Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 6 (5.2.1932)
- Date
- 1932-02-05
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Das Jüdische Echo Nr. 6 nicht verloren haben. Die Aktion zur Förderung einer Mittelstan da n Siedlung ist heute nicht bloß ein Agitationsschlagwort. Sie verdient das Wohlwollen der Massen, da sie eine Maßnahme darstellt von unmittelbarer Nützlichkeit, die geeignet ist, das Interesse im Lager der jüdischen Massen wachzurütteln. Die Pauperisierung des jüdischen Vermittlers geht rapide vor sich in allen Ländern Westeuropas und nicht minder in Amerika. Außerdem daß der Jude von den Wohltaten der Existenz ausgeschlossen ist, eine Tatsache, der der Vermittler in Krisenzeiten und in Zeiten des Geldmangels ausgesetzt sein muß, ist der Jude heute noch einer neuen Plage preisgegeben, die ausschließlich ihn trifft; der Nationalisierung der Produktions- und Verkehrs-Instrumente. Wenn wir uns ansehen, was in dieser Richtung heute in Rußland, Deutschland, Italien und in Rumänien geschieht, führt alles zur Beseitigung des Vermittlers. Der „einheimische“ Vermittler findet Beschäftigung in den verstaatlichten Unternehmungen, der Jude aber bleibt draußen.... Sollen die Zionisten die Situation nicht ausnützen und den Mittelständlern nicht sagen, daß für sie die Tore Palästinas noch offen sind und daß eine bürgerliche jüdische Familie sich in Erez Israel niederlassen kann? Die Losung zum Aufbruch nach Palästina kann für jene ein Trostwort und einen Hoffnungsstrahl bilden, die täglich der Vernichtung ihres Vermögens Zusehen müssen. In Palästina kann dem reißenden Strom der unaufhörlichen Verluste Einhalt geboten werden und ein bescheidenes Vermögen kann durch rechtschaffene, ehrliche Arbeit wieder aufgerichtet werden.. In Ersz Israel wird eine neue Industrie geschaffen und neue Verkehrslinien in den Orient und zum Mittelmeer erschlossen. Neue Plätze können erobert werden. Der jüdische Mittelständler hat dort die Möglichkeit, sich nicht nur als Jude zu konsolidieren, sondern auch als Mittler im Güterverkehr. Weg mit der bisherigen Deprimierung! Die in der Existenz des jüdischen Volkes organisch verankerte zionistische Bewegung kann und muß den Wieg zum Lichte finden». Jeder hat bisher zur Stärkung des jüdischen Elementes in Palästina beigetragen, denn der palästinensische Jischuw — die Quintessenz des Judentums — war elastisch genug, um aus jeder Schwierigkeit Nutzen zu ziehen. Wir müssen auch in den Ländern der Galuth so verfahren und nicht vergessen, daß jede Epoche im Zionismus sein Losungswort haben muß. Jetzt komme ich zur Lage der Dinge in Rumänien zurück und frage; Wo sind unsere praktischen Menschen? Wo sind die Menschen der Realität (zum Unterschied von jenen, die Politik und Worte machen — diese werden wir sein), die Menschen der Ruhe, der Gelassenheit und der konstruktiven Kräfte? Wo sind sie? Die Berührung und Verschmelzung der ausschließlich philantropischen Bewegungen haben viele zu der Ansicht gebracht, daß die einzige Form des praktischen Zionismus die Sammlung für die Fonds ist. Öffentliche Fonds sind aber ein empfindliches Barometer für die Unbilden der Zeit. Ohne auf die Fonds zu verzichten, müssen wir unsere Arbeit auch auf der anderen Seite der praktischen propalästinensischen Tätigkeit zuwenden, besonders jener, die direkt und ohne Umweg zur Bevölkerung Palästinas führt: zur Anregung und Organisierung der Emigration. Schicken wir in einem Jahre 1000 jüdische Familien nach Erez Israel. 1000 Familien mit bescheidenen, aber eigenen Mitteln. 1000 Familien, die hier der Vernichtung ihrer Existenz und ihrer Zukunft entgegensehen. 1000 Familien, die in Palästina ein neues Leben beginnen können. 1000 Familien bedeuten mindestens 5000 neue Seelen als Zugabe zur Volkszählung im Palästina. Eine Anregung und ein Vorschlag, die wert sind der Aufmerksamkeit wirklich praktischer Menschen. Die „Grenz-Ehen“ Der preußische Kultusminister hat vor kurzem den jüdischen Landesverbänden und Gemeinden Mitteilungen über einschränkende Bestimmungen hinsichtlich der sogenannten „Grenz-Ehen“ zugehen lassen. Mit ähnlichen Verordnungen haben sich Kultusminister anderer deutscher Staaten an die betreffenden Landesverbände gewandt, ln diesen wird den Rabbinern nahegelegt, keine Ehedelegalionen mehr auszuslellen. Diese Verordnung bedeutet nichts anderes als ein Eheverbot für Abertausende von Brautleuten. Nicht aus Übermut sind bis jetzt Brautleute in die böhmischen Grenzstädtchen gefahren, um sich dort trauen zu lassen (in der Tschechoslowakei werden von Rabbinatsämlern vollzogene Trauungen gleich staatlich anerkannt); ein vom Staat geschaffener unerträglicher Rechtszusland ist die Ursache der „Unzuträglichkeiten“. Ausländer im allgemeinen und Angehörige bestimmter Staaten im besonderen können in Deutschland überhaupt nicht oder nur sehr schwer heiraten. Deutschland hält nämlich, im Gegensatz zu England, an dem Prinzip fest, daß Ehen von Ausländern nach dem Recht von deren Staaten zu schließen sind. In Deutschland wird ein Russe nur nach russischem Recht und nur mit russischen Papieren getraut und geschieden, obwohl der russische Staat ihn gar nicht als seinen Bürger anerkennt, wenn er vor 1918 die Heimat verlassen bat. Ein im Ausland geschiedener Österreicher kann in Deutschland nicht wieder heiraten, weil ein vorsintflutliches österreichisches Gesetz das „Ehehindernis des Katholizismus“ kennt. In Deutschland verkünden Gerichte von 1932 — wenn es sich um Österreicher, Polen oder Jugoslawen handelt—, daß Ehen zwischen Christen und Nichtchristen ungültig sind. Für Juden insbesondere bat dieser Zustand vollkommen untragbare Situationen im Gefolge. Zehn lausende in Deutschland lebende Juden wären schon zufrieden, wenn sie wenigstens unter einem jener obskuren ausländischen Rechte stünden. In der Tat nämlich stehen sie unter gar keinem Eherecht. Sie sind staatenlos. Diese Juden, denen man die Staatsbürgerrechte, die sie ihrem Geburtsort nach verdienten, verweigert, denen Deutschland, ihre zweite Heimat, diese Rechte nicht gibt, die zwar in der österreichischen Armee gedient haben, aber von Polen für Russen, und von Rußland für Rumänen erklärt werden — diese Juden vererben das Schicksal ihrer Galuth-Existenz noch auf die Kinder und Kindeskinder, die in Deutschland geboren sind. Wenn ihre Söhne und Töchter vor der Hochzeit aufs Standesamt kommen, dann beginnt eine internationale sinnlose Aktion zur Feststellung ihrer Slaatszugehörigkeil, oft vergebens. Da verlangt eine deutsche Behörde vom Polizeipräfeklen in Prceinysl ein Ehefähigkeilszeugnis für Brautleute. Der Polizeipräfekl kennt die Brautleute nicht und hat Bedenken, ein solches Zeugnis auszustellen. So streifen sich Gesandtschaft und Minister drei oder vier Jahre um das Ehefähigkeitszeugnis aus Prceinysl, inzwischen werden zwei junge Menschen vor War-