Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 8 (19.2.1932)
- Date
- 1932-02-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103089-9179828--12227-9084297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Erscheinungszelt: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag. — Bezugspreis: Jährlich: RM. 8.—. halbjährlich: RM. 4.-, vierteljährlich: RM. 2.—. Einzelnummer 20Rpf. I Verlag, Anslleferung des „Jüdischen Echos": München. Plinganserstraße Nr. 64. I N H R L T : Neudeutscher Nationalismus und Zionismus — Ein Verfassungsplan für Palästina? — Um die Einheitsgemeinde Das Urteil im Kurfürstendamm-Prozeß - Aus der jüdischen Welt — Gemeinden- und Vereins-Echo — Spenden-Ausweis Anzeigen: Die viergespaltene Millimeter-Zelle 30 Rpf. / Famlllen- Anzeigen Ermäßigung / Anzeigen- Annahme: Verlag des Jüdischen Echos. München. Plinganserstraße 64 / Telephon 73664/65 Postscheck - Konto: München 3987 Nr. 8 München, 19. Februar 1932 19. Jahrgang Neudeutscher Nationalismus u. Zionismus Soeben erschien in der Schriftenreihe (iin Verlas der Jüdischen Rundschau, Berlin W 15, Preis: RM. 1.—) ein Vortrag Dr. Gustav Krojankers „Zum Problem des neuen deutschen Nationalismus Eine zionistische Orientierung gegenüber den nationalistischen Strömungen unserer Zeit“ Der Vortrag Krojankers macht den Versuch, sich vom zionistischen Standpunkt aus mit dem neudeutschen Nationalismus auseinanderzusetzen. Der Zionismus als die nationale Erneuerungsbewegung des Judentums entstand im Kampf gegen das liberale Judentum, dessen historische Entstehung dazu geführt hatte, das Judentum — seine wirkliche Lebenssphäre verengernd — als eine lediglich religiöse Gemeinschaft zu betrachten, und das deshalb vor den wesentlichen Problemen, die das Judentum selbst und seine Stellung zur Umwelt aufwarf, versagen mußte. Ihm stellt der Zionismus das umfassende, nationale Bekenntnis entgegen und gewann damit für das Judentum sowohl wie für die jüdische Stellung in der Welt einen neuen, der Wirklichkeit gemäßeren Boden. Die heutige Situation, in der der Liberalismus des 19. Jahrhunderts zu einer historischen Epoche zu werden scheint und sich deshalb bereits einigermaßen übersehen läßt, reizt zu dem Versuch, diese innerjüdische Auseinandersetzung unter dem Gesichtswinkel der beiden großen Tendenzen, die die Zeit beherrschen, zu erkennen. ln dieser Absicht gibt Krojanker eine Darstellung des allgemeinen Liberalismus und weist in seinem Rahmen dem jüdischen Liberalismus, der eine besondere Abart des allgemeinen darstellt, seinen Platz an. Daneben stellt er den Zionismus als eine Erscheinung von doppelter Herkunft: einmal nämlich als eine nationale Bewegung, die als solche manche Grundvoraussetzung des Liberalismus ablehnen muß, dann aber als eine doch im Rahmen dieses Liberalimus herang'ewachsene, durch ihn ermöglichte und von ihr beeinflußte Bewegung. Es werden die Elemente aufgezeigt, die auch den jüdischen Nationalismus mit der liberalen Gedankenwelt verbinden. Dabei kommt es zu einer Scheidung zwischen der zeitgebundenen, historischempirischen Erscheinungsform des Liberalismus und dem ewigen Gedanken der menschlichen Humanitas, die wenigstens der Idee nach seines Wesens Grundlage bildete. Krojankers Arbeit stellt einen eigenartigen und interessanten Versuch einer zionistischen Orientierung dar, die zu einer Abgrenzung gegen den neudeutschen Nationalismus kommt, aber nicht von einem grundsätzlich anderen Boden aus, sondern bei voller Würdigung seines Grundgedankens und durch Einführung jener für einen wahren Nationalismus ewig gültigen höheren Gesetze. Wir bringen im folgenden aus dem überaus interessanten Vortrag einen Abschnitt, der sich mit der Haltung des Zionismus zum deutschen Staat der Zukunft beschäftigt. Was diese Umwandlung (vom Liberalismus zum Antiliberalismus) in wirtschaftlicher, politischer und geistiger Beziehung für Juden bedeutet, das liegt so klar zutage, daß es in seinen Hauptzügen nur angedeutet zu werden braucht. Ob der wirtschaftliche Abstieg, den wir schon jetzt erleben, die deutschen Juden wirklich sehr viel stärker trifft als die Nichtjuden, ist eine offene Frage; jedenfalls handelt es sich trotz aller gegenteiligen und an sich einleuchtenden Argumentationen im Rahmen dieses allgemeinen Abgleitens, das durch alle Schichten geht, gegenwärtig noch höchstens um Nuancen. Es scheint aber fraglos, daß der allgemeine Umformungsprozeß gerade sie in erhöhtem Maße ausstoßen wird. Das wird einmal durch die Logik der Ereignisse selbst geschehen, die dem Juden seine wirtschaftliche Überlegenheit nimmt. Das Feld seiner Leistung ist die freie Welt, in der das selbständige Individuum den Triumph seiner findigen Beweglichkeit ernten kann. In der gebundenen Wirtschaft, im Wirtschaftsdienst sozusagen, ist er bestenfalls Durchschnitt. Und wenn sich auch in ihr immer Lücken finden werden, die auszufüllen ihm zufallen wird, so wird doch wie schon in früheren Jahrhunderten seine Hauptenergie dabei verbraucht werden, diese Lücken aufzufinden und sich in ihnen zu behaupten. Neben diese automatische Herabstoßung des wirtschaftenden jüdischen Menschen aber wird die bewußte Ausstoßung treten. Denn überall, wo der Staat zu bestimmen hat, also auf einem immer wachsenden Felde, wird der Jude bewußt zurückgewiesen werden. Der polnische sogenannte Etatismus ist ein gutes Beispiel für diesen Prozeß, dessen nähere Darstellung deshalb unterbleiben mag. Was aber die politische und geistige Auswirkung angeht, so kann sie nur mit der eines neuen Ghetto verglichen werden. Der starke jüdische Einfluß im deutschen Geistesleben wird auf lange Zeit stark zurückgedrängt werden. Auch das wird ganz automatisch erfolgen. Es wird nämlich einfach für die Produktion jüdischen Geistes — ob nun politischjournalistisch oder künstlerisch-literarisch — kein Raum mehr sein. Erinnern wir uns an die Diskussionen, die der Zionismus seit Jahrzehnten mit den besten, den sogenannten geistigen Vertretern des Antisemitismus geführt hat. Neben vielen Argumen-