Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 51 (18.12.1931)
- Date
- 1931-12-18
- Page
- Seite 686 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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686 Nr. 51 Das Jüdische Echo ist bis heule die hohe Schule der Slaatskunst, wo Mäßigung, Geduld, inneres Gleichgewicht mit unerschütterlicher Treue festgehalten werden. Aus diesem Grund hat auch das jüdische Volk darauf bestanden, daß England das Mandat erhält. Wir vertrauen auf Englands Staatskunst und darum sind wir glücklich, daß auch der jüdische Geist einen gewissen Anteil an ihr hat. Dies verkörpert sich in der Gestalt Lord Readings. Er (der ehemalige Vizekönig von Indien) ist einer der großen Hersteller der Einheit von Ost und West. Dieser Einheit gilt auch unsere Arbeit in Palästina Unsere Schwierigkeiten in Palästina sind vorübergehend, ihre Vorteile sind dauernd. Unsere Arbeit wird allen Teilen der Bevölkerung dienen, ebenso wie dem jüdischen Volk und der Mandalarmacht. Sie ist bestimmt, ein leuchtendes Beispiel einer durch harte Arbeit und ungestörten Frieden errungenen Wiedergeburt zu werden. Möge das Interesse des Zionismus und das Großbritanniens niemals als verschieden angesehen werden! Möge niemals ein Gegensatz zu den realen Interessen des arabischen Volkes entstehen, dessen Fortschritt und Wohlergehen für uns alle von größtem Wert sind! Möge die Saat der Zwietracht, die durch Vorurteile und Unwissenheit ausgestreut wird, niemals im heiligen Boden Palästinas dauerndes Wachstum finden! Dr. Weizmanns Rede. Dr. Weizmann dankt zunächst für die ihm gewidmeten freundlichen Worte und führt aus, unsere Bewegung stehe heute wieder wie von 25 Jahren am Scheidewege. Die Welt macht eine schwere Krise durch, voll Not und Anstrengung, vergleichbar nur mit der Zeit des Weltkrieges, aber ohne jene großen Hoffnungen für die Zukunft, die die Menschheit am Ende des Krieges gehabt hat. Aber trotzdem wage ich zu sagen, daß unsere Bewegung die stärkste aufbauende Kraft im Judentum geblieben ist, und was heute um uns herum geschieht, ist nur ein neuer Beweis für die große Rolle, die die Bewegung im jüdischen Leben der Zukunft zu spielen hat. Dr. Weizmann entwirft dann ein eindrucksvolles Bild der jüdischen Lage in den verschiedenen Ländern der Well. Er befaßt sich insbesondere mit dem Judentum in Sowjet-Rußland und den Vereinigten Staaten von Amerika. In Rußland ist das Judentum in Auflösung, in Amerika leben die Juden nach einer Zeit kurzer Blüte heute in schwerer ökonomischer Not mit allen Erscheinungen des Galuthlebens. Man könnte die Lage der Juden in der Welt heule so kennzeichnen, daß man sagt, sie sind in den einzelnen Ländern eingeklemmt ohne die Möglichkeit eines physischen Entrinnens und suchen daher einen Ausweg durch Anschluß an die nicht jüdische Welt. Dies stärkt alle zentrifugalen Kräfte und bedroht das jüdische Leben mit einem endgültigen Zerfall. Kein anderes Volk der Welt steht einer derartigen Gefahr gegenüber. Aber wir wissen aus der jüdischen Geschichte, daß selbst beim Untergang großer Teile des Volkes, ja seiner Mehrheit, immer ein Rest zuriiekblieb, der sich dem Prozeß der Auflösung und Assimilation widerselzlc und im heroischen Kampf sein eigenes Wesen in der Geschichte auszuprägen strebte. Das kleine Palästina ist der Leitstern der jüdischen Hoffnungen durch Jahrhunderte. Unmittelbar nach dem Kriege glaubten wir unsere Träume erfüllt, wir glaubten, wir würden unseren rechtmäßigen Platz auf eigenem Boden erhallen und der Erniedrigung des Galulh ein Ende machen; heule nach zehn Jahren größter Anstrengung finden wir uns immer noch auf der Schwelle, bedrängt von allerlei Schwierigkeiten und Enttäuschungen, die aus der Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit fließen. Dennoch haben wir in diesen zehn Jahren Gewaltiges in Palästina geleistet, das auch von kolonisatorischen Autoritäten anerkannt wird. Was aber in der Zukunft? Redner entwickelt an der Hand der Experlen- Gulachtcn den Gedanken, daß noch 50 000 landwirtschaftliche Siedler, und das würde bedeuten: eine halbe Million Juden in Palästina angesiedelt werden können. Dies ist zwar noch nicht die Lösung der Judenfrage, aber ein gewaltiges, aller Mühe wertes Werk. Es ergeben sich dann aber noch Perspektiven einer zukünftigen Entwicklung des Vorderen Orients, die gar nicht abzuschätzen sind. Eine Vorbedingung für die Durchführung dieser Pläne ist freilich die aktive Unterstützung der Mandalarmachl. Eine zweite Vorbedingung ist eine Verständigung zwischen uns und den Arabern (wobei Dr. Weizmann die bereits in Nr. 92 der „Jüdischen Rundschau“ wiedergegebenen Gedanken darlegt) und drittens der unbeirrte Glaube an das zionistische Ideal. Palästina gibt dem ganzen jüdischen Volke unschätzbare Werte, deren größter vielleicht das Wissen ist, daß in Palästina eine immer steigende Zahl von Juden die Möglichkeit haben, normal, gesund und produktiv zu leben, als freies Volk, kraft eigenen Rechtes und nicht aus Duldung; mit ihrer eigenen Religion und Sprache, mit ihren eigenen Sitten und Bräuchen — eine Nation im besten Sinne des Wortes. Auf dem Bankett wurden eine Reihe von Botschaften von Staatsmännern und führenden Juden verlesen. Das Judentum und Palästina Unser Weg in der Zeit der Weltwende Von Oscar Wassermann Nachstehend geben wir einen gekürzten Auszug des Stenogramms der Rede Dir. Wassermanns in Mannheim wieder. Red. In dieser schweren Zeit, in der wir leben, ist auch für uns Juden eine Weltenwende gekommen. Vor mehr als hundert Jahren, nach der französischen Revolution 1789, hat eine Epoche für die Juden begonnen, die heute wohl zu Ende gegangen ist. Wir Juden sind aus dem Ghetto herausgekommen, voller Hoffnung, voller Glauben, nunmehr aus allen Nöten und von allem Druck befreit zu sein. Es war ein Irrtum, und es ist ein Irrtum, weil wir alle Hilfe, alle Fortschritte, alle Entwicklung nur von anderen erwarteten, die wir nur von uns selber erwarten durften. Was heute vor sich geht, ist eine Folge dieses Irrtums. Wir wollten unter Bewahrung unserer Eigenart, unter Bewahrung unserer Treue zum Judentum eindringen und uns ausbreiten im ganzen Lebensgebiet der Völker, mit denen wir leben. Es war nicht möglich. Wir waren Jahrhunderte im Ghetto, auf einzelne Berufe angewiesen, in sie hineingezwängt und haben, frei geworden, nicht vermocht, eine andere Berufsschichtung zu erzielen, weil die Emanzipation nur ein äußerlicher Akt war, weil der Jude verachtet war und blieb. „Toleranz“ war für uns eine lobende Bezeichnung dessen, was uns entgegengebracht wurde. Duldung! Wir waren froh und zufrieden, wenn wir geduldet wurden, und wir haben uns gesagt, die Zeit arbeitet schon für uns. Die Zeit wird die Anderen aufklären, sie wird die Anderen in der Kultur, in ihrer Ethik verbessern, und dann wird man sagen, daß wir vollkommen gleichberechtigte Menschen sind. Wir haben immer den Fortschritt