Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 2 (8.1.1932)
- Date
- 1932-01-08
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Das Jüdische Echo Nr. 2 direktor Ohnesorge, daß Stürme aus so entfernten Lokalen auf dem Kurfürstendamm waren? Das ist ja gerade ein Beweis dafür, daß die Sache nicht organisiert war, meint Graf Helldorf. Sonst hätten wir ja die Stürme vom Westen auf den Kurfürstendamm werfen können. Das ist kein Beweis, erwidert daraufhin Landgerichtsdirektor Ohnesorge. Erfahrungsgemäß wissen wir, daß in solchen Fällen absichtlich Leute aus entfernten Stadtgegenden herangezogen werden. Auf Graf Helldorf folgt als nächster Angeklagter sein Adjutant Ernst, dann Gewehr, Külins u. a. Im Prozeß gegen die Führer und Geführten bei den antisemitischen Ausschreitungen auf dem Kurfürstendamm am letzten jüdischen Neujahr sind aus Anlaß des Weihnachtsfestes sämtliche Angeklagten bis auf zwei aus der Haft entlassen worden. Ein Teil der Presse weist darauf hin, daß das Gericht aus Anlaß des christlichen Weihnachtsfestes eine sehr große Milde gegen diejenigen walten läßt, die das jüdische Neujahrsfest auf so grausame Weise gestört hatten. Der „Vorwärts“ veröffentlicht ein in Berliner SA-Kreisen zirkulierendes Rundschreiben, das von mehreren ehemaligen SA-Führern, u. a. vom Führer des SA- Sturms 24, Fritz Günther, unterzeichnet ist. Es heißt darin u. a.: „...Wir haben die Pflicht, offen und ohne Rücksicht auszusprechen, weshalb wir nicht mehr hinter den Führern Goebbels und Helldorf stehen — hinter Leuten, die uns verraten und verkauft haben: man hat uns als SA-Funktionäre und SA-Leute plan- und befehlsgemäß in die Zusammenstöße am Kurfürstendamm hineingehetzt, um uns dann schmählich im Stich zu lassen. Ihr wißt, daß es schon drei Tage vor den Krawallen bei uns allen offenes Geheimnis war, daß zum jüdischen Neujahrstag eine Aktion der SA steigen sollte; an diesem Ta^e selbst wurde mittags den SA-Führern ein Dienstzettel zugestellt, der die Anweisungen enthielt, daß wir geschlossen uns am Abend an bestimmten Plätzen zu versammeln lieben, „das Koppel untergeschnallt“, ln den SA- Küchen wurde gleichzeitig (auch daran könnt ihr euch erinnern) dieser Befehl schon Stunden vorher von Mund zu Mund weitergegeben. Und am Abend selbst erschien Graf Helldorf in eigener Person, gab uns diese und jene Befehle und dirigierte uns schließlich nach dem Kaffeehaus Reimann — das wenige Minuten später zerstört war. Ihr wißt, Kameraden, daß wir nur befehlsgemäß gehandelt haben; doch im Prozeß? Man überließ uns unserem Schicksal!“ Zwei Berliner SA.-Leute wegen Mißhandlung jüdischer junger Leute veruteilt Berlin, 31. Dezember. (JTA.) Das Schöffengericht Berlin-Schöneberg verhandelte gestern gegen drei Berliner SA.-Leute, Lembke, Hasse und J„ die zusammen mit etwa 50 anderen Nationalsozialisten gegen 11 Uhr abends am jüdischen Neujahrsfeste drei jüdische junge Leute auf dem Nollendorfplatz überfielen, sie schlugen und mit den Füßen traten. Einer von den Überfallenen wurde böse zugerichtet. Ein Überfall-Kommando jagte den Trupp in die Flucht und nahm drei Mann fest. Das Gericht verurteilte Lembke und Hasse zu je vier Monaten Gefängnis und sprach J„ der anscheinend mit dem Trupp nichts zu tun hatte, frei. Sühne für den Nazi-Überfall auf das Cafe Erbau in der Friedrichstraße Berlin, 29. Dezember. (JTA.) Sechs SA.- Leute vom Sturm 17 hatten sich vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte wegen des Überfalls auf das Cafe Erban am Oranienburger Tor unter der Anklage der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung zu verantworten. Der Angeklagte Kaufmann Wolfgang Lohmann hatte in dem Lokal einen jüdischen Gast belästigt, indem er ihm immer wieder Hakenkreuzmarken anbot und sie ihm an die Kleider heftete. Er wurde daraufhin vom Wirt auf die Straße gewiesen. Dabei äußerte er, er werde mit seinen Leuten vom Sturm 17 wiederkommen und in dem Lokal aufräumen. Zwei Tage später erschien Lohmann tatsächlich in Begleitung von 5 weiteren SA.-Leuten im Lokal. Die Eindringlinge provozierten eine Schlägerei und gaben vier Schüsse ab. Der Wirt und einige Gäste wurden verletzt. Da der Vorgang nicht ganz geklärt werden konnte, wurden vier von den Angeklagten wegen Mangels an Beweisen freigesprochen, während Lohmann wegen Bedrohung zu zwei Monaten Gefängnis und der Chauffeur Fritz Kummer wegen Vergehens gegen das Schußwaffengesetz zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Antisemitischer Roheitsakt in Königsberg Berlin, 23. Dezember. ((JTA.) Zwei Nationalsozialisten überfielen in der Dunkelheit in einer Straße in Königsberg einen jüdischen Handlungsgehilfen und versetzten ihm mit einem gefährlichen Gegenstand, wahrscheinlich einem Totschläger, einen schweren Hieb auf den Kopf. Der Überfallene erhielt eine stark blutende Wunde und mußte sich in ärztliche Behandlung begeben. Die Täter konnten zwar entkommen, doch ist der eine als ein Nationalsozialist erkannt worden, dem der junge Mensch als Jude bekannt war. Geven ihn ist Strafantrag wegen Körperverletzung gestellt worden. Synagogenschändung in Hamburg Hamburg, 28. Dezember. (JTA.) In der Nacht vom 27. zum 28. Dezember haben bisher unerkannt gebliebene Täter einen gut organisierten Überfall auf die größte Synagoge von Hamburg, das Gotteshaus am Bornplatz, verübt. Es sind die sechs Scheiben der zur Straßenfront hinaus gelegenen Fenster der Wochentags-Synagoge zertrümmert worden. Im Innenraum des Bethauses fand man eine Anzahl großer Pflastersteine, mit denen die Schändung ausgeführt worden ist. Die österreichische Presse gedenkt des 10. Todestages von Josef Popper-Lynkeus Wien, 22. Dezember. (JTA.) Die führende österreichische Presse gedenkt in längeren Artikeln des vor zehn Jahren verstorbenen berühmten jüdischen Sozialphilosophen und Erfinders des Flektrizitätsübertragungsprinzips, Josef Popper- Lynkeus. In einer zu Ehren von Josef Popper- Lynkeus erschienenen Gedenkschrift führt Graf Coudenhove-Calergi, der Schöpfer der Pan-Europa-Bewegung, u. a. aus; Es ist eine historische Ironie, daß in das Programm der Hitler-Bewegung ein Kerngedanke des jüdischen Weisen Popper- Lynkeus aufgenommen wurde, nämlich der Gedanke der allgemeinen Wehrpflicht und Dienstpflicht. Die Weltkrise, führt Graf Coudenhove-Calergi weiter aus, wird die führenden Geister der Menschheit zwingen, auf die Ideen von Popper-Lynkeus zurückzugreifen. Josef Popper-Lynkeus war ein stolzer Jude. In seiner Bismarck-Schrift setzte er sich auch mit dem Antisemitismus auseinander. Seine genialen Erfindungen auf dem Gebiete der Technik wurden schon zu seinen Lebzeiten von der Wiener Akademie der Wissenschaften voll anerkannt. Prinzipiell