Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 9 (26.2.1932)
- Date
- 1932-02-26
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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76 Das Jüdische Echo Nr. 9 eingemeißell worden. Auf die Ergreifung der Täler isl eine Belohnung ausgeselzt worden. Droht ein Schächtverbot in Hessen? Unter Drucksache 70 liegt folgender Antrag der nationalsozialistischen Landtagsfraktion vor: Wir beantragen: 1. Der Landtag beschließt: Die Regierung wird ersucht, alsbald dem Landtag einen Gesetzentwurf vorzulegen, wonach das beläubungslose Töten der Schlachtliere im Gebiete des Volksstaales Hessen bei Strafe verboten wird. 2. Der Landtag beschließt: Die Regierung wird ersucht, sofort auf die Reichsregierung dahin einzuwirken, daß diese sofort dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorlegt, der das betäuhungslose Tölen der Schlachttiere bei Strafe verbietet. Ohne irgendwie dieses nationalsozialistische Manöver bagatellisieren zu wollen, dessen Verwirklichung für die jüdische Bevölkerung Hessens natürlich nur eine Schikane bedeuten soll, wird ein solches Schäehtgesetz erst dann in Hessen in Kraft treten können, wenn eine neue Regierung gebildet sein wird, was bekanntlich ohne Mithilfe des Zentrums nicht möglich ist. Die derzeitige geschäftsführende Regierung (SPD. — Zentrum) denkt natürlich nicht daran, selbst bei Annahme obigen Entwurfes durch den Landtag entsprechende Anordnungen zu erlassen. Der Antrag ist unterzeichnet von — Dr. Bee, Dr. Wagner und Genossen — den Verfassern des Boxheimer Programms! Die schießwütigen Nazidoktoren wollen nicht betäuburngslos töten — natürlich nur Sehlachttiere .... 50 000 jüdische Erwerbslose in Deutschland Ein Preisausschreiben des berüchtigten „Stürmer: „Wieviele jüdische Erwerbslose gibt es in Deutschland?“ veranlaßt den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu einer Umfrage in den Großgemeinden. Es ergab sich infolge der Schwierigkeit der Erfassung der jüdischen Erwerbslosen durch die jüdischen Arbeitsnachweise kein zahlenmäßig ganz klares Bild. Das vom C.-V. errechnete Ergebnis stimmt mit der Auskunft des jüdischen Arbeitsnachweises in Berlin überein, daß man mit etwa 50 000 jüdischen Erwerbslosen in Deutschland rechnen kann. Das ist ein Prozentsatz, der dem Anteil aller Erwerbslosen an der gesamten Bevölkerung entspricht. Wieder Ausschreitungen an Universitäten Wilna, 12. Februar. Studenten, die Boykottaufrufe verteilten, überfielen jüdische Passanten in den Straßen Zawolna, Prosma, Wielka. Es sind an einem Tage 15 Juden, davon einige schwer, verletzt worden. Der Jüdische Parlamentsklub wird wegen dieser Vorfälle die Regierung im Sejm interpellieren. Ausschreitungen an der Bukarester Universität An der Bukarester Universität, wo in den letzten Semestern verhältnismäßig Ruhe herrschte, kam es am Sonnabend, dem 13. Februar, zu sehr schweren Ausschreitungen antisemitischen Charakters. Antisemitische Studenten drangen in die Hör- und Übungssäle der medizinischen Fakultät ein und schlugen auf die jüdischen Studierenden los, von denen mehrere erheblich verletzt wurden. Die anwesenden Professoren versuchten, die jüdischen Studenten zu schützen. Zwei Professoren begleiteten die bedrohten jüdischen Studenten vom Universitätsgebäude zur nächsten Autobushaltestelle. Die Hetzer aber folgten ihnen und hinderten die herankommenden Autobusse daran, die jüdischen Studenten mitzunehmen. Als die Professoren dann fortgingen, fielen die Cuzisten neuerdings über die jüdischen Studenten her und schlugen auf sie mit allerlei Schlagwerkzeugen ein. Dabei erlitten weitere jüdische Studenten erhebliche Verletzungen. Ein jüdisches Städtchen in Rumänien abgebrannt Bukarest, 11. Februar, ln der Nacht vom 7. auf den 8. Februar wurde ein sehr großer Teil des jüdischen Städtchens Moinesti bei Bacau durch Feuer vernichtet. Im ganzen sind 5J ausschließlich von Juden bewohnte Häuser den Flammen zmn Opfer gefallen. Von einem ganze vier Straßen umfassenden Stadtviertel sind nur mehr rauchende Trümmer vorhanden. Während des Brandes spielten sich unter der von einer furchtbaren Panik erfaßten Bevölkerung unbeschreibliche Schreckensszenen ab. Notdürftig bekleidet drängten sich die Massen auf der Flucht nach den windgeschützteren tiefer gelegenen Stadtteilen zwischen die Häuserreihen, aus denen turmhohe Stichflammen emporloderten. Es besteht der Verdacht, daß der Brand von verbrecherischer Hand gelegt wurde. Dr. Weizmann in Süd-Afrika K a p s t a d t, 10. Februar. Dr. Chaim Weizmann traf am 9. Februar in Kapstadt ein, um die Keren Hajessod-Kampagne in Südafrika zu leiten. Die jüdische Gemeinde Kapstadt bereitete ihm einen sehr warmen Empfang. Am 9. Februar besuchte Dr. Weizmann in Begleitung des Keren Hajessod-Pioniers Dr. Alexander Goldstein den Premierminister General Hertzog und den früheren Premierminister General Smuls. Die Unterhaltung mit den beiden Staatsmännern trug einen außerordentlich herzlichen Charakter. Sowohl General Hertzog als auch General Smuts erneuerten gegenüber Dr. Weizmann den Ausdruck ihrer Sympathie für die zionistische Sache und wünschten Dr. Weizmann und Dr. Goldstein besten Erfolg in ihrer Keren Hajessod-Kampagne, die jetzt beginnen soll. Gemeinden- und Vereins-Echo Hauswirtschaftliche Ausbildung für Mäjdchen Der Wohlstand der deutschen Juden isl in den letzten Jahren in weiten Kreisen dahingeschwunden. Für die jüdische Frau ergibt sich daraus die Notwendigkeit, milzusorgen für die Erhaltung der Familie, sei es durch Berufsarbeit , sei es durch Selbstarbeit und Ökonomie im eigenen Hauswesen. «Diese letztere Aufgabe wird ihr fast immer zufallen und so wird in der Zukunft sehr viel davon abhängen, ob die jüdischen Frauen imstande sein werden, mit geringen Mitteln und ohne Hilfskräfte ein Heim zu gestalten. Daran isl vor allem zu denken, wenn ein jüdisches Mädchen heute die Schule verläßt und vor der Frage ihrer weiteren Ausbildung steht. Es soll hier darum auf zwei Einrichtungen hingewiesen werden, deren Ziel es ist, jüdischen Mädchen eine gründliche hauswirtschaftliche Schulung zu gehen. Die vom Jüdischen Frauenbund, " Ortsgruppe München, gegründete Wirtschaftliche Frauenschule auf dem Lande in Wolfratshausen baut sich auf Mittelschulbildung auf. Die Hauptunlerrichlsfächer sind: Kochen, Waschen, Bügeln, Hausarbeit, Handarbeit, Gartenbau und Geflügelzucht, vertieft durch theoretischen Unterricht in Nahrungsmiltellehre, Botanik, Haushaltschemie, Buchführung. Die Schule isl staatlich genehmigt und steht unter der Leitung von staatlich geprüften Fachlehrkräften. Am Ende des Jahres legen die Mädchen eine Prüfung ab, die ebenfalls staatlicher Aufsicht untersteht, und so die Anrechnung aid die vorgeschriebene Berufsausbildung liir eine Reihe von sozialen, wirtschaftlichen und Lehrberufen ermöglicht. Die meisten der 96