarren wären seiner Meinung nach eine genügende Demonstration der Antipathie. Er mißgönnte uns das Vergnügen einer längeren und volleren Meinungsäußerung. Wir achteten aber nicht auf den Einspruch Siskinds. Wir hatten die Ermunterung Judas, unseres Anführers, der bei der Rezitation jedesmal, wenn der Name Haman kam, einen Augenblick innehielt. Nach einer Pause, in der das erwartete Wort einen Moment in der Luft zu hängen schien, schleuderte er uns, als offenkundiges Signal, die Silben zu, was eine ebensolche Herausforderung an seinen Bruder, wie an unseren Erzfeind Haman bedeutete. So klein wir waren, wußten wir doch, daß Haman nicht in unserer Synagoge war, weil er ja nicht gleichzeitig in unserer und in allen Synagogen der Welt sein konnte. Jedoch erfaßten wir instinktmäßig die symbolische Bedeutung dieser Handlung. Überall gab es Hamans, große und kleine Feinde der Juden. Und wir rächten uns nun für das Böse, das sie uns zugefügt hatten, und für das Böse, das sie gegen uns im Schilde führten. Wenn Spektakel töten könnte, wären die Hamans der Erde nicht mehr am Leben. Wir fühlten, daß diese Schläge, die wir in der Luft abgaben, nicht ohne Wirkung blieben. Auf irgendeine Weise mußten die Hamans der Welt den tobenden Angriff in ihren Gliedern spüren. Und ein Gefühl der Genugtuung erfüllte uns: Und wir hatten etwas getan, um mit den Feinden des jüdischen Volkes abzurechnen. Und in der eigenartigen Melodie, die zur Megillah gehört — ein tendelndes Motiv, eine Melodie des Spottes und Triumphs — fühlten wir den Cha- Aus der jüdischen Welt Wieder Synagogeiischäiidutigen E m den. In der Nacht vom vergangenen Freitag zum Sonnabend wurde außer den Häusern des Herrn Landrabbiners und anderer jüdischer Einwohner, auch die Synagoge am H'aupteingang und dem am Sandpfad liegenden Nebeneingang zur Frauengalerie, durch Ausleeren eines Topfes mit Ölfarbe, in der infamsten Weise besudelt. Diese Tat hat bei der Bevölkerung der Stadt große Empörung hervorgerufen. Leider sind die Täter unerkannt entkommen. Der Vorstand der Gerakter des Feiertags. Weder die Melodie noch der Feiertag waren ernst. Wir machten uns über jemand lustig, verlachten einen überwundenen Feind, freuten uns seines Falles, Juda, der Predigersohn, verstand uns und gab der Geschichte noch eine besondere Note. Er genoß seine Rezitation, intonierte sarkastisch, als ob er Haman in Person vor sich gehabt hätte. Den Höhepunkt seiner Leistung erreichte er aber, als er die Namen der zehn Söhne Hamans zu lesen hatte: Glatt flink haspelte er sie ab — heiße Bissen, die rasch verschluckt werden mußten, wollte man sich die Zunge nicht daran verbrennen. Oder als ob er sie mit unglaublicher Geschwindigkeit auf eine Schnur zog und sie alle zusammen an der Seite ihres Vaters aufliängte. Nur beim letzten Namen, dem Namen des jüngsten Sohnes Hamans, Vaisusu — der eine lächerliche und schimpfliche Bedeutung in der jüdischen Vorstellung hat — machte er eine Pause. Und wir Kinder waren erstaunt. Wir kannten das häßliche Wort und wir wunderten uns, daß Juda, der Vorsteher der Synagoge, sich erlaubte, an so heiliger Stätte, bei einem solchen Worte zu verweilen. Der Vorabend des Purimfestes war in keiner Weise feiertäglich. Er unterschied sich von allen anderen Abenden nur durch das Hamangebäck. In jeder anderen Beziehung war er ganz gewöhnlich. Es existiert ein altes Sprichwort: „Ein Mushik ist kein Bruder, ein Rubel ist keine Münze, Malaria ist Keine Krankheit und Purim ist kein Feiertag.“ Das bezieht sich jedoch nur auf den Vorabend, denn der Abend des Purimtages gehört zu den fröhlichsten des Jahres. Am Purimtage lasen wir die Megillah zum zweiten Male in der Synagoge. Und wieder begleiteten wir sie mit feindseligen Demonstrationen gegen den Namen Haman. Aber wie bei der Rezitation der Klagelieder am Tage der Tempelzerstörung, war die Wiederholung auch hier ein Fiasko. Es ist schwer, auf Befehl zum zweiten Male mit der gleichen Heftigkeit und derselben Leidenschaftlichkeit zu weinen, wie das erste Mal. Und genau so schwer ist es, über einen gefallenen Feind mehr als einmal zu jubeln. Am Purimtage drehten wir gleichfalls unsere Knarren, schlugen auf die Pulte und machten unserer Verachtung gegen Haman Luft. Aber wir taten es nur noch aus Pflichtgefühl. Und als die zweite Vorlesung der Megillah zu Fnde war, hatten wir nicht mehr — wie es am Vorabend der Fall war — das Gefühl, soeben einen entscheidenden Sieg über den unerbittlichen Feind der Juden davongetragen zu haben. Und als wir dann die Synagoge verließen und die Läden alle geöffnet fanden, wurden wir der Feiertagsstimmung noch mehr entrückt. Erst am späten Nachmittag, als die Läden geschlossen wurden und die letzten Vorbereitungen zur Purimmahlzeit beendet waren, wurde die festliche Stimmung wieder hergestellt. meinde hat auf die Ermittlung derselben eine Belohnung von 200 RM. ausgesetzt. Dtisseldor f. Am Freitag, dem 4. März d. J., wurden mittags zwischen 12 und 4 Uhr Steine verschiedener Größe gegen die Fenster der Synagoge in Düsseldorf geschleudert. Einige kleinere Löcher in den Fensterscheiben lassen sogar auf Projektile aus Schußwaffen schließen. Gegen Abend, während des Gottesdienstes^ wiederholten sich die Steinwürfe. Glücklicherweise wurde weder der amtierende Rabbinier Dr. Eschelbacher, noch einer der Gotteshausbesucher verletzt.