Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 8 (19.2.1932)
- Date
- 1932-02-19
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9179828--12229-9084299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 8 67 Das Jüdische Echo ßen, die einen Schleier einen Schleier genannt haben, wo die liberalen Juden das Wesen der Dinge zu sehen vermeinten. Da nun der Schleier gefallen ist — was erschrecken wir über die Konturen, die sich im hellen Tageslicht abzeichnen? Und haben wir wirklich zu allem, was uns geschehen könnte, nur ein bedingungsloses Nein zu sagen. Während unsere jüdischen Gegner die unterschiedslose Gleichheit aller betonten, während es für sie keinen sichtbaren und keinen unsichtbaren Rang gab, den sie nicht kraft Menschenrechts einzunehmen berechtigt gewesen wären, haben wir die These von der Zurückhaltung aufgestellt, haben wir bei aller inneren Gegensätzlichkeit in diesem Punkt Maß und Art unserer Mitwirkung in der nichtjüdischen Umwelt doch immer als ein schweres, stets erneut diskutiertes Problem aufgefaßt. Und mochte es sich früher in gewissem Grade wenigstens um eine freiwillige Zurückhaltung handeln, die jetzt zu einer unfreiwilligen werden wird, so mag das wohl einen Unterschied für . das Gefühl ausmachen, aber es ändert nichts am Wesen der Sache. Wir werden nur in der Praxis auf den Punkt gestellt, auf dem wir in der Theorie schon immer gestanden haben. Das wird um so deutlicher werden, als uns nun keine Hintertür mehr offen gelassen sein wird, durch die wir in den liberalen Staat entrinnen könnten. Solange der Staat wirklich liberal war — und er war das in den kurzen Nachkriegsjahren, nachdem durch die Revolution von 1918 nachgeholt war, was das Bürgertum von 1848 noch nicht hatte erreichen können —, solange er wirklich liberal war, konnten wir uns noch zur Erlangung zwar nicht spezifisch zionistischer, aber allgemein freiheitlicher Forderungen auf diesen Liberalismus berufen; wir brauchten nicht päpstlicher zu sein als der Papst. Wir konnten sehr wohl den Standpunkt vertreten, daß wir die Positionen, die man uns überließ, auch einnehmen und halten mußten, um so mehr, wenn Leistungsfähigkeit und Charakter das geistige oder staatliche Amt zum allgemeinen Nutzen verwalten ließen. Nur mußten wir uns dabei immer darüber klar sein, daß wir nur nahmen, was uns ‘besonders günstige Bedingungen gewährten, aber nicht erhielten, was uns kraft eines auch von uns anerkannten Rechtes tatsächlich unter allen Umständen zugestanden hätte. Die Umstände haben sich geändert. Der liberale Staat liegt in seinen letzten Zuckungen, und herauf kommt ein neuer Staatsbegriff geistiger und mythologischer Art. Das ist nicht anders möglich in einer Zeit allgemeinen Zusammenbruchs. In solcher Zeit, in der alle persönlichen Bindungen sich auflösen, flüchtet der Mensch in die überpersönliche Einheit des Staates, in den er nun all seine Sehnsucht nach Neugestaltung des Gemeinschaftslebens' ergießt und den er infolgedessen mit der ganzen Glorie seiner Zukunftsträume umgibt, ln solchem Staat werden wir nicht mehr viel zu bestellen haben, und wir sollten das nicht mit enttäuschter Resignation, sondern bereitwillig als Bestätigung eigener Erkenntnis hinnehmen. Ein Verfassungsplan für Palästina? Die angeblichen Vorschläge Bereits seit einiger Zeit sind, u. a. im Zusammenhang mit dem Besuch des Exkhediven Abbas Hilmi in Palästina, Gerüchte über Projekte eines jüdischarabischen Ausgleichs im Umlauf. Diese Nachrichten sind ihrer Natur nach vertraulich. In einer in London abgehaltenen Pressekonferenz teilte nun der Vizepräsident der Revisionistischen Union, Meir Großmann, mit, der englischen Regierung seien von den Arabern die folgenden Vorschläge unterbreitet worden, die als Basis der Verhandlung mit den Juden dienen sollen. Eine Paslästina und Transjordanien repräsentierende Gesetzgebende Versammlung soll sobald als möglich zur Wahl gestellt werden; ihre erste Aufgabe soll der Abschluß eines Vertrages mit der englischen Regierung als Einleitung für eine später zu erfolgende Aufhebung des Mandats sein. Palästina soll in eine arabische und eine jüdische Region eingeteilt werden. Als Bevölkerungsbasis dient die Volkszählung von 1931. Die Gebiete mit jüdischer Mehrheit sollen als jüdisch erklärt werden, ihnen soll eine Autonomie gewährt werden, die unter der Kontrolle der zu errichtenden Nationalen Arabischen Regierung stehen soll. Die Stadt Jerusalem ist als ein Sonderfall für sich zu behandeln und jedenfalls nicht der jüdischen Region anzuschließen, obwohl die Bevölkerung Jerusalems überwiegend jüdisch ist. Den Minderheiten wird eine Frist zur Abwanderung aus der einen in die andere Region gesetzt. In der arabischen Region ist die offizielle Sprache arabisch, dagegen soll in der jüdischen Region die arabische mit der hebräischen gleichberechtigt sein. Die Einwanderung aus dem Auslande soll der Kontrolle der Gesetzgebenden Versammlung unterliegen. Herr Großmann fügte an diese Mitteilungen eine sehr scharfe Kritik an. Die angeblich geplante Round-Table-Konferenz, so sagte er, enthülle die Absicht Englands, die Juden unter einen furchtbaren Druck zu stellen. Die Juden würden zu wählen haben zwischen den arabischen Vorschlägen oder der Fortdauer des gegenwärtigen englischen Regimes, das „den Tod des Zionismus bedeute“. Daher sei es die Pflicht der Revisionisten, diesen Plan „vor der ganzen Welt zu demaskieren“ als eine „Verschwörung“ gegen das Jüdische Nationalheim“. Herr Großmann erklärte, die geplante arabisch-jüdische Konferenz dürfe niemals stattfinden, es sei denn, daß vorher die jüdischen Rechte in Übereinstimmung mit dem Mandate anerkannt werden. In einigen jüdischen Zeitungen wurde die Abschrift eines Dokumentes wiedergegeben, das seit einigen Tagen in gewissen Londoner Kreisen in Umlauf ist und das angeblich Vorschläge des Ex- Khediven von Ägypten Abbas Hilmi Pascha zur Schaffung einer Grundlage für eine arabischjüdische Zusammenarbeit enthält. Über die Echtheit des Dokuments konnte nichts Sicheres in Erfahrung gebracht werden. Manche Politiker halten das ganze für eine Erfindung; andere glauben, daß die führenden arabischen Kreise tatsächlich dieses Dokument als Fühler in die Welt ausgesandt haben, um in Erfahrung zu bringen, wie ein solcher Plan von der jüdischen Welt aufgenommen werden wird; wieder andere halten die Möglichkeit nicht für ausgeschlossen, daß das ganze eine Provokation intransigenter Politiker darstellt, die den Zweck verfolgt, von jüdischen Führern und der jüdischen Presse die Erklärung herauszulocken, daß sie sich mit nichts geringerem als einem jüdischen Staat zufrieden geben werden. (Da noch nicht zu übersehen ist, was von diesen Berichten auf Wahrheit beruht, so werden wir erst in einer unserer nächsten Nummern eine genauere Darstellung bringen.) (Red.) * * *