Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 9 (26.2.1932)
- Date
- 1932-02-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9179893--12236-9084306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Jüdische Echo Erscheinungszelt: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag, — Bezugsoreit' Jährlich: RM. 8—. halbjährlich: RM. 4.—. vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20 Rpf. / Verlag, Auslieferung des ..Jüdischen Echos“: München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H R L T : Untergang des Judentums — Stanislaus Bender, fünfzig Jahre alt Revisionisten versuchen, Bentwichs Antrittsvorlesung an der Jerusalemer Universität zu stören - Aus der jüdischen Welt Gemeinden- und Vereins-Echo — Geschäftliches Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. / Famlllen- Anzelgen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des J 1 d 1schen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/6B Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 9 München, 26. Februar 1932 19. Jahrgang Untergang des Judentums Randbemerkungen zu Ollo Hellers Buch Von Prof. Dr. S. G o 1 d 1 m a n n Auf den freigewordenen Platz der Assimilationsideologie, mit der der Liberalismus gescheitert ist und die der moderne Sozialismus abgeschüttelt hatte, erhebt jetzt der Kommunismus Anspruch. Wieder wird die Assimilation als Rettung angerufen, soll das Judentum dem Ideale einer Freiheitsbewegung zum Opfer fallen. Ausgerechnet das jüdische, kein anderes Volk. Allen anderen Völkern trägt der Kommunismus die nationale Freiheit an, nur das Judentum will er dem Untergangi zuführen. Der Auflösung entgegen, als Rettung aus der Judennot, der Assimilation, als Lösung der Judenfrage! Von den führenden kommunistischen Ideologen und Politikern (Lenin, Stalin), wie von ihren Jüngern (Otto Heller), wird dem Judentum das Recht für eine Nation zu gelten, in Abrede gestellt. Das diasporale Judentum, dekretiert man uns, ist keine Nation, sondern eine Kaste sozialökonomischer Ordnung. Im Westen ist diese jüdische Kaste, infolge der vereinheitlichenden Wirkung des Kapitalismus (nach Marx: die Christen wurden Juden), in der nicht jüdischem Mehrheit bereits aufgegangen; im Osten wurde nun diese jüdische Kaste durch die bolschewistische soziale Revolution vor die Notwendigkeit gestellt, im siegreichen Proletariat aufzugehen. Das Territorium ist das Haupt- und unentbehrlichste Merkmal einer Nation, das diese zu einer selbständigen (nach Lenin: „bis zur Lostrennung“) Existenz einzig berechtigt und solche auch sichern kann. Die Ostjuden dürfen die anderen Merkmale ihrer Nationalität, wie Sprache und Nationalcharakter behalten, sie können dies aber nur, insoweit die Nalionalpolitik Sowjetrußlands, die nur territorial fundierten Nationen Autonomie gewährt, von den Juden in Anspruch genommen werden darf. Daraus, als logische Folge, die Bekämpfung des Zionismus, als einer Bewegung, welche „den notwendigen Auflösungsprozeß“ des Judentums „hemmen will“. Dieser Assimilationsprozeß soll in Sowjetrußland durch Maßnahmen der Berufs- und Sozialuinschichlung der jüdischen Bevölkerung — durch Produktivierung, Proletarisierung und Industrialisierung — wie landwirtschaftlichen Ansiedlung, — also im Wege der Einreihung der Juden in den Wirtschaftskörper des Landes und ihrer Angleichung an die sozialökonomische Struktur der nichtjüdischen Mehrheit, verwirklicht werden. Einen unlösbaren logischen Widerspruch trägt in diese herrschende kommunistische Auffassung des Judenproblems die Proklamierung der Schaffung einer „autonomen jüdischen Republik“ in Birobidjan hinein. Bei der grundsätzlichen Bejahung der territorialen Fundierung, als unerläßlichen Bedingung freinalionaler Existenz, seitens der kommunistischen Ideologie, und bei Aufrechterhaltung des Birobidjaner Planes, fällt, als zweiter logischer Widerspruch, die grundsätzliche Bekämpfung des Zionismus seitens des Kommunismus auf. Nur wenn man die .sowjetrussische Judenpolitik aus den Zielsetzungen, Notwendigkeiten und vorübergehenden Bedürfnissen der politischen, propagandistischen, finanziellen und sozialwirtschaftlichen Plänen und Maßnahmen der kommunistischen Partei und Regierung einerseits, und aus einer soziologischen Analyse solch eines wichtigen Faktors, wie ihn die „jüdischen Kommunisten“ Sowjetrußlands darstellen, anderseits betrachtet, kann man zur richtigen Abschätzung jener Judenpolitik und ihrer Perspektiven für das Judentum gelangen. Nie hatte die Sowjetmacht in ihrer allgemeinen sozialökonomischen Politik Rücksicht auf die spezifischen Verhältnisse und Erfordernisse des jüdischen Massenhandwerks und Kleinhandels genommen. Zwölf Jahre hindurch hat man das Ziel des Niederkämpfens der privaten Wirtschaft verfolgt: daß dabei gerade unter den kleinstädtischen Juden ein Millionenheer Beschäftigungsloser, „Deklassierter“ sich ausgebildet hatte, bemerkte man mit Unwillen erst nachher, als die ausländische jüdische Philanlropie -sich einzumengen begann. Auch wurde diese Wohltätigkeit nur insofern geduldet, als sie auch nur im leichtesten der inneren Sowjetpolilik nicht Abbruch tat, also das Hauptziel, die Vernichtung der wirtschaftlich Selbständigen, nicht störte. Mit einem gerade umgekehrten Bild treffen wir uns bei der Ansicht der Behandlung des Bauers, der großen privatwirlsehaflenden Masse im Dorfe. Hier wurde während derselben ganzen Periode vorsichtig und schonend vorgegangen. Die jüdischen Händler und Handwerker blieben in ihrer Mehrheit rechtlos, die Mehrheit der nichtjüdischen Bauern, obwohl genau wie jene privat und individuell wirtschaftend, ist von Anfang an für vollberechtigt im Sowjetstaat anerkannt worden: noch mehr, der Staat selbst trug inoffiziell den Titel der „Arbeiter¬ und Bauernrepublik“. Bei den Juden durften nicht einmal die Kinder eines ehemaligen Händlers Anspruch auf politische Rechte erheben. Das Wohlwollen der Bauern brauchte man eben, die armen kleinstädtischen Juden fielen überhaupt nicht in die Waage des grandiosen sozialen Experiments der Bolschewiki: dafür fielen sie als Opfer