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Das jüdische Echo · 1932-01-01 · 1 (1.1.1932) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
19 (1932)
Issue
1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 1 1. Januar 1932 19. Jahrgang Jüdische Kolonisation in Sowjet-Rußland Die Situation der Judenheit in der ganzen Welt erfährt jetzt eine prinzipielle Beeinlussung. Abgesehen von dem schmerzlichen, die Existenz der juiden bedrohenden verstärkten antisemitischen Strömungen in den einzelnen Ländern, die eine akute Gefährdung der jüdischen Gemeinschaften in den betreffenden Staaten darstelBn, vollzieht sich gesellschaftlich und wirtschaftlicl in der Welt ein Gestaltwandel, dessen Tendenz zweifellos in der Richtung von gebundenen oder planmäßigen Wirtschaftsformen liegt. Es soll nicht hier untersucht werden, ob man sich in der Gegenwart am Endpunkte der kapitalistischen Wirtschaftsform befindet, oder ob diese nur eine sclwere Krise durchmacht, aus der sie wieder siegreich hervor^ gehen wird.In beiden Fällen jedoch diirt e es gerade in bezug auf die vielen zwischen Produktion und Konsum stehenden selbständig wirtschaftenden Existenzen Veränderungen geben, Reiche diese autonomen Wirtschaftselemente zu einer Schrumpfung, wenn nicht zum Untergange führen. Nun ist gerade die jüdische Gemeinschaft in den meisten Ländern durch den Typus des selbständigen Kaufmannes, Krämers und Berufsfreien charakterisiert. Diese Kreise sind die Träger des jüdischen Lebens und Bewahrer der jüdischen Lebensformen. Die allmähliche Angleichung und Einfügung des im Wirtschaftsleben stehenden Juden an und in die wirtschaftliche Umgebung hat zut Folge, daß zusehends eine Atomisierung der jüdischen Gemeinschaft sich vollzieht. Dieser Pipzeß ist in stärkerem oder geringerem Grade überall, wo Juden leben, zu beobachten. In Ländern jüdischer Massensiedlung ist er aus vielerlei Gründen erschwert, dafür aber wirkt sich in jenen Gebieten ein Verdrängungsprozeß gegen die Juden aus, der solche Grade des jüdischen Elends zur Folge hat, daß ein Niedergang, ja, ein Untergang ohne Beispiel für weite Schichten der Judenheit das Ergebnis ist. Angesichts einer derartigen Lage ist es nicht verwunderlich, daß denkende und verantwortungsbewußte Juden nach Methoden und Wegen Ausschau halten, wie man der Krise des Judentums und der unbeschreiblichen Not der jüdischen1 Gesamtheit steuern könnte. Man sieht ein, daß Hilfsaktionen, so notwendig und unentbehrlich sie auch sein mögen, allein nicht imstande sein können, die drängenden Probleme einer Lösung entgegenzufiihren. Durch die verschiedenen Anstrengungen großzügiger Art, die von verdienstvollen Organisationen! gemacht werden, kann man wohl in einzelnen Fällen eine Milderung der grauenvollsten Erscheinungen materieller und geistiger Judennot herbeiführen, eine grundsätzliche Umformung der jüdischen Lage aber kann trotz höchster Opferwilligkeit bei der Entfaltung charitativer Tätigkeit nicht erzielt werden. Aus diesen Gründen ist seit Jahren das Bestreben innerhalb der jüdischen Gemeinschaft festzustellen, die Hilfstätigkeit in steigendem Maße durch, produktive Hilfeleistung zu ersetzen. Anstatt Zedakah- Aufbau! Dieser Grundsatz hat sich die öffentliche jüdische Meinung erobert, und allenthalben sucht man nach Formen und Methoden, in denen sich die Aufbauarbeit im Interesse der Judenheit vollziehen soll. Ausgangspunkt für alle Tätigkeiten dieser Art ist die Erkenntnis von der Eigenart der jüdischen Gemeinschaft, die nicht durch irgendeine Bezeichnung wie Religionsgruppe, Kaste, Konfession oder ähnlich zu definieren ist. Das Judenproblem schließt in sich viele Elemente, unter denen neben religiösen, kulturellen das soziale keineswegs die geringste Rolle spielt. Seit dem Entstehen der sogenannten jüdischen Renaissance-Bewegung in den SOiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist man immer konsequenter in der Erkenntnis geworden, daß eine Lösung der Judenfrage nur in einer Normalisierung wesentlicher 'Feile der Judenheit liegen kann. Unter Normalisierung ist zu verstehen die Schaffung von geschlossenen, sich selbst erhaltenden, in starkem Maße der Urproduktion zugewandten Gruppen. Diese Vorstellungen sind die Grundlage aller umfassenden Kolonisationsbestrebungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in den letzten Jahrzehnten gewesen. Ob es sich nun um die Kolonisierung von Juden in der Zarenzeit in Rußland oder um die Schaffung des großem Kolonisationswerkes in Argentinien gehandelt hat — in beiden Fällen herrschte das Streben, geschlossene, in der Urproduktion stehende, sich selbst erhaltende Judensiedlungen zu schaffen. Im Laufe der Jahre kam eine weitere Erkenntnis hinzu, daß derartige Bestrebungen erst dann voll und ganz dem Ziel der erstrebten Normalisierung entsprechen, wenn sie nicht nur rein materielle Ziele verfolgen, sondern sich bemühen, im Namen von ewigen jüdischen Idealen ihr Werk durchzuführen. In dieser Hinsicht ist die Ideologie, wie sie von der Palästina-Kolonisation geschaffen wurde, fiir das Problem geschlossener jüdischer Siedlungen maßgebend geworden. Als die kommunistische Partei nach dem Umsturz in Rußland daran ging, ihre Grundsätze zu verwirklichen, traf sie unter den vielen Nationen des russischen Riesenreiches auf eineu S o n d erfüll, die Existenz von Millionen Juden, die durch die neue Wirtschaftsordnung deklassiert wurden. Sie erkannten, daß diesem Sonderfall eine besondere Behandlung des Problems entsprechen müsse. Auf Grund der Erfahrungen jüdischer Kolonisationsgesellschaften, besonders aber der zionistischen Bewegung und der territorialistischen Bestrebungen innerhalb der Judenheit wurde dann der Plan gefaßt, jüdische Massen zu kolonisieren, und zwar in geschlossenen Territorien und auf Grundlage jüdisch-kultureller Autonomie, sowie es zionistische und territorialistische Ideologie gelehrt hatten. Allerdings konnte u id wollte, aus allgemein in der Sowjet-Union herrschenden Auffassungen, diese Produktivieruugsarbcit der bol-

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