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Das jüdische Echo · 1932-02-19 · 8 (19.2.1932) · p. Seite 66

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
8 (19.2.1932)
Date
1932-02-19
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 Das Jüdische Echo Nr. 8 ten kehrte dies eine immer wieder, daß es für den Deutschen unerträglich sei, die Pflege seiner geistigen Güter vorwiegend in jüdischen Händen zu wissen. Und wir pflegten zu erwidern, daß es Sache der Deutschen sei, sie in eigene Regie zu übernehmen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo das geschehen wird. Es bedarf dazu nicht etwa gesetzlicher Regelungen, die auf solchem Gebiete natürlich versagen müßten. Es genügt, däß der neue nationale Geist alle Bezirke des öffentlichen Lebens durchdringt, um ganz automatisch — abgesehen von allen direkten Eingriffen — nur noch die Art geistiger Produktion zu ermöglichen, die dem penetranten Geist der herrschenden Richtung entsprechen werden. Und das langgehegte Ressentiment der Bildungsantisemiten aller Schattierungen wird ein übriges tun, deutsches Geistesleben nur noch unter der Marke „garantiert echt“ zuzulassen. Die große Frage, die diese Betrachtung der Zeit an uns als Zionisten stellt, geht auf unsere innere Haltung anläßlich dieser Vorgänge. Auf unsere innere Haltung: denn wir können nichts tun, die Dinge aufzuhalten oder zu ändern. Was jetzt geschieht, geschieht mit der elementaren Kraft einer Naturgewalt, und alles kommt nur darauf an, mit welchen Empfindungen wir diese Gewalt über uns ergehen lassen. Es entsteht die Frage, ob auch wir gleich unseren jüdischen Gegnern einfach überrannt werden, ob auch für uns alle gültigen Werte versinken, so daß wir, nur Gewesenem verhaftet, in einer neuen Zeit stehen werden, Verlorenem nachtrauernd und ohne geistige Grundlage. Der Einzelne, vom Antisemitismus bedroht, wirtschaftlich abgleitend, mag mitunter so empfinden, aber wenn wir uns aus der Sphäre des privaten Leids erheben, wenn wir die Situation der Zeit der Grundkonzeption zionistischen Denkens konfrontieren, werden die Dinge schon ein anderes Gesicht gewinnen; in vielem werden wir uns sogar bestätigt finden. Waren wir nicht die Gegner jenes platten Fortschrittsgedankens, der eine vernünftige und blutlos gewordene Gesellschaft zu immer neuen Scheinsiegen vorrücken ließ? Und haben wir diesem Gedanken nur widersprochen, weil wir im Interesse unseres nationalen Gedankens, der als Reaktion gebrandmarkt wurde, ein Gegenargument gebrauchten? Oder war es nicht vielmehr das Gefühl für die schicksalsmäßige Verbundenheit mit unserem Volk, war es nicht das Wissen um den Ablauf unserer besonderen Geschichte, das uns jene höhere Vernunft eingab, aus der wir das Recht herleiteten, uns der kleinen zeitgebundenen Vernunft aller Fortschrittsleute der Welt entgegenzustellen? Diese Fortschrittswelt ist jetzt im Zusammenbruch und mit ihr die ganze Gedankenwelt des liberalen Judentums. Denn wenn schon zu einer Zeit, in der im Rahmen einer sich rapid zivilisierenden Welt auch das Judentum politisch und wirtschaftlich mit Macht aufstieg, die jüdische Missionsidee deklamatorische Phrase war, was bleibt heute von ihr übrig, wo sich endgültig zeigt, daß der ephemere Gedanke eines Jahrhunderts als Ewigkeitsgedanke in Umlauf gesetzt wurde. Jene liberale Judenheit muß es wahrhaftig schaudern, weil ihr mit der wirtschaftlichen Existenz auch die geistige entrissen wird. Aber warum schaudert es auch so viele von uns? Uns wird nichts entrissen; wir sehen nur dies: wie ein neuer Nationalismus als treibende Kraft unsere Umwelt ergreift, und es ist mehr als kurzsichtig, die äußere Erscheinungsform dieses Prozesses mit dem Wesen der Sache zu identifiziern. Es bedürfte einer besonderen Abhandlung, um das Wesen des Nationalsozialismus unter unserem Blickpunkt darzustellen. In diesem Rahmen muß der Hinweis darauf genügen, daß man zwischen der Partei als Organisation und ihrer Führung auf der einen Seite und den lebendigen Kräften hinter ihr auf der anderen Seite zu unterscheiden hat; es ist hinzuzufügen, daß der Parteiapparat und alles äußere Gefüge noch mancher tiefgreifenden Wandlung unterzogen werden dürfte, daß Hitler das erste, aber noch nicht das letzte Wort dieser Bewegung heißt, und daß bei aller Wandlung die lebendige Kraft bleiben, ja immer nur noch mehr anwachsen wird, die beides will: das Nationale und das Soziale. Diese Kraft mag vorübergehend wieder mißbraucht werden, sie ist nichtsdestoweniger in sich echt und groß; sie wächst tatsächlich aus einem Mythos, ohne den es in Deutschland heute noch viel trauriger aussehen würde, als es aussieht, weil die Menschen in ihrer Verzweiflung einer Fahne bedürfen, zu der sie emporsehen können, wenn sie selbst am Boden liegen. Der Spott der marxistischen Parteien über den Hauptträger dieser Bewegung, über das proletarisierte Kleinbürgertum, das nicht proletarisiert sein will und deshalb in Verkennung seiner tatsächlichen Lage zum Trabanten des „Monopolkapitals“ wird, ist deshalb so unangebracht, weil gerade der Marxismus diese breite und wichtige Schicht zwischen Kapital und Masse immer übersehen oder mindestens in ihrer Bedeutung stark unterschätzt hat. Vielleicht war es diese zu optimistische These von der automatischen Entwicklung, die zwischen Kapital und Masse nichts mehr übrig läßt, durch die heute auch der Marxismus in schwere Bedrängnis gerät. Gewiß: das Programm dieser Bewegung ist noch unklar und verworren, aber das ist auch gar nicht anders möglich, gerade deshalb, weil es eben noch keine konsolidierte Partei, sondern eine Bewegung ist. Es bewegt sich nämlich in erster Linie ein deklassiertes, proletarisiertes Bürgertum, dem der Boden seiner Existenz in jeder Beziehung entzogen ist; es bewegt sich aber auch ein Teil des Proletariats, der das Vertrauen auf den reinen Klassenkampfgedanken verloren hat. Sie bewegen sich von ihren historischen Grundlagen fort in eine neue, unbekannte, in diesem Augenblick tatsächlich noch nicht formulierbare Zukunft. Sie vertrauen dabei dem Elan ihres sozialen und nationalen Willens, und sie vertrauen, daß das Dunkel ihrer Zukunft immer noch heller sein wird als das Dunkel dieser ihrer Gegenwart. Gerade bei Zionisten, die mehr als ein nationales Lippenbekenntnis abgelegt, die die Volksgemeinschaft erlebt haben und bereit waren, die kleine Vernunft relativer Sicherheit, dies Fanal alles liberalen Judentums, der höheren Vernunft ihres vom E31ut getriebenen Willens zu opfern — gerade bei Zionisten also sollte ein tiefes Verständnis für diesen politischen Vorgang herrschen. Und wenn es trotzdem so viele auch von uns bei diesem Entwicklungsprozeß schaudert, so liegt das daran, daß die neue Welt, die hier heraufkommt, eine uns im höchsten Maße feindliche Welt ist; und daß es uns kalt wird vor dieser Welle von Haß und Verachtung gegen alles Jüdische, die sie gleichzeitig mit heraufführt. Gewiß, eine feindliche Welt, aber was überrascht dabei uns, deren erstes Dogma die Erkenntnis von dem unwandelbaren Fremdheitsgefühl unserer Umwelt gewesen ist? Was hat sich gegen früher geändert? Nichts als dies: daß die dünne Hülle gefallen ist, unter der, verschleiernd und abmildernd, auch vordem schon der gleiche Gegensatz zweier Welten lebte. Wir sind es gewesen, die sich durch diese Hülle nicht täuschen lie-

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