Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 49 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- Seite 660 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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660 Das Jüdische Echo Nr. 49 Dieser Gedanke findel seinen Ausdruck in der Weise, wie wir die Chanukkaiieliter anzünden. Darüber finden wir im Talmud (Sabb. 21b): Die Schule Schainmais sagt: „Am ersten Tage acht Lichter und an den folgenden je eines weniger.“ Die Schule Hillels sagt: „Am ersten Tage ein Lieht und an den folgenden Tagen je eines mehr.“ Es gibt im Talmud kaum eine Meinungsverschiedenheit in einer Gesetzesbestimmung, die so klar die Weltanschauung ihrer Vertreter zeigt. Die Schule Schammais, von einer ernsteren, bisweilen pessimistischen Lebensauffasung, die das Leben zu erschweren suchte durch immer neue Gesetzesbestimmungen, die dem Menschen schließlich die reine Daseinsfreude nehmen mußten. Daher am ersten Tage acht Lichter in absteigender Zahl als Symbol der Lebensvereinigung. Und die Schule Hillels von einer heiteren Gemütsart, die dem Juden die Lebensfreude schenken und lassen wollte durch erleichternde Gesetzesbestimmungen. Daher am ersten Tage ein Licht in aufsteigender Zahl als Sinnbild der Lebensbejahung und Kraftentfaltung. Und das geschichtliche Ergebnis: die Schule Hillels mit ihrem Lebensoptimismus hat sich durchgeselzt, und damit hat sich das Judentum durch alle Stürme der Zeit erhalten. Der lebendige Wille zur jüdischen Tat, der innere Zusammenhang mit der jüdischen Kultur gaben dem Juden zu allen Zeiten fast übermenschliche Kräfte, nicht nur sein Schicksal in Standhaftigkeit zu ertragen, sondern auch sein Judentum zur Entfaltung zu bringen und es zu einem Wegbereiter zu machen auf dem Wege der menschlichen Kultur. „Denn bei heiligen Dingen .soll es nur ein Aufwärts, nie ein Abwärts geben.“ Das ist die Lehre vom Chanukkawunder, das die Sprache der Menorah, die uns von der Zukunft unseres Judentums kündet. Wie auch die Deutung ausfallen mag, national oder religiös, die Menorah sagt jedem etwas über Sinn und Bedeutung des Judentums, das Chanukkalicht bildet in diesen Tagen das zentrale Erlebnis der jüdischen Seele. Der Reiz des Festes, die mit jedem Jahre gesteigerte Anziehungskraft geht von dem Lichtlein aus, das zuerst winzig erscheint an dem großen Leuchter, das aber mit jedem Abend eine immer größer werdende Kraft entfaltet. Dieses Licht, welches in seiner Leuchtkraft Symbol des Geistes, und in seiner lodernden Flamme Sinnbild des Opfermutes ist, kündet uns, daß das Judentum die Stürme der Weltgeschichte in aller Zukunft nur dann überstellen wird, wenn wir uns in die Kette jüdischer Kulturträger einschalten und trotz aller Widerstände und Schwierigkeiten in unserer Seele das jüdische Licht entzünden, daß es sich steigere zum Lichlerglanz der Menorah und zur Opferflamme werde auf dem Altar für unser heiliges Erbe. Die Struktur der jüdischen Wohlfahrtspflege Im Rahmen der von der Israelitischen Kultusgemeinde unternommenen Winterhilfsaklion sprach am Mittwoch, dem 25. November, vor einem leider wenig zahlreichen Publikum Herr Juslizrat Dr. E. Straus über die „Struktur der jüdischen Wohlfahrtspflege“. Es wäre zu wünschen gewesen, daß seine überaus interessanten und informierenden Ausführungen in weitesten Kreisen, namentlich aber bei den Mitgliedern der Wohlfahrlsvercine bekannt und gewürdigt würden; sie würden manche noch immer bestehenden Mißverständnisse, manche falsche Einstellung beseitigen und dadurch milwirken an der großen Aufgabe, die gerade die gegenwärtige Notzeit der jüdischen Gemeinde und jedem einzelnen Juden stellt: Einrichtungen zu schaffen und zu erhallen, durch die es verhindert wird, daß gefährdetes jüdisches Leben unlergeht. Es sei in folgendem versucht, die Grundgedanken des Referats "wiederzugeben: Die Forderung der Hilfeleistung für den Schwachen war bei uns Juden seit je allgemeines Gebot; sittliche und religiöse Pflicht. Schon aus ganz früher Zeit kennen wir gesetzliche Regeln. Sie bilden geradezu ein System der Hilfe in bäuerlichen Verhältnissen; der Besitzer ist verpflichtet, den Besitzlosen zu unterstützen. Hierher gehören die Maaserbeslimmungen, vor allem in bezug auf die Ernte, die Bestimmung über das Erlaß- und Jobeljahr. Während sich die biblischen Vorschriften in der Haulpsacbe an den einzelnen wenden, kennt die Mischna schon eine Organisation der Wohlfahrtspflege. Jede Gemeinde hat danach ihre Wohlfahrlskasse, die Kuppah. Diese wird von den Vorstehern (Gobhoim-zedoko) verwaltet, die bei allen leistungsfähigen Mitgliedern der Gemeinde Beiträge einzusammeln haben. Wöchentlich findet eine Verteilung statt, gespeist werden Arme aus einer gemeinsamen Schüssel, die täglich herum gegeben wurde. Wer 50 Tage in einem Orte wohnte, hatte Anspruch auf die Speisung, die allerdings schon vorher gegeben wurde, nach 3 Monaten bestand ein Anspruch auf Geldbeträge, nach 6 Monaten auf Kleidung; in gleichem Maße mußte von Leistungsfähigen zu diesen Dingen beigelragen werden. All diese Einrichtungen haben sich das ganze Mittelalter hindurch erhalten; daneben gab es noch gemeindliche Einrichtungen für Alte und Sieche (Hekdesch), für Brautausstattung, für die Auslösung von Gefangenen, die bei den herrschenden Rechtsverhältnissen von besonderer Bedeutung war. Es entwickelte sich die Übung des Spendens (Schnödem) beim Aufruf zur Thora und das sog. Pleltensystem (Einladungen auf Grund von Anweisungen, Billeten) für Durchreisende. Seit der Emanzipation haben sich die Grundlagen jüdischen Daseins und damit auch die Aufgaben der jüdischen Wohlfahrtspflege gewandelt. Der wirtschaftliche Aufschwung, den namentlich das Judentum im Westen nahm, erlaubte eine großzügige und durchgreifende Verbesserung der Wohlfahrtseinriehlungen, ein spezialisiertes Vereinswesen wurde ausgebildet, große Stiftungen wurden gemacht,, Bankhäuser errichtet. Die neueste Epoche jüdischen Lebens sieht wiederum einen Abstieg; das amerikanische Sprichwort: Von Hemdsärmel zu Hemdsärmel sind 3 Generationen, scheint sich auch im Leben der Juden zu bewahrheiten. Welche Pflichten erwachsen aus dieser Tatsache der jüdischen Wohlfalirlsarbeit? Sie hat nach dem Kriege ein wesentlich anderes Gesicht bekommen, vor allem zeigte sich die Notwendigkeit planmäßiger Einrichtung. Aus diesem Bedürfnis heraus wurde im Jahre 1918 die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden gegründet, die der Liga für freie Wohlfahrtspflege angeschlossen ist. Diese Zentralwohlfahrtspflege ist die sogen. Spilzenorganisation aller jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen und ihre Vertretung gegenüber den nichtjüdischen Spilzenorganisalionen und den öffentlichen, vor allem den staatlichen Stellen. Sie hat sich bemüht, Landesslellen zu organisieren, in etwa 70 örtlichen Zentralen versucht sich auch lokal das jüdische Wohlfahrtswesen nach einheitlichen Gesichtspunkten zu organisieren. Mit der Zentralwohlfahrlsslelle verbunden ist die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge. Daneben gibt es noch andere nicht lokale Organisationen, vor allem die zentralisierten Anstalten, wie Taubstummenanstalten, Kinderheime u. drgl. Solche Anstalten werden hauptsächlich von den Landesverbänden erhalten. Diese Neugestaltung des jüdischen Wohlfahrtswescns