Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 19 (1932)
- Issue
- 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Das Jüdische Echo Nr. schewistischen Regierung im Interesse der Juden auf viele Dinge keine Rücksicht nehmen, die der jüdischen Gemeinschaft eigentümlich sind. Darunter ist die Beziehung der jüdischen Bevölkerung zu ihrer Vergangenheit, zu ihrer Literatur, zu ihrer Religion und ihrer Verbundenheit mit den jüdischen Gemeinschaften in der ganzen Welt zu verstehen. Immerhin ist das in der Sowjet-Union begonnene Werk verdienstvoll und wert, von allen Juden in der ganzen Welt beachtet und gefördert zu werden. Man darf jedoch weder die Bedeutung noch den Umfang dessen, was auf jüdisch-kolonisatorischem Gebiete in der Sowjet- Union vor sich geht, überschätzen. Bin derartiger Produktivierungsprozeß ist außerordentlich schwierig und stets mit vielen Rückschlägen verbunden. Kein Kenner der in Frage kommenden Probleme kann zu Angaben und Darstellungen Vertrauen gewinnen, welche auf dem Gebiete landwirtschaftlicher Kolonisation mit Zahlen operieren, die erfahrungsgemäß nirgends in der Welt erreicht werden konnten. W7enn von den Freunden der russisch-jüdischen Kolonisation behauptet wird, man werde in wenigen Jahren in Biro-Bidschan (bis Ende 1933) 55 000 jüdische Familien ansiedeln, so kann eine derartige Angabe bei Fachleuten nur ein Lächeln erregen. Wäre die Sache wirklich so aussichtsreich, wie es von den Befürwortern. Biro-Bidschans behauptet wird, so hätten sich die amerikanisch-jüdischen Kreise, die bisher viele Millionen Dollar für die Kolonisierung von Juden in der Süd-Ukraine ausgegeben haben, doch entschlossen auch etwas für Bi-ro-Bidschan zu tun. Sie haben es jedoch bisher strikte abgelehnt, obwohl sie noch Mittel hatten und werden es in der Zukunft sicherlich nicht tun, weil sie gegenwärtig vor der unlösbaren Schwierigkeit stehen, auch nur bescheidene Mittel für die Fortführung der von ihnen bisher übernommenen Arbeiten aufzubringen. Keineswegs ist es jedoch zu billigen, wenn die Befürworter der russisch-jüdischen Kolonisation ihre Bestrebungen dazu benützen, um andere Tendenzen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu bekämpfen und zu diskreditieren. Es ist fraglich, ob durch die Bemühungen der bolschewistischen' Regierung auch nur das, gegenwärtig in der Sowjet-Union bestehende Judenproblem gelöst werden kann. Es ist darum leichtfertig, so zu tun, als ob das jüdische Kolonisationswerk in der Sowjet-Union auch eine unmittelbare Bedeutung für Juden in Deutschland erlangen könnte. Daß aus Argentinien und aus Litauen jüdisch-kommunistische Parteigänger nach Biro-Bidschan' gebracht wurden, ist — darüber sind sich alle Kenner der Angelegenheit einig — mehr aus propagandistischen Gründen geschehen als um einem in Rußland bestehenden Mangel von qualifizierten Landwirten oder Handwerken abzuhelfen. Jedermann weiß, daß man innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in der Sowjet-Union viel leichter Handwerker finden kann als in Argentinien. Kein verantwortungsbewußter Jude wird das Kolonisationswerk der Juden in Rußland geringschätzen. Andererseits aber muß man sich dagegen verwahren, wenn dieses Werk als ein Heilmittel für die jüdische Gesamtheit in der Welt ausgegeben wird. Das ist es nicht und es wird auch, menschlicher Voraussicht nach, niemals ein solches werden können. Abgesehen davon, daß es vom Standpunkte des historischen Judentums und der ewig giiltgen jüdischen Werte nur eine Sache" untergeordnetn; Ranges ist, wird die Mehrheit des jüdischen:Volkes in der ganzen Welt in dem Judentum, wt es in den geschlossenen Siedlungen der So Witt-Union aufgefaßt wird, niemals eine Erfüllung jüdischer Sehnsucht erblicken. Denn es stellt leider h vieler Beziehung eine Lossagung von jedem Judentum dar, das die jüdische Gemeinschaft Jdirtausende hindurch trotz schwerster Bedrücking und Verfolgung bewahrt hat und künftigen jüdischen Geschlechtern zu übergeben wünscht. 1. w. Ein jüdisches Wirtschaftsinstitut Die Erkenntnis, daß in Deutschland neben der politischen udenfrage auch eine spezifisch jüdische Wirtschaftsfrage gibt, hat sich allmählich irr allen jüdi chen Kreisen durchgesetzt. Über Art und Umfans dieses spezifisch jüdischen Wirtschaftsprobhms sind naturgemäß viele Meinungen vorhanden. Jm den Tatbestand festzustellen, ist zuerst von Dr. Alfred Marcus, dem verdienstvollen Verfaiser des Buches „Die Wirtschaftskrise des deutschen Juden“ die Anregung gemacht worden, ein jütisches Wirtschaftsinstitut in Deutschland zu schaffen, dessen Aufgabe darin bestehen soll, lie verschiedenen Seiten des jüdischen Wirtschaftsjjroblems herauszuschälen und so einen Überblick ü[>er die Totalfrage zu vermitteln. Im einzelnen istman sich aber auch nicht restlos darüber klar, wie dieses jüdische Wirtschafts- Institut beschaffen sein soll. Der Wirtschaftler, welcher diq Anregung zur Gründung eines der artigen Instrumentes gegeben hat, umreißt im Nachfolgenden Wesen und Ziele der von ihm in Vorschlag gebrachten Einrichtung. Der Gedanke, durch dis Schaffung einer besonders hierfü' bestimmten, zentralen Stelle diejenigen Bestrebungen zusammenzufassen, welche von jüdischer Seite aus auf die Erforschung und die Beeinflußung der wirtschaftlichen Situation der deutschen Juden gerichtet sind, ist nicht mehr ganz neu. Er ist in den Nachkriegsjahren mehrfach zur Diskussion gestellt und in den verschiedensten Giemien erörtert worden. Es sei erinnert an die Vorschläge, die schon vor einigen Jahren in Frankfurter Logenkreisen diskutiert wurden, sie gingen von Gustav Löffler aus. Es ist fernerhin hinzuweisen auf die Ausführungen von Julius Hirsch im Rahmen der letzten Tagung des Preußischen Landesverbandes. Anregungen dieser Art ließen sich in großer Fülle registrieren, sie haben aber bisher noch zu keinem praktischen Ergebnis geführt. An siet ist das kein Wunder. Schon der Begriff „Jüdisches Wirtschaftsinstitut“ ist schwer zu definieren, noch schwerer aber ist die programmatische Abgrenzung der Aufgaben einer solchen Stelle. Es soll hier der Versuch gemacht werden, diese Definition und die mit ihr verbundene programmatische Begrenzung zu geben. Denn die endgültige Entscheidung der Frage, ob eine derartige Institution geschaffen werden soll oder nicht, erweist sich heute als nicht mehr aufschiebbar. Die Beantwortung dieser Frage wird aber wesentlich davon abhängen, ob es möglich ist, für eine derartige Stelle die sachliche Fundierung und den Aufgabenkreis zu finden, welche ihre Existenz rechtfertigen und damit notwendig machen.