Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 3 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Das Jüdische Echo Nr. 3 schaft den Versuch macht, die Führung aller Aktionen, welche von einzelnen Richtungen im deutschen Judentum in der gegenwärtigen Zeit unternommen werden, zu ergreifen. Führung bedeutet nicht, daß alle notwendigen Arbeiten, notwendig im Sinne der einzelnen Richtungen im deutschen Judentum, von der Vertretung der Gesamtheit auch durchgeführt werden. Es gibt verschiedene Details innerhalb der Abwehrarbeit, die auf Grund von Tradition und Erfahrung von einzelnen Vereinen viel besser erledigt werden können als von der Vertretung der Gesamtheit. Es ist bekannt, daß einzelne jüdische Verbände zu bestimmten Parteien innerhalb des deutschen Volkes besondere Bindungen und Beziehungen haben. Hingegen ist es vollkommen abzuweisen, daß derartige Einzelvereine den Anspruch erheben, zu den zentralen Körperschaften des Staates im Namen der jüdischen Gesamtheit zu reden. Die Entwicklung in Deutschland kann es notwendig machen, daß mehr als einmal namens der Judenheit Schritte bei der Reichsregierung oder bei den einzelnen Staatsregierungen unternommen werden müssen. Diese Regierungsstellen sind die Vertretungen der deutschen Gesamtheit. Wenn man durch Intervention bei den zentralen Regierungsstellen irgend etwas durchsetzen will, so kann man sich einen eventuellen Erfolg viel eher versprechen, wenn diese Vorstellungen nicht von einem Einzelverein, sondern von den Vertretern der jüdischen Gesamtheit erhoben werden. Derartige Maßnahmen umfassen begrifflich das, was wir unter Führung bei der notwendigen Wahrnehmung jüdischer Interessen in der gegenwärtigen Lage verstehen. Es kann sich als geboten erweisen, daß abgesehen von Interventionen bei den Zentralstellen auch eine Fühlungnahme mit einzelnen politischen Parteien oder Einzelpersönlichkeiten erfolgen muß. Derartige Aktionen müssen nicht von der jüdischen Gesamtheit ausgehen. Sie können vom Central-Verein oder einer anderen jüdischen Organisation erfolgen. Es gibt zahlreiche Detailaufgaben im Komplex dieser Arbeiten, die von anderen jüdischen Vereinen besser geleistet zu werden vermögen, als sagen wir von den Vorständen der jüdischen Gemeinden, von döni Landesverbänden oder von der (Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände. Darüber hinaus als Krönung und Zusammenfassung ist jedoch notwendig, daß die Gesamtheit der deutschen Juden durch ihre gewählten Vertretungen ihre Aktivlegitimation betätige, wenn es sich darum handelt, die Gesamtinteressen der Juden in einem bestimmten Zeitpunkte und für eine lebenswichtige Angelegenheit zu wahren. Wir haben in der Woche des Weihnachts-Burgfriedens betont, daß die gewährte Atempause dazu ausgenützt werden muß, eine Koordinierung aller Abwehrarbeiten vorzunehmen. Diese Anregung lag sozusagen in der Luft. Tatsächlich sind u. a. von der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland, von der Berliner Jüdischen Gemeinde, Schritte nach dieser Richtung unternommen worden. Wenn wir gut unterrichtet sind, soll in der nächsten Zeit auch eine Besprechung der Vertreter aller Landesverbände in dieser Hinsicht erfolgen. Hoffentlich werden diese Aktionen zu einem befriedigenden Ergebnis führen, und wir werden dazu gelangen, daß in dieser Notzeit die deutsche Judenheit sich als Notgemeinschaft empfindet und im Wege ihrer Gesamtvertretung die Führung bei der Wahrnehmung aller jüdischen Angelegenheiten ergreift und alles veranlaßt, was in den einzelnen Phasen der Entwicklung sich als unumgänglich erweisen wird. 1. s. Julius Rosenwald gestorben Neuyork, 6. Januar. (JTA.) Am Mittwoch, dem 6. Januar, abends, verstarb in seinem Heim in Chicago Herr Julius Rosenwald im Alter von 69 Jahren. Er galt als der reichste Jude der Gegenwart und als einer der größten jüdischen Philanthropen in der Geschichte. Julius Rosenwald wurde am 12. August 1862 in Springfield, im Staate Illinois, geboren. Er kam in jungen Jahren nach Neuyork, wo er seine geschäftliche Laufbahn als Angestellter der großen Bekleidungsfirma Hammerslough Bros, begann. 1885 trat er in die Firma Sears Roebuck & Co. in Chicago, das größte Postversandgeschäft der Welt, ein und wurde 1910 deren Präsident. Seit vielen Jahren betätigte sich Julius Rosenwald'auf jüdischem und nichtjüdischem sozialen Gebiete. Das American Joint Distribution Committee unterstützte er seit dessen Bestehen. 1925 spendete er für den United Jewis Campaign des J. C. D. eine Million Dollar, 1928 gab er fünf Millionen Dollar für das vom Agorjoint geführte jüdische Kolonisationswerk in Rußland, das unter der Leitung von Dr. Joseph Rosen steht. Rosenwald wurde neben Felir M. Wiarburg Ehrenpräsident des Agrojoint. Er betätigte sich auch auf dem Gebiete des jüdischen Rechtsschutzes, gehörte unter Louis Marshall dem Vorstand des American Jewish Committee an und wurde nach Marshalls Tode Vizepräsident des Committees. Für den Louis- Marshall-Gedächtnisfonds des Jewish Theological Seminary of America spendete Rosenwald 500 000 Dollar. Julius Rosenwald war einer der wenigen führenden Persönlichkeiten, die der durch Bemühungen von Louis Marshall und Felix M. Warburg geschaffenen erweiterten Jewish Agency nicht beitraten. Er vertrat die These, daß eine auf Subsidien basierte Einwanderung, wie die der Juden nach Palästina, nicht die erwünschten Früchte tragen können und daß den Juden dort geholfen werden muß, wo sie sind. Dabei erklärte er, daß seine Nichtbeteiligung an der Palästinabewegung (keineswegs bedeuten solle, daß er ein Gegner des Zionismus ist. Als nach Erscheinen des Paßfield-Weißbuches die Erregung der amerikanischen Judenheit gegen die englische Politik in Palästina hoch ging, erschien Julius Rosenwald in der in Neuyork stattgefundenen großen Protestversammlung und hielt sogar von der Tribüne aus eine Ansprache, in der er erklärte, daß er sich mit der von der amerikanischen Judenheit in dieser Frage angenommenen Haltung identifiziere. Von Rosenwalds Schenkungen für allgemeine philanthropische Zwecke sind besonders hervorzuheben: Zwei Millionen Dollar für .die Universität von Chicago; eine Million Dollar für ein Chicagoer Museum für Industrie; eine Million Dollar für Hilfsarbeit in Osteuropa ohne Unterschied der Konfession; drei Millionen Dollar für Schulen in den Negerterritorien Nordamerikas, sowie unzählige kleinere und größere Beiträge für kulturelle, religiöse und soziale Zwecke in Amerika und in Europa. Neuyork, 8. Januar. (JTA.) Über die Höhe des hinterlassenen Vermögens Julius Rosenwalds gehen die Meinungen auseinander; es wird auf 300 bis 600 Millionen Dollar geschätzt. Rosenwald hat zu seinen Lebzeiten rund 55 Millionen Dollar für charatative, religiöse und (erzielherische Zwecke ausgegeben.