Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 6 (5.2.1932)
- Date
- 1932-02-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 51 len ungeduldig und unglücklich. Man kann aber auch von Dresden aus in 20 Minuten nach Bodenbach in der Tschechoslowakei fahren und die ganze Affäre erledigen. Und der Herr Kultusminister sollte sich über etwas anderes wundern, als darüber, daß man nach der Tschechoslowakei fährt und nicht . . drei Jahre nutzlos, aber „gesetzmäßig“ wartet. Der Kultusminister sollte lieber die zwei Möglichkeiten erwägen, um Tausende von Ehen, die heule oder morgen jedes der beiden Gatten verlassen kann, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen, endlich zu sichern. Paul Rohrbachs Palästina-Eindrücke Jerusalem, 15. Januar. (JTA.) „Dieser eine Tag war der interessanteste meiner Weltreise“, erklärte der Münchener Professor Paul Rohrbach dem Sekretälr des Keren Hajessod vor seiner Abreise nach Europa. Professor Rohrbach, der bekannte politische Schriftsteller, dessen Arbeiten über den Orient große Beachtung gefunden haben, kam soeben von einer sechsmonatlichen Reise, die ihn über Amerika, Japan, Indien, China und Ägypten geführt hat, nach Palästina. Er besichtigte hier die Heren-Hajessod-Siedlung Kirjath Anawim, das Sanatorium der Kupath Cholim in Motza, stattete Rechoboth einen längeren Besuch ab und hielt sich einige Stunden in Giwath Brenner auf. Hierauf besuchte er Tel-Awiw, wo er sich u. a. für die Vorbereitungen für die Levante-Ausstellung interessierte. und vor der Einschiffung in Haifa Nahalal. „Auf meiner ganzen Reise“, erklärte Rohrbach weiter, „die mich durch viele Länder geführt hat, habe ich an keinem Tage so interessante Erfahrungen gesammelt wie hier. Ich bedauere nur, daß es mir meine festgelegte Reise nicht gestattet, längere Zeit hier zu bleiben. Ich war zum erstenmal iln Palästina im Jahre 1898. Damals bin ich von Damaskus durch Transjordanien und Palästina geritten und fand den Emek Jezreel noch ausschließlich von Beduinen besetzt, ohne ein Zeichen von Ackerbau. Das zweitemal war ich im Lande im Jahre 1911. Der Fortschritt, den das Land in diesen Jahren gemacht hat, ist überraschend, ja überwältigend. In Stadt und Dorf sieht man neues Leben. Ich hoffe, ich werde Gelegenheit haben, in Wort und Schrift von meinem Aufenthalt in Palästina zu berichten.“ Aus der jüdischen Welt Eine neue Organisation Berlin, 29. Januar. (JTA.) In seinem Vortrag über „Die soziale Sendung der Gemeinde“, den Herr Bruno Woyda im Rahmen eines Gemeindeabends am Donnerstag, dem 28. Januar, abends, gehalten hat, machte der Redner Mitteilung von einer gegenwärtig im Entstehen begriffenen Arbeitsgemeinschaft der führenden jüdischen Organisationen in Deutschland, deren Ziel es sein soll, die deutschen Juden in ihrem Ringen um eine wirtschaftliche Existenz durch praktische Maßnahmen, wie Arbeitsbeschaffung und Berufsberatung, Krediterleichterung ‘u'sw. zu /unterstützen und dem Wirtschaftsboykott entgegeinzuwirken. Die Arbeitsgemeinschaft wird unter dem Protektorat des preußischen ILandeisverbandes jüdischer Gemeinden stehen und die führenden Organisationen aller Parteirichtungen einschließen, wie z. B. Gentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Zionistische Vereinigung für Deutschland, Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, H'auptstelle für jüdische Wanderfürsorge, Großloge des U. O. B. B., Rfeichsbund jüdischer Frohtsoldaten, Verband jüdischer Handwerker Deutschlands u. v. a. Die Arbeitsgemeinschaft wird ihre Arbeit noch in dieser Woche aufnehmen. Eine neue Serie von Friedhofschändungen Berlin, 28. Januar. (JTA.) In der letzten Zeit kamen in verschiedenen Teilen Deutschlands wiederum Schändungen jüdischer Friedhöfe vor. In Ribnitz in Mecklenburg wurde der jüdische Friedhoft verwüstet und beschmutzt. Ganze Reihen von Grabsteinen wurden mit Hakenkreuzen und Hetzsprüchen, wie „Juda verrecke“, sowie den Zeichen der nationalsozialistischen S. A. beschmiert. Der Friedhof wurde außerdem in nicht wiederzugebender WJeise besudelt. Als Täter wurden zwei Schüler der dortigen Realschule im Alter von 10 und 12 Jahren festgestellt; der eine von ihnen war durch seinen Bruder, der eingetragenes Mitglied der N. S. I). A. P. ist, verhetzt worden. Die beiden Jungen wurden bestraft. Der Direktor der Realschule hat ihnen in einer Versammlung der gesamten Klasse die Schändlichkeit ihres Tuns vorgehalten. Es ist ferner veranlaßt worden, daß die Täter oder ihre Angehörigen die Beschmutzungen entfernen. Fine weitere Friedhofschändung wird aus Oberöwisheim bei Bruchsal gemeldet. Dort wurde der über 500 Jahre alte jüdische Friedhof verwüstet. Vier Grabsteine wurden umgeworfen, an einem wurde die Platte mit der Aufschrift zertrümmert, bei einem anderen die Aufschriftplatte herausgenommen und in Stücke zerschlagen. Die Täter konnten noch nicht ermittelt werden. Umfangreiche antisemitische Studentenexzesse in Wien Wjien, 28. Januar. (JTA.) Am Donnerstag, dem 28. Januar, kam es in der Wiener Universität abermals zu sehr umfangreichen Ausschreitungen hakenkreuzlerischer Studenten gegen die jüdischen Studierenden. Mehrere jüdische Studenten wurden verletzt, sechs von ihnen erhielten tiefe Kopfwunden und mußten an der Unfallstelle verbunden werden, j In Univ/ rsitätskreisen befürchtet man, daß es sich bei /Jen heutigen Ausschreitungen um das Signal zu einer neuen Wellie antisemitischer Unruhen handelt. Die antisemitische Studentenschaft will mit dieser Unruhe-Taktik die Annahme der Regierungsvorlage über das rassische Studentenrecht durch das österreichische Parlament erzwingen. Fs wurde festgestellt, daß Abgesandte der nationalsozialistischen Studentenverbände aus Deutschland sich als die Initiatoren der neuen Ausschreitungen betätigten. Der Senat der Universität ist zusammengetreten, um über Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ruhe zu beraten. Am Abend vorher drangen Hakenkreuzler-Studenten in der Universität in eine Vorlesung des Bibelforschers Dr. Kaminka ein, in der sich katholische, evangelische und jüdische Hörer befanden, sangen antisemitische Lieder, brüllten „Juda verrecke“ und belästigten die Hörer, meist ältere Leute, unter denen sich auch der holländische Konsul befand, durch Beschimpfungen, Drohungen und Anrempelungen.