Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag, — Bezugspreisjährlich: RM. 8.—. halbjährlich: KM. 4.—, vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. I Verlag, Auslieferung des ,,Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H ALT: Neue Arbeit — Feuilleton — Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo — Geschäftliches — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zeile 30 Rpf. / Famlllen- Anzeigen Ermäßigung / Anzeigen Annahme: Verlag des J fl d i sehen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 398? Nr. 12 München, 18. März 1932 19. Jahrgang Neue Arbeit! Durch den Ausgang des ersten Wahlganges am 13. ds. Monats für die Reichspräsidentenschaft in Deutschland ist nicht nur die deutsche Republik, sondern man kann es ruhig sagen, Europa und die ganze Welt, von einem Alpdruck befreit worden. Man darf sich aber, es sind einige Tage der Besinnung seit der Verkündung des Wahlresultates verstrichen, nicht der Täuschung hingeben, daß nunmehr die ungeheuren Schwierigkeiten, die auf Deutschland lasten, in irgendeiner Hinsicht irgendwie gemeistert sind. Man wird jedoch nicht fehlgehen, wenn man sagt, daß durch den großen Erfolg der Kandidatur Hindenburgs eine Atempause geschaffen ist, in der man mit mehr Ruhe als in den Monaten und Wochen vor der Wahl bestrebt sein kann, sich in der allgemeinen Situation zurechtzufinden. Der Kernpunkt aller Probleme ist die Wirtschaftskrise. Diese kann allerdings in irgendeinem günstigen Sinne nur in einer Atmosphäre der Ruhe angepackt und bekämpft werden. In dieser Hinsicht ist der Wahlausgang natürlich eine erfreuliche Tatsache. Aber die ganze Schwere der Krise drückt nach wie vor auf der Menschheit und insbesondere auf Deutschland. Aber auch in den rein politischen Fragen ist man noch lange nicht über dem Berge. Es stehen noch die verschiedenen Landtagswahlen bevor, und wie ihr Ergebnis aussehen wird, kann trotz des großen Wahlsieges des Reichspräsidenten Hindenburg niemand auch nur annähernd voraussehen. Ganz andere Gruppierungen und andere Rücksichten sind bei den Landtagswahlen maßgebend, und man wird gut tun, sich mit dem Gedanken abzufinden, daß die bisherige preußische Regierung in ihrer jahrelangen Zusammensetzung durch die kommende Wahl nicht mehr das Steuer der preußischen Politik wird lenken können. Vom jüdischen Standpunkt aus gesehen, ist das Ergebnis der Reichspräsidentenwahl zweifellos dazu angetan gewesen, beruhigend zu wirken. Man darf sich aber auch in dieser Beziehung keinen übertriebenenBewertungen hingeben. Wohl haben die Nationalsozialisten nur 28% aller abgegebenen Stimmen auf sich zu vereinigen vermocht, aber man darf nicht vergessen, daß die 2% Millionen Stimmen von Duesterberg auch ohne besondere Einschränkung einer ausgesprochen antijüdischen Richtung angezählt werden können. Dazu kommen zweifellos noch sehr viele Stimmen, die in keiner Weise geneigt sind, in den Juden gleichberechtigte und gleichwertig zu behandelnde Mitbewohner Deutschlands zu erblicken, wenn diese Stimmen auch für Hindenburg abgegeben wurden und damit dartun sollten, daß sie für eine möglichst gewaltlose und in Ordnung sich vollziehende Entwicklung sind. Der gegen die Juden gerichtete allgemeine wirtschaftliche Kurs wird nicht nur von den Nationalsozialisten getragen, sondern er entspricht den allgemeinen Wirtschaftstendenzen in der ganzen Welt und wirkt gegen die Juden automatisch, weil die Juden aus historischen Gründen sich in einer unglückseligen sozialen Schichtung befinden und die Wirtschaftsentwicklung, tendenziös aber faktisch, sich gegen sie richtet. Für die Juden in der Welt und besonders in Deutschland stehen die Kernprobleme mit gleicher Heftigkeit nach wie vor im Brennpunkt ihrer Interessen, nämlich die Frage der Umschichtung und Anpassung an eine sich verwirklichende Wirtschaftsstruktur, in der die Bedingungen für die Bewahrung der jüdischen Eigenart außerordentlich erschwert sein werden. Die Meisterung all dieser Aufgaben bleibt unter allen politischen Gegebenheiten die ureigenste Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft und kann mit Aussicht auf Erfolg nur im Wege der jüdischen Selbsthilfe angebahnt werden. Daß diese Bestrebungen, wie die Dinge liegen, in Deutschland, wenigstens in den nächsten Monaten, nicht in einer Stimmung der Panik und der physischen Bedrohung vor sich gehen können, ist das erfreuliche Ergebnis der Reichspräsidentenwahl, und das soll ohne Einschränkung von jüdischer Seite festgestellt werden. Die jüdischen Fragen aber sind in ihren wesentlichsten Bezirken eine autonom zu lösende Aufgabe der Juden selbst. Die jüdische Würde und das jüdische Schicksal sind von den Juden in erster Linie abhängig. Und darum ist es nicht überflüssig, nach der Reichspräsidentenwahl mit allem Nachdruck zu vermerken, bis zu welchem Grade die Verwirrung in jüdischen Kreisen während der schweren Tage des Wahlkampfes gediehen ist. Wenn man entsetzt erfährt, daß bei den Besprechungen Adolf Hitlers mit den Vertretern der westdeutschen Industrie in Düsseldorf sich, wie einwandfrei von verschiedenen Seiten festgestellt wurde, auch 30 jüdische Industrielle beteiligt haben, so kann man in dieser Tatsache nur eine Verirrung erblicken, die jedem Juden die Schamröte ins Gesicht treiben muß. Wenn man ferner beobachten konnte, daß viele Juden oder Judenstämmlinge sich beeilt haben, vor der Wahl ihr Mäntelchen nach dem Winde zu hängen und sich auf einen möglichen Sieg der Nationalsozialisten einzurichten, so muß man sich fragen, was bei diesen Elementen größer ist: die Würdelosigkeit oder die Dummheit. Und wenn man schließlich — und das ist im Namen einer großen l