Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 49 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- Seite 661 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 66! hat unzweifelhaft große organisatorische Erfolge aufzuweisen. Da jüdische Arbeit niemals an Landesgrenzen zu binden war, mußten sich auch interterritoriale jüdische Wohlfahrtsorganisalionen ausbilden, von denen die früheste die Alliance israelite universelle ist. Der Hilfsverein der deutschen Juden verfolgte ähnliche Ziele, auch die Ica (Jewish Colonisation Association), der Ort und besonders auch die Zionistische Weltorganisation sind zu nennen; wenn diese letztere auch ihrem Charakter nach nicht primär philanthropische Zwecke verfolgt, so hat sie doch auch auf diesem Gebiete große Leistungen aufzuweisen. Wenn man die bisher aufgezeigte Gliederung als vertikale bezeichnen kann, so wäre als horizontale Gliederung die Einteilung der Arbeit an jedem einzelnen Orte zu betrachten. Dabei ist meist l'esfzustellen: 1. unmittelbares Eingreifen der jüdischen Gemeinden, 2. Aktivität der Wohlfahrlsvereine oder eines Verbandes der Vereine und schließlich ß. die Zusammenarbeit beider Träger der Wohlfahrtsarbeit. Man hat oft gefragt, warum die jüdischen Gemeinden Wohlfahrlsarbeit betreiben. Der Grund liegt in der Hauptsache darin, daß sie müssen; die Wohlfahrtsaufgaben sind in einem solchen Maße gewachsen, daß ihnen die Vereine und die früher bestehenden Einrichtungen auch dann nicht mehr Genüge hätten tun können, wenn Krieg und Inflation nicht das Vermögen der Vereine und Stiftungen fast völlig zerstört hätten. Hinzu kommt, daß immer weniger Menschen in der Lage sind, sich freiwillig den Wohlfahrlsaufgaben zu widmen. Die Aufbringung der Mittel durch Steuern war den Gemeinden meist erst nach der Revolution möglich, die eine Änderung der Gemeindeverfassung in vielen Fällen mit sich gebracht hat; außerdem stehen noch Stiftungszinsen, Gelegenheitsspenden zur Verfügung. Als ganz außergewöhnliche Maßnahme zur Milleiaufbringung hat die Durchführung einer Sammlung zu gelten, wie sie jetzt in München vorgenommen wird; dieser Weg ist als letzte Hilfe eingeschlagen worden, da alle anderen Wege nur unzureichende Mittel ergaben. Die Tätigkeit der Vereine kann ohne Fühlungnahme in einem bloßen Nebeneinander durchgeführt werden; der Zusammenschluß hat jedoch offensichtliche Vorteile; namentlich in bezug auf Hereinbringung der Mittel, die z. B. auch in München gemeinsam erfolgt. Freilich glauben manche Vereine, daß sie besser fahren würden, wenn sie selbst für ihre Mittel sorgen würden. Besonders ausgebildet ist das System der gemeinsamen Mitleiaufbringung in Amerika durch die sogen. Federations, die nicht nur den Einzug, sondern auch die Verteilung der Mittel nach einem Schlüssel auf die Vereine übernehmen. Jeder Verein bekommt im Prinzip 50 Prozent seines Bedarfs von der Federation, das übrige muß er selbst aufbringen. Bewährt hat sich insbesondere bei den sogen. Lampaigns die Einschätzung der anzugehenden Spender durch einen Bat aus Berufskollegen. Die Erfolge dieses Systems beruhen in der Rationalisierung, die es für die Wohlfahrtsarbeit mit sich gebracht hat. Für uns ist die Organisierung und Rationalisierung des jüdischen Wohlfahrtswesens vor allem deshalb bedeutsam, weil nur durch sie die Heranziehung öffentlicher Mittel gelingt, was sich tagein, tagaus in der Praxis zeigt. Die Organisierung der Wohlfahrlsarbeit ist nicht unproblematisch. Es ist schon eine große Frage, ob es überhaupt richtig ist, das Wohltun, ein an sich ganz auf Persönlichkeit und auf das Wirken von Mensch zu Mensch gestelltes Handeln, in organisierter Form zu betreiben. Psychologisch und ethisch ist Wohl tun immer Sache der Persönlichkeit. Aber privates WohJlun kann der heutigen Not nicht mehr steuern. Die moderne Großstadt kennt das Elend als Massenerscheinung; rein physisch und ziffernmäßig ist die Bewältigung der Arbeit Privaten nicht möglich — die Organisation kann nicht mehr ausgeschallel werden. Es kann aber nicht das Problem gestellt werden: private oder Organisalionslätigkeif, sondern bestenfalls private neben der Organisalionstäligkeit; ohne Zweifel ist aber zuzugeben, daß es schrecklich wäre, wenn durch die Tätigkeit der Organisationen jedes Wohltun von Mensch zu Mensch aufhören würde. Auch die organisierte Arbeit muß Arbeit von Mensch zu Mensch sein und bleiben und sie muß die Möglichkeit geben, den einzelnen mit in die Arbeit des Wohltuns hereinzuziehen, damit er nicht vergißt, daß diese zu seinen sittlichen und religiösen Pflichten gehört. Die Frage: Wohltätigkeit durch Vereine oder durch die Gemeinde ist mit dieser Frage nicht identisch, denn auch Wohltätigkeilsarbeit der Vereine ist organisierte Arbeit; wenngleich diese meist ehrenamtliche Arbeit ist, besieht kein prinzipieller Unterschied; die Beamten der Wohlfahrtsämter sind durchwegs Menschen, die an ihrer Arbeit mit ganzer Seele hängen und sich ihr vollständig hingeben. Notwendig ist jedenfalls eine Zusammenfassung aller auf diesem Gebiet arbeitenden Kräfte. Herr J.-R. Dr. Straus ging dann noch näher auf die schwierigen gegenwärtigen Verhältnisse ein, die wieder einmal den tragischen Kausalzusammenhang gezeigt haben, daß gerade dann am meisten Mittel zur Wohlfahrlsarbeit notwendig sind, wenn die Quellen am spärlichsten Hießen. Er appellierte an jeden einzelnen, an der Überwindung der jetzigen schrecklichen Not mitzuhelfen. An den Schluß seiner Ausführungen stellte er 2 Bibelverse aus dem gleichen Abschnitt, die die Bibelforschung schon seit langem beschäftigt haben, weil sie widersprechendes aussagen, den Satz: „Der Arme und die Armut wird nicht aufhören auf der Erde“ und den anderen: „Es soll in deiner Mille keinen Armen geben.“ Die beste Erklärung, die gegeben werde, sei: Das eine ist eine Konstatierung, das andere1 ist eine Forderung; eine Forderung an jeden Juden und an jede jüdische Gemeinschaft, die für uns Gegenwärtige lautet: Es soll keinen geben, dessen man sich nicht annimmt. Das Dokument von Boxheim Legalität, Legalität — das war die offizielle Losung der Nationalsozialisten seit langer Zeit; über die wirkliche, die inoffizielle konnte man sich trotzdem seine Gedanken machen, am besten vielleicht unter Berücksichtigung der reinsten Blüten nationalsozialistischer Kultur und Sangespflege: ,,. . . . gehl’s nochmal so gut, wenn vom Messer fließt das Judenblut.“ Die Veröffentlichung des Boxheimer Dokuments — wir dürfen wohl annehmen, daß es unseren Lesern bekannt geworden ist, obwohl das hierzulande von den Juden meistgelesene Weltblatt, die Münchener Neuesten Nachrichten, sich nicht bemüßigt fühlten, auch nur den Text im Wortlaut zu bringen — sie hätte eigentlich jeden Legalitätsschwörenden Nationalsozialisten längst auf die Anklagebank bringen müssen, besonders aber Herrn Hitler, der sehr stolz einmal erklärt hat, daß nichts ihm unbekannt bleibe, was in seiner Partei vorgehl. Es ist demgegenüber für die gegenwärtigen deutschen Verhältnisse bezeichnend, daß die nationalsozialistische Parteileitung diesen neuen Akt ihrer üblen Heuchelkomödie unter freundlicher Assistenz des Oberreichsanwalts aufführen können, der allem Anschein nach lieber gegen Herrn Severing eine Voruntersuchung eröffnet hätte, weil dieser gewagt hat, den Nebelschleier, den