Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 9 (26.2.1932)
- Date
- 1932-02-26
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9179893--12237-9084307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
74 Das Jüdische Echo Nr. 9 der unsinnigen „Klassenkampffreudigkeit“ der jüdischen Kommunisten. In diese trostlose Situation der jüdischen „Deklassierten“ brachte der Anfang des Jahres 1930 eine radikale Wendung. Gerade zur Zgit dieser Wendung der offiziellen Politik ihrer Haltung zu den ehemaligen Händlern und selbständigen Handwerkern wurde noch aus Moskau berichtet, daß auf die Bitte Tausender jüdischer Armen, ehemaliger Händler, man möge ihnen Ansiedlung in der Krim gestatten, der „Oset“ die Antwort erteilte, er könne es nicht zulassen, daß ehemalige Händler sich auf sowjetischen Boden ansiedeln. Zur selben Zeit wurde in Weißrußland verordnet, daß jüdische Kolonisten, die früher Händler waren und von ihren ausländischen Verwandten Unterstützung erhalten, wie auch solche, deren Eltern Händler waren, aus den Kolonien entfernt werden müssen. In der Zeit vom Oktober 1929 bis April 1930, also teilweise schon zur Zeit der neuen Politik, wurden neunhundert Handwerksstätten wegen Steuerrückständen gesperrt, ihre Maschinen, Werkzeuge und Rohstoffe konfisziert. Aber im April 1930 lesen wir in einem Dekret der Verbandsregierung, daß eine spezielle Kommission zum Schutze des jüdischen Handwerks eingesetzt werde, die unter anderem gegen überhohe Besteuerung der Handwerker zu wirken habe, für Belieferung der letzteren mit Rohmaterial für Kreditbeschaffung und Absatzerleichterungen Vorsorge treffen möge. Wörtlich heißt es in diesem Dekret: „Das Handelsgewerbe kann sich als sehr nützlich und notwendig für die industrielle Entwicklung des Räteverbandes erweisen und deshalb ist den Handwerkern normale Arbeitsmöglichkeit zu sichern.“ Und im Juni desselben Jahres werden in einer anderen Verordnung die Handwerker den Arbeitern gleichgestellt (was ja eine enorme Begünstigung bedeutet) für den Fall, daß sie Produkte verfertigen, die sich für den Export eignen. Also, Freiheit für diejenigen, die dem Staat Devisen verschaffen helfen. Diejenigen Handwerker aber, deren Erzeugnisse nur für den Inlandsmarkt hinreichen, bleiben in ihren Rechten begrenzt. Im Juni 1930 wird aus Moskau gemeldet, daß wegen des großen Arbeitermangels man sich in Weißrußland bei Bauarbeiten jüdischer Handwerker bedient, ohne nur die Frage ihrer sozialen Abstammung aufzuwerfen. Und als Krönung der neuen Epoche erklärte vor aller Welt der Präsident der Ukrainischen Sowjetrepublik Dudnik in seiner bäuerlichen Einfachheit „Wie darf man überhaupt davon sprechen, daß der Weg zum Handwerk jemanden verlegt werden kann, in einem Moment, da wir einen solch großen Mangel an Arbeitern verspüren?“ Und wenn unter solchen Umständen der Zentralverband der Kommunistischen Jugend (Komsomol) im September 1930 den Beschluß faßte, die Mobilisation von 5000 jüdischer Jungen zu, veranlassen, damit sie zur Verwirklichung des Fünf jahrplanes und zur Lösung des Problems des Arbeitermangels beisteuern, dann erinnern wir uns an Julius Cäsar, der, nach Otto Heller, gerne Juden in seine Feldzüge und Geschäfte hineinzog, und an die polnischen Könige und Großgrundbesitzer, die den verfolgten und flüchtenden westeuropäischen Juden gerne das Heimatsrecht in Polen erteilten und mit Privilegien ausslatteten, damit die Juden die weiten ukrainischen Gebiete für sie erschließen Eine soziale Gruppe, die sich der schicksalsschweren Verengung ihrer Lebenssphäre gegenübersieht, und der von allen Seiten mit dem Untergange gedroht wird, muß ganz elementare Kräfte entalten, um jener Gefahr entgegentreten zu können. Das Judentum, als ethnische Gruppe, ist, seit es die Hhuplgrundlage einer selbständigen, von autonomer Gesetzmäßigkeit geleiteten Existenz — des Territoriums Palästinas — entbehrte, in die geschilderte Zwangslage einer beengten sozialen Gruppe gelangt. Als Weg des geringsten Widerstandes scheint dabei in der ersten Reihe die Flucht vom Judentum, die Assimilation, das Aufgehen der Einzelnen in der Wirtschaft und Kultur des nicht jüdischen Mehrheilsvolkes, zu sein. Auf diesem Wege werden einzelne eine Volksgemeinschaft los, die ihren Kindern nur noch eine beengte Lebensäußerung zu gewährleisten imstande ist: die Flucht vom Fluch, ein Jude zu sein. Daß die Flüchtenden sich einer Ideologie bedienen, die ihr Verlassen der Lager des jüdischen Leidens ethisch rechtfertigen soll, ist begreiflich. Einst hieß diese Ideologie Liberalismus — Kulturkampf, universelle Menschheit, später soziale Gerechtigkeit, jetzt im Kommunismus — Wellrevolution. Aber das Judentum, als ethnische Gruppe, hat sich erhallen. Trotz der äußeren Kuliurannäherung an die nichtjüdischen Nachbarn, trotz der Aneignung ihrer Sprachen bleibt das Judentum und mit ihm die Judenfrage bestehen. Man hat den Juden oft, und nicht immer ungern, die eine oder die andere Betätigungsmöglichkeit am Rand der nichtjüdischen Volkswirtschaft und auf längere oder kürzere Frist geboten, aber von einer organischen Absorbierung größerer jüdischer Gemeinden durch die nichtjüdische Volkswirtschaften, weiß die jüdische ökonomische Geschichte nichts Wesentliches zu berichten. Für diese zwischennationalen Beziehungen galt immerfort jene eigenartige Gesetzmäßigkeit des jüdischen diasporalen Wirtschaftslebens, das wir als das Verhältnis der umgekehrten Abhängigkeit der jüdischen Wirtschaftsstruklur von der der nicht jüdischen Mehrheilsvölker formulieren. Somit bestand immer in der Geschichte der jüdischen Diaspora ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der effektiven Inleressenahme der nichtjüdischen Bevölkerung an einer bestimmten Tätigkeit, vor allem einer wirtschaftlichen, und der relativen Bedeutung der Juden in der Ausübung dieser Tätigkeit. Auch die jüdische Bevölkerung Sowjelrußlands, wie die nicht jüdische und die Politik der Sowjetregierung selbst, unterstehen dieser Gesetzmäßigkeit, die in der neuesten Etappe der Sowjetpolitik, in der liberalen Behandlung der ehemaligen sogenannten jüdischen Besilzgruppen (die heutigen „Deklassierten“), der Förderung der Produktivieriing und Industrialisierung der Jugend, sich einmal nun von ihrer „positiven“ Seite zeigt: der Jude wird gebraucht. Ihm liegt momentan eine Ehrenaufgabe ob — die Stopfung gefährlicher Löcher im Aufbauplan. Nicht aus den Erfolgen des Fünf jahresplanes, sondern aus seinen Nöten stammt die „neue“ jüdische Politik der Sowjets, die durch den Assimilationseifer der jüdischen Jünger als eine „neue“ Lösung der Judenfrage verkündet wird. Stanislaus Bender — fünfzig Jahre alt Als der in Lodz Geborene vor etwa 20 Jahren sich in München niederließ, hat er vorzugsweise sich als Maler betätigt. In weitere Kreise verbreiteten zwei Mappen „Szenen aus dem jüdischen Leben“ seinen künstlerischen Ruf. Mit den Mitteln der Farbe wie der Kohlezeichnung ließ er das schwere Leben der Juden im europäischen Osten erstehen mit aller Hingebung und aller Erfülltheit, die das Alltägliche durchglüht und erhebt. Aus diesem seelischen Kontakt heraus ist auch Benders neuestes Gemälde entstanden: „Sch’ma Jisrael.“ Mit eksta-