Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 5 (29.1.1932)
- Date
- 1932-01-29
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Das Jüdische Echo Nr. 5 ders in der hebräischen Sprache, aneignen. Wiewohl der Hechaluz seine Hauptaufgabe darin erblickt, Pioniere für den Palästinaaufbau heranzubilden, ist seine Tätigkeit so verdienstvoll für die Gesamtheit der Juden und so beispielgebend auch für andere jüdische Jngendkreise gewesen, daß bisher keine einzige Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Berlin gezögert hat, den Hechaluz eine Subvention zu gewähren, die in einem lächerlich geringen Verhältnis zum Gesamtetat dieser Jugendorganisation stand, aber in sich die Anerkennung einer verdienstvollen Arbeit trug. Der Hechaluz pflegete RM. 2000.— jährlich von der Jüdischen Gemeinde als Subvention zu erhalten. Auch in diesem Jahre hat der Gemeindevorstand, dessen Mehrheit liberal ist, beschlossen, die regelmäßige Subvention an den Hechaluz weiterzuzahlen. In der Repräsentantenversammlung jedoch fand dieser Vorstandsbeschluß bei der liberalen Mehrheit keine Gnade. In abgestandenen, hundertmal gehörten Phrasen versuchten die Wortführer der Liberalen ihre Ablehnung zu begründen. Es kam zu einer namentlichen Abstimmung, und der Mechanismus des Fraktionszwanges wirkte wie ein Fallbeil. Mit erdrückender Mehrheit wurde das Subventionsgesuch des Hechaluz abgelehnt. War schon die Empörung weiter Schichten der jüdischen Wählerschaft anläßlich des unbegreiflichen Verhaltens der Liberalen in Sachen der Flebräischen Universität hochgradig gewesen, so ist man jetzt in der gesamten jüdischen Jugend und in weiten Kreisen der Wähler, auch in liberalen, entrüstet über das Unverständnis und die Engstirnigkeit der liberalen Mandatare in der Berliner Repräsentanz. Man erblickt in diesem Beschluß einen Willkürakt schlimmster Art. Weite Teile der jüdischen Bevölkerung in Berlin sind, ob zionistisch organisiert oder der Zionistischen Organisation fernstehend, Freunde der Bestrebungen, die im Hechaluz ihren Ausdruck finden.. Die jüdische Jugend aus dem Hechaluz und aus fast allen anderen jüdischen Jugendverbänden erblickt in diesem Verhalten der liberalen Mehrheit, eine Brüskierung der gesamten jüdischen Jugend, die aus eigener Kraft darnach strebt, sich menschlich und jüdisch umzustellen und den Bestand des Judentums zu sichern. In den nächsten Tagen werden demgemäß in Berlin zahlreiche Protestversammlungen gegen das Verhalten der liberalen Mehrheit in der Berliner Jüdischen Gemeinde stattfinden. Die Stellungnahme dieser liberalen Mehrheit in allen jüdischen Fragen ist unverständlich. Sowohl in der Auffassung über die Pflichten der größten Judengemeinde in der gegenwärtigen Zeit, wie auch in Fragen der Verwaltung und in der Stellungnahme zu den einzelnen innerjüdischen Richtungen hat diese liberale Mehrheit bis jetzt gezeigt, daß sie nach keiner Richtung den Notwendigkeiten der Zeit gewachsen ist. Der Beschluß in Sachen des Hechaluz ist der Tropfen gewesen, der das Faß zum Überlaufen gebracht hat. Man hat in der jüdischen Öffentlichkeit die Empfindung, daß das Maß voll ist. Die Jüdische Volkspartei in der Gemeinde hat bisher genug Geduld und Langmut bewiesen, nur zu dem Zwecke, um während der schweren Krise keine überflüssige Erregung und Unsicherheit in die Gemeinde hineinzutragen. Nun ist ihre Geduld erschöpft. Wenn die Liberalen es nicht anders haben wollen, so wird der Kampf in die jüdische Öffentlichkeit getragen werden, und diese soll ihr Votum abgeben, was sie von den Vertretern des Assimilationsjudentums hält, die gedanklich und jüdisch in einer Zeit zu leben scheinen, die längst verschwunden ist, ebenso verschwunden wie die große Illusion der deutschen Judenheit, der Ahasver-Fluch sei von ihr genommen und sie hätte nach ‘jahrtausendelanger Wanderung Sicherheit erlangt. 1. s. Antisemitische Krawalle an der Berliner Universität Die ganze vorige Woche stand im Zeichen nationalistischer Studentenunruhen an der Berliner Universität. Die Ausschreitungen begannen im Anschluß an die Wahlkämpfe für die Studentenvertretung und trugen zunächst einen nationalsozialistischen, antisozialistischen Charakter, wobei der Judenpunkt ein, aber nicht das Hauptmotiv der Exzesse war. Aber wie es sich so in der Regel im Laufe von nationalsozialistischen Aktionen ergibt, nahmen die Kampfhandlungen immer deutlicher die Richtung gegen die jüdischen Studiengenossen. Den Höhepunkt der Ausschreitungen bildeten die Ereignisse am Freitag. Da gingen die Nationalsozialisten zum Generalangriff über, veranstalteten unter Zuziehung von nichtstudentischen Elementen, besonders S. A.-Leuten, einen sogenannten „Steh- Convent“ und überfielen dann einzelne jüdische Studenten, denen sozialistische und demokratische Studienkollegen zu Hilfe eilten. Bald gab es zwei miteinander ringende Lager. Auf der einen Seite eine viele hundertköpfige Schar von Nationalsozialisten, auf der anderen etwa 60—70 demokratische und sozialistische Studenten, unter ihnen ein erheblicher Prozentsatz Juden. Die Hauptangriffe der Nationalsozialisten richteten sich gegen die Verbindung im K.-C. „Sprevia“ (eine, wie aus dem Namen freilich nicht sofort ersichtlich, rein jüdische Verbindung). Eine große Anzahl von Spreven ist denn auch bei den Schlägereien mehr oder minder schwer verletzt worden. Das Rektorat und die Pedelle erwiesen sich machtlos, die Ruhe wiederherzustellen, und so mußte dann die Polizei eingreif en. Der Polizeikommandant ließ zunächst mit Gummiknüppeln seine Mannschaften gegen die jüdischen und linksgerichteten Studenten los. Er war wohl der irrtümlichen Meinung, daß die Provokation und der Angriff von der in einen Wünkel gedrängten Minderheit ausgegangen seien. Schließlich erkannte die Polizei ihren Irrtum und ging nun auch gegen die Nationalsozialisten vor. Da alle Berichte über das Eingreifen der Polizei in diesem Punkte übereinstimmen, hat es den Anschein, daß der Polizeioberleutnant und seine Mannschaften im besten Glauben gehandelt haben. Es ist aber ein merkwürdiger Zufall, der sich leider in der letzten Zeit oft wiederholt hat, und der übrigens auch ln anderen Ländern und Orten Parallelen findet (siehe Wilna), daß sich die eingreifende Obrigkeit zunächst gegen die Attakierten und nicht gegen die Exzedenten richtet. Der Ermordete ist schuldig. Es kann jedenfalls kein Zweifel mehr daran sein, daß die Krawalle planmäßig vorbereitet und durchgeführt werden; ein Beweis dafür u. a. ist, daß die nationalsozialistischen Mediziner, die beruflich kaum etwas im Universitätsgebäude zu suchen haben, zur Prügelei prompt erschienen waren. Auch dieser Vorfall zeigt wieder einmal, daß die Universitäten gegenwärtig weniger Pflegstätten des Geistes als Brutstätten der Verhetzung sind.