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Das jüdische Echo · 1932-01-29 · 5 (29.1.1932) · p. Seite 43

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
5 (29.1.1932)
Date
1932-01-29
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Das Jüdische Echo 43 Der Reisephilosoph Graf Hermann Keyserling ist in Deutschland durch sein Reisetagebuch eines Philosophen, mehr aber noch durch die von ihm in Darmstadt errichtete „Schule der Weisheit“ sehr bekannt geworden. Durch eigentliche Stellungnahme in jüdischen Angelegenheiten oder zu Fragen des Judentums hat er sich bis vor kurzer Zeit jedenfalls nicht hervorgetan, aber in seiner Schule der Weisheit hielten auch Juden Vorträge, in Büchern, die er herausgab, ergriffen Juden das Wort. Unlängst nun hat Herr Graf Keyserling einen Artikel geschrieben, in dem er das soziale Programm des Nationalsozialismus zwar ablehnte, im übrigen sich aber rückhaltlos zum Geiste Hitlers bekannte. Er preist sich darin glücklich, daß sein elfjähriger Sohn glühender Nationalsozialist ist. Neuerdings hat Keyserling nun, von einer jüdischem Zeitung deshalb angegriffen und von einem jüdischen Freunde um Aufklärung gebeten, seine Stellung etwas klarer formuliert. Dem Vertreter einer jüdischen Zeitung erklärte er, man hätte seine Stellung zum Judentum ungerecht und engherzig beurteilt, man dürfe nicht eine große nationale Erhebung auf „ihre Stellung zum Judentum zuspitzen“. Was er darunter versteht, erklärt er \n einem Brief an Professor Dr. Jakob Nacht vom Jüdisch-wissenschaftlichen Institut in Straßburg, den die Wiener „Neue Welt“ veröffentlicht. Dieser interessante Brief lautet: „Darmstadt, 6. Jänner 1932. Prinz-Christians- Weg 8. Geehrter Herr Professor! Sie dürfen die Hitler-Bewegung nicht nach dem beurteilen, was sie zurzeit gegen die Juden vorhat, sondern was sie für Deutsche bedeutet. Sie ist unzweifelhaft der Kristallisationspunkt einer gewaltigen nationalen Bewegung, der selbstverständlichen Reaktion eines starken Volkes gegen zuviel Ausbeutung und Verunglimpfung. Es gehen allgemach alle besten Kräfte hinein, und das bietet die Gewähr, daß nach einigen Monaten die unmöglichen Ideen des Rassenfanatismus in den Hintergrund treten werden. Die Deutschen sind kein revolutionäres Volk, so wird hier nie so heiß gegessen wie gekocht. Die nationalsozialistische Bewegung ist als verstärkter Widerhall oder Wiedergeburt der Freiheitsbewegung von 1813 zu verstehen. Einem Straßburger sagte ich voriges Jahr, lange bevor die nationalsozialistische Welle so noch wie heute anschwoll: Wäre Frankreich ebenso gedemütigt wie Deutschland heute, und wären z. B. Poincare und Millerand jung, so wären sie heute Nazi-Führer. Das ist die Wahrheit. Das Antisemitische, das ich, wie gesagt, durchaus verurteile, das aber an sich eine Kleinigkeit bedeutet im Vergleich zum großen Ganzen, erklärt sich zum Teil daraus, daß die russischen Greuel zum großen Teil auf Juden zurückgehen. Fortan ist die Idee, daß die Juden unter allen Umständen harmlos sind, historisch erledigt. Aber ich glaube nicht, daß Sie zu fürchten brauchen. Bis die Nazi an der Macht sind, wird so vieles weniger verulent geworden sein. Hochachtend Graf Keyserling.“ Dieser Brief dürfte gewiß typisch sein für die Haltung vieler geistiger Deutscher zum Nationalsozialismus und zum Judentum. Den Nationalsozialismus finden sie sympathisch, weil sie für seinen (leist halten, was der Herren eigener Geist ist und die jüdische Frage, an deren Behandlung durch den Nationalsozialismus sie seine Wirklichkeit erkennen könnten, wenn sie nur ein wenig die Augen aufinachen wollten, ist ihnen ein Problem sechsten Ranges. Friedhofsschändungen sind ihnen wahrscheinlich eine jüdische Erfindung; russische Greuel dagegen eine unumstößliche Wahrheit. Bis die Nazi an der Macht sind, wird freilich vieles weniger virulent geworden sein; darin hat der Herr Graf schon recht; auf außenpolitischem Gebiet zum Beispiel und bei der Lösung der wirtschaftlichen Frage etwa wird bestimmt nicht so heiß gegessen, wie die Nationalsozialisten tagtäglich ihre Parteisuppe aufkochen, der Rassenfanatismus aber wird, läßt man die Fanatiker nur an die Macht, vermutlich Orgien feiern. So weit er es in aller Öffentlichkeit und vielerorten unter freundlicher Duldung der Polizei heute nicht schon tut. Dieser Brief ist aber typisch auch noch in anderer Hinsicht. Darin nämlich, daß faktisch aucti viele hochgebildete und unterrichtete Leute in der Judenfrage eigentlich mit Hitler einig sind, wenn sie nur ihre ehrliche Meinung sagen und wenn sie auch nicht gerade Judenblut vom Messer fließen sehen sollen. Der Passus von den russischen Greueln könnte doch sehr zu denken geben und man wollte jedenfalls nicht mehr glauben, daß Bildung und Aufklärung gute Mittel gegen den Antisemitismus seien. In einer dritten Hinsicht scheint uns der Brief typisch für den Herrn Grafen Keyserling, in dieser allerdings für ihn ganz allein. Der Herr Graf scheint nämlich nicht nur mit seinen philosophischen Tagebüchern auf Reisen zu gehen, sondern auch mit seinen Überzeugungen. Nicht nur bezüglich der Judenfrage. Vor kurzem hat der Herr Graf, nämlich in Straßburg, vor großem Publikum einen Vortrag gehalten. Thema: „La nouvelle Europe.“ Und in diesem Vortrag hat er u. a. ausgeführt, daß höher zu werten sei als der Nationalismus die „Freundschaft aller Europäer“. Daß der Herr Graf engherzig ist, läßt sich danach wirklich nicht mehr behaupten. I. E. Das „American Palestfne Committee“ gegründet Washington, 19. Januar. (JTA.) Am Sonntag, dem 17. Januar, abends, versammelten sich in Washington zahlreiche führende Persönlichkeiten der drei amerikanischen politischen Parteien, der Republikanischen, der Demokratischen und der Fortschrittlichen Partei, um zur Gründung des American Palestine Committee zu schreiten. Die Gründungsversammlung fand im Rahmen eines Diners im Mayflower Hotel statt. Den Vorsitz führte Senator King. Die Versammlung war einberufen von einem Gründungsausschuß, dessen Vorsitz der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Charles Curtis, innehatte und dem der Vorsitzende des Komitees für auswärtige Angelegenheiten beim amerikanischen Senat Senator Borah. die Senatoren Swanson, Robert Lafollette, William King, Wagner, ferner die Mitglieder des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten Henry Rainey, der Führer der Majorität des Kongresses, und J. Linthicum, Vorsitzender des Komitees für auswärtige Angelegenheiten im Repräsentantenhaus, als Mitglieder angehörten. Die Kundgebung nahm einen sehr imposanten Verlauf. Die Gründung des amerikanischen Palästina-Komitees wurde von den anwesenden Politikern als ein historisch denkwürdiger Schritt vorwärts auf dem Wege der Ge-

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