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Das jüdische Echo · 1932-03-18 · 12 (18.3.1932) · p. Seite 98

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
12 (18.3.1932)
Date
1932-03-18
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Das Jüdische Echo Nr. 12 jüdischen Organisation geschehen — die Publikationen zur Hand nimmt, die anläßlich der Wahl in 100 000 Exemplaren verbreitet wurden, so faßt man sich an den Kopf und ist erschüttert von der geistigen Verblendung, die in einem großen Teile der Judenheit herrscht. Nur wenige Juden sind in den Besitz der letzten Monatsausgabe des Central- Vereins gelangt in welcher in Worten und in Bildern auf zwanzigerlei Art nachgewiesen wurde, was wir Juden alles nicht sind. In dieser Monatsausgabe befanden sich auch drei nebeneinander stehende Abbildungen; eine blonde deutsche Jüdin mit Gretchenfrisur, ein jemenitischer Schmied aus Jerusalem und eine Phantasie-Zeichnung eines chinesischen Juden. Darunter als Legende die Frage, ob die drei abgebildeten Menschen einer Rasse angehören. Es fehlte nur noch, daß man unter das Bild der zöpfetragenden blonden deutschen Jüdin die Frage gedruckt hätte: „Sieht so eine Jüdin aus?“ Sind sich die Hersteller und Verbreiter derartiger Pamphlete nicht dessen bewußt, wie lächerlich sie sich machen, wie würdelos es auf jeden halbwegs anständig und sauber denkenden Menschen wirken muß, wenn man krampfhaft zu beweisen sich bemüht, man habe nicht die geringste Spur von Eigenart und sei überhaupt nichts? Wir haben geglaubt, daß die vorangegangenen Meinungskämpfe in der jüdischen Welt jene Mentalität restlos vernichtet haben, die sich in Kriecherei und Anbiederung äußert. Die Publikationen des Central-Vereins vor der Wahl haben uns jedoch eines besseren belehrt. Und das Tragikomische an der Lage ist, daß der Central-Verein jetzt ernstlich behaupten wird, daß der Erfolg für die Richtigkeit seiner Handlungsweise spricht. Man kann nicht genügend energisch dieser Irreführung entgegentreten. Der Ausgang der Reichspräsidentenwahl ist in erster Linie dem Verhalten der besonnenen deutschen Arbeiterschaft zu verdanken. Der Erfolg Hindenburgs ist ein deutscher Erfolg und ist errungen worden, trotzdem die Juden in der gegebenen Sachlage sich für Hindenburg aussprechen mußten. Die Parteinahme der Juden für Hindenburg ist nicht eine Förderung seiner Aussichten gewesen, sondern eine Belastung, die auch von der ungeheuren Mehrheit der Hindenburg-Anhänger als solche empfunden wurde. Die Judenfrage hat am Tage der Wahl nur negativ eine Rolle gespielt. Für die jüdischen Menschenrechte hat keine Richtung es für nötig gefunden, auch nur ein herzhaftes Wort zu sagen. Trotz der anstrengenden Bemühungen des Central-Vereins ist Hindenburg siegreich gewesen. Die Würdelosigkeit der Central-Vereins-Publikationen hat (man könnte das mit dem gleichen Recht sagen wie der Central-Verein Erfolge für sich zu buchen bereit sein wird) das Gegenteil dessen bewirkt, was sie vorhatten. Die Wahl ist vorüber, die Juden werden gut daran tun, diese Dinge nicht zu vergessen. 1. s. Feuilleton Purim in der Synagoge von Swislowitz Von Schmarya Lewin Aus der im Verlag Ernst Rowohlt, Berlin, erschienenen Selbstbiographie Schmarya Lewins, die ein hervorragendes Bild jüdisches Leben im Osten gibt, entnehmen wir den folgenden Ausschnitt, der unseren Lesern gerade zu Purim willkommen sein wird. Zu den dringlichsten Vorbereitungen für das Purimfest gehörte die Herstellung der Knarren für das junge Volk. Die Knarre ist ein einfaches Werkzeug zum Hervorbringen von Geräuschen, durch welche die Kinder während des Purimgottesdienstes in der Synagoge ihre Verachtung kundtun, sobald der Name Haman erwähnt wird. Sie besteht aus einer gezahnten, kreisförmigen Holzscheibe, die um einen Griff befestigt ist. Ein rotierendes Gehäuse ist mit einem elastischen Holzvorsprung versehen, der gegen die Zähne der Scheiben stößt und dadurch einen ohrenbetäubenden Lärm erzeugt. Dies war die einzige Waffe, die uns in unserem Krieg gegen das Andenken Hamans, des Judenverfolgers, zu Gebote stand. Der Tag vor Purim ist ein Fasttag zur Erinnerung an das Fasten der Königin Esther, das sie sich auferlegte, ehe sie sich zu ihrem königlichen Gemahl begab. Die herrlichen, mit Nüssen und Mohn gefüllten Kuchen, Hamantaschen genannt, waren in großer Menge für uns vorbereitet. Schon ihre Form war ein Genuß. Sie waren weder rund wie Semmeln, noch länglich wie Striezeln: sie waren ganz anders als alles, was wir sonst während des Jahres aßen: seltsame, charakteristische, dreieckige Delikatessen, mit einem Namen, der ebenso seltsam war, wie ihre Form. Der zur Füllung der Kuchen gebrauchte Mohn war vorher in Honig gekocht worden. Die Füllung war nur knapp, wir pflegten aber den Kuchen systematisch zu essen, so daß mit jedem Mundvoll Kuchen ein Häpchen von dem honiggetränkten Mohn mitkam. Die Erwachsenen fasteten an diesem Tage. Es war aber keiner der wichtigeren Fasttage des Kalenders. Unsere verschiedenartigen Fasttage figurierten zu zweit: das schwarze und das weiße Fasten, das lange und das kurze Fasten, das Er- und das Sie-Fasten. Das schwarze Fasten ist der 9. Ab; das weiße Fasten ist der Versöhnungstag; das lange Fasten ist der 17. Tamus; das kurze Fasten ist der 10. Tewet; das Er-Fasten ist der lag nach Neujahr; das Sie-Fasten ist der Fasttag der Königin Esther. Meine Mutter fastete mit ganz besonderem Wohlgefallen vor Purim, weil es sich hier um eineu Fasttag zu Ehren einer Frau handeltete. Doch während sie fastete, war sie vom Morgen bis zum Abend mit der Zubereitung der Purimgerichte beschäftigt. Und ich lungerte um sie herum, um Abfälle und Überbleibsel von den verschiedenen Leckerbissen zu ergattern. Die heitere Rezitation der Megillah während des Purimgottesdienstes war nach der Tradition das Recht des Synagogenvorstehers Juda, eines Mannes, dessen strenges Ausehen im Widerspruch zu seiner jovialen Natur stand. Am Tage der Gesetzesfreude organisierte er ein Kinderheer zur Plünderung der Vorratsschränke der Stadt. Am Purimfeste sammelte er kein Heer, aber er wußte, daß die Stadtjugend während der Vorlesung der Megillah dafür sorgen werde, daß Haman nicht lebendigen Leibes davon käme. Wir warteten in atemloser Spannung auf das 3. Kapitel der Megillah, in welchem der Name Hamans zum ersten Male vorkommt. Während der ersten beiden Kapitel saßen wir wie Soldaten, die auf das Alarm-

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