Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 51 (18.12.1931)
- Date
- 1931-12-18
- Page
- Seite 687 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Das Jüdische Echo 687 zum Besseren von A n deren erwartet und wir haben selbst nichts dazu getan. Wir können heute nicht wie früher, wie vor Jahrhunderten, Judenheit und Judentum gleichsetzen. Es sind heute ganz verschiedene Dinge geworden. Und wir müssen zugeben, daß für einen großen Teil von uns das Leben seiner jüdischen Inhalte vollkommen entkleidet worden ist. Wie ist hier ein Ausweg zu finden? Die Teile der Judenheit, die auf ihr Judentum verzichtet haben, sie fielen allmählich von uns ab. Das deutsche Judentum wurde von Osten her immer wieder regeneriert; auch das hat jetzt aufgehört. Nun handelt es sich darum, etwas Erhaltendes zu finden, neue Ideale, neue Gedanken für das Judentum. Es fehlt uns jede zentrale Autorität, jeder Zusammenhalt, der es ermöglichen könnte, eine Regeneration der jüdischen Inhalte in unserem Leben zu schaffen. Eine Abhilfe gegen die Zersplitterung, um eine Besserung der Verhältnisse zu unserer Umwelt allgemeingült i g für die Juden anzubahnen. Es gibt nur eine Möglichkeit für die Juden der Welt, sich zu einer Einheit zusammenzuschließen, und das ist Palästina. Diese Einheit kann auf keinem anderen Weg zustande kommen, als durch den Palästinagedanken, den Gedanken eines Aufbaus durch uns, nicht im Sinne des passiven Messianismus, der das Heil ruhig erwartet, sondern im Sinne selbsttätiger Arbeit, im Sinne des Einheitswerkes aller Juden. Daß dieser Gedanke der richtige ist, das ist bewiesen. Der Palästinagedanke innerhalb des Zionismus hat es vermocht, viele dem Judentum entfremdete und Verlorengewesene wieder für das Judentum und jüdische Gedanken zu begeistern. Auch das Zweite ist bewiesen: Wir sind in der Lage, ein Land als Juden zu kolonisieren. In wenigen Jahren ist in Palästina eine Landwirtschaft entstanden, die zwar noch verbesserungsfähig ist, die aber zeigt, daß der Jude, der in der Jeschiwah saß, der Jude, der in Lodz mit Kleidern gehandelt hat, ein Bauer werden kann, daß er durch seinen Elan, durch seinen Enthusiasmus es fertiggebracht hat, in dem ihm vollkommen ungewohnten Beruf etwas Gutes zu leisten. Wir haben in Palästina in wenigen Jahren eine Stadt errichtet, die heute 46 000 Einwohner hat. Tel-Awiw, eine Stadt, in der nur Juden wohnen, eine Stadt, in der vom Bürgermeister, vom Richter bis zum Straßenkehrer, Polizisten und Nachtwächter, nur Juden sind. Diese Stadt ist so gut verwaltet wie irgendeine Stadt bei uns, so gut und auch so schlecht. Sie hat auch Schulden gemacht; aber es waren nicht zu viele Schulden, und sie sind inzwischen bezahlt worden. Diese Stadt habe ich vor vier Jahren gesehen. Da war dort eine Krisis, wie sie jetzt bei uns ist. Es waren die Läden, es waren die Fabriken stillgestanden und es herrschte große Arbeitslosigkeit. Ich habe mir damals gesagt: Hierher diese Stadt zu setzen, ohne Hinterland, ohne Hafen, ohne Küste, nur gestützt auf die Orangenpflanzungen, die in der Nähe sind, — wie kann man da helfen? Und es i s t der Stadt geholfen worden: nicht weil die Regierung ihr geholfen hat, oder von außen Hilfe kam, sondern weil damals 38 000 Juden Tag und Nacht sich gesagt haben, wie kommen wir aus der Misere heraus? Und sie sind hcrausgekommen. Die Stadt ist heute ohne Arbeitslosigkeit und es ist in der ganzen Stadt keine Industrie zusammengebrochen, und wir wollen hoffen, daß sie weiter nicht mehr unter der Krise zu leiden hat, als es gegenwärtig der Fall ist. Wer sich für Palästina interessiert, wer wirklich Anteil an dem nimmt, was dort geschieht, im Geiste mitarbeitet und die Arbeit dort unterstützt, empfängt mehr von Palästina, als er gibt und geben kann. Er sieht dort ein werdendes Land, ein Land mit jüdischer Besiedlung. ein Land, in dem Juden leben und arbeiten können, nicht wie bei uns, obwohl sie Juden sind, weil man tolerant, noch tolerant ist, sondern weil sie Juden sind und als solche ihrer Arbeit nachgehen. Es ist etwas in der Welt selten Gewordenes, das aber in Palästina besteht und bestehen wird. Die Araber frage, die sehr ernst ist, konnte bisher nicht gelöst werden. Nicht weil das Gefühl der Araber so sehr gegen uns arbeitet, sondern weil wir auch da das Heil von außen erwarten, von der englischen Regierung, vom Völkerbund, nicht nur von uns selbst. Weil wir nicht selbst aktiv genug sind. Der Araber verachtet den Juden nicht, sondern er fürchtet ihn, er glaubt, daß der Jude ihn aus dem Lande herausjagt. Da wir dies nicht wollen und auch nicht können und dies auch aus sittlichen Gründen nicht sollen, so kann es nicht schwer sein, wenn man es ehrlich will, einen Weg der Verständigung zu finden. Der Fanatismus schwindet rasch. Man fürchtet in Berlin und London die Überfälle der Araber viel mehr, als man sie in Palästina fürchtet. Wir dürfen uns nicht einbilden, daß die Besiedlung in Palästina leicht ist. Das Land ist schwieuig und es bedarf eines großen Enthusiasmus und großer Opferwilligkeit, um es so zu besiedeln, daß wir damit uns selbst und der Welt zeigen, was Juden — nicht als Händler und Vermittler — sondern in der Urproduktion und im Aufbau in allen Zweigen eines natürlich geschichteten Lebens leisten können. Wir können in Palästina ein geschichtliches Werk verrichten. Wir können hier dem Judentum eine neue Zukunft schaffen und das ist es, weshalb jeder Jude, wie er auch religiös eingestellt ist, wie er politisch denken mag, sich an diesem Werk beteiligen soll. Es ist keine Sache von heut auf morgen. Als die Juden aus Ägypten zogen, da brauchten sie vierzig Jahre, um nach Palästina zu kommen. Man konnte es auch damals schneller machen, .aber es ist gesagt worden, daß die Juden, die in Ägypten gelebt haben und die von ägyptischer Kultur waren — die keine schlechtere Kultur war, nur eine andere —; daß diese Juden nicht ein neues eigenes Land aufbauen konnten, erst die nächste Generation war dazu bestimmt. Wir sind gute Deutsche und wollen gute Deutsche bleiben. Aber unser Deutschtum leidet nicht, wenn wir aus lauteren Gründen, aus Gründen der Abstammung und Vergangenheit, dafür arbeiten, daß wir auch eine Zukunft haben. Eine Zukunft, die uns das Judentum neu gestaltet, eine Zukunft, die vom jüdischen Leben wieder Inhalte erhält, und die es zum zweiten Mal erreicht, daß von Zion aus der Welt Großes gegeben werde. Nicht nur uns, nicht nur den Juden der Welt, sondern der Welt soll die jüdische Arbeit in Palästina dienen. * * *