Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1931-11-27 · 48 (27.11.1931) · p. Seite 652

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
48 (27.11.1931)
Date
1931-11-27
Page
Seite 652 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103087-9179412--12094-9084165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

652 Das Jüdische Echo Nr. 48 i 1 H II || Feuilleton | | HU 1III 1 .. Hus dem Leben Helmut von Gerlachs Berlin, 11. November. (JTA.) Hellmut von Gerlach, der hervorragende demokratische Publizist und Vorkämpfer der Friedensidee, schilderte vor kurzem in einer im „8 Uhr-Abendblatt“ erscheinenden längeren Artikelserie „Von rechts nach links. Der Lehensgang eines Junkers“ seinen Lehensgang und seine politische Entwicklung. In einem „Hofprediger Sfoecker hat mich belogen“ iiberschriebenen Artikel erzählt Hellmut von Gerlach, daß er bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr Antisemit gewesen sei: erst instinktiv, dann aus Überzeugung, dann von kritischen Zweifeln geplagt. In einem stockkonservativen Schloß des konservativsten Wahlkreises Preußens aufgewachsen, bekam er als Kind Juden nur in Gestalt von Fell- und Bündeljuden zu Gesicht. Auf dem Gymnasium' hatte er höchstens ein halbes Dutzend jüdischer Mitschüler, die von den übrigen Schülern in ein geistig-gesellschaftliches Ghetto eingesperrt wurden. „Verstandesmäßiger Antisemit“ ist Gerlach erst durch die Erziehung im Verein deutscher Studenten geworden, dessen Götter Hofprediger Stöcker und Professor von Treilschke waren. Durch seine rednerische Betätigung im Verein deutscher Studenten kam Gerlach schon als ganz junger Mensch in persönliche Berührung mit den führenden Antisemiten, besonders mit Otto Glagau, der aus rein persönlichen Gründen Antisemit geworden war. Sein Schlagwort lautete: „Die soziale Frage ist die Judenfrage.“ Glagau hatte eine Patentmedizin zur Lösung der sozialen Frage erfunden: Los von den Juden, und die soziale Frage ist gelöst! Gerlach, für den die soziale Frage im Vordergrund des Interesses stand, ging zu Glagau, zu dem die unzufriedenen Hofleule und abgesetzten Generale wanderten, damit er ihre Schmerzen in dem von ihm herausgegebenen „Kulturkämpfer“ an die Öffentlichkeit bringe. Liebermann von Sonnenberg, ein wegen Schulden entlassener Rittmeister, damals unbestritten der Führer der Antisemiten, bot Gerlach, als er gerade 26 geworden war, einen freigewordenen antisemitischen Reichstagssitz an. Liebermann von Sonnenberg war ein Organisator und ein Gesellschafter von hohen Graden. Jeder Wahlkreis, den er in Spezialbearbeitung nahm, konnte von vornherein als erobert gelten. Dichten, singen und saufen konnte er gleich gut. In der 17. Fortsetzung „Lieber zehn Juden als ein Antisemit!“ erzählt Gerlach, daß sein Antisemitismus durch Liebermann von Sonnenberg den ersten starken Stoß erhielt. Er stellte an Liebermann die Frage, was eigentlich das wissenschaftliche Problem des Antisemitismus sei. Liebermann antwortete lachend: „Lieber Freund, darüber lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen. Erst wollen wir eine politische Macht werden. Dann wollen wir uns die wissenschaftliche Grundlage für den Antisemitismus suchen.“ Gerlach, dem die Wissenschaft immer als das Höchste erschienen war, war erschüttert über die Formel: Erst Macht, dann Wissenschaft! „Meine Augen“, schreibt er, „begannen sich zu öffnen. Bald sah ich ringsum im antisemitischen Lager die grauenhafte wissenschaftliche Öde.“ Die Partei eroberte einen Wahlkreis nach dem anderen, bei den Reichlstagswahlen von 1893' hatten die Antisemiten 16 Sitze errungen. Aber als sie nun in Fraktionsslärke im Reichstag saßen und man von ihnen Taten erwartete, da erlebte man nur persönliche Zänkereien und Eifersüchteleien. Jeder von ihnen, Liebermann von Sonnenberg, Zimmermann, Dr. Böckel, Paul Förster, Ahlwardt, Köhler usw., war eigentlich eine Partei für sich. Man konnte kein Anlijudengesetz vorlegen, weil man sich über den Begriff „Jude“ zu einigen nicht imstande war. Alle stimmten darin überein: „Was er glaubt, ist einerlei, — in der Rasse liegt die Schweinerei.“ Ebenso groß wie seine intellektuelle Enttäuschung an den Antisemiten war seine ethische. In den Volksversammlungen wetterten die Herren gegen die „jüdische Unmoral“. War die Versammlung aus, so zog man in die antisemitische Weiberkneipe des Herrn Rieprich. Bald hatte jeder der deutschen Tugendwächter eine oder noch lieber zwei Kellnerinnen um sich und auf sich. Einer der lautesten antisemitischen Rufer war Dr. Paul Liman. Wolf von Dallwitz stellte aus dem Kirchenbuche fest, daß erst Liinaus Vater vom Judentum zum Christentum übergetreten war. Als Liman daraufhin vorgehalten wurde, daß er eigentlich nicht gerade zum Vorkämpfer des Rassenantisemitismus qualifiziert sei, suchte er sich herauszulügen: Sein Vater habe ihm erzählt, er sei italienischen Ursprungs und deshalb so schwarz und wollig. Ahlwardt war der gefeiertste Redner der Antisemiten. In ganz Deutschland berühmt geworden war er durch seine Bücher „Judenflinten“ und „Eid eines Juden“. Dallwitz, selbst feurigster Antisemit, ging zu ihm, um die Beweise einzusehen. Ahlwardt erklärte nur: „Wenn ich etwas nicht beweisen kann, behaupte ich es eben.“ Gerhard hat unter den antisemitischen Führern nur wenig anständige Leute kennengelernt, die wenigen Anständigen waren wissenschaftlich so ungebildet, daß einen die Empörung packen konnte, wenn man sie aus der Nähe beobachtete. Demagogen waren sie alle. „Vom Antisemitismus“, schreibt Gerlach, „haben mich weniger die Juden als die Antisemiten abgebrachl. Ich kannte kaum einen einzigen Juden.“ Später hatte Gerlach das Glück, mit klugen konservativen Männern, die nicht antisemitische fühlten, in enge persönliche Beziehung zu treten. Adolph Wagner und der Hofprediger Frommei und der Klosterprobst Freiherr von Liliencron erzählten ihm aus ihren Erfahrungen heraus von großen Juden, die sie als große Menschen und große Deutsche kennengelernt hätten. Er begann, sich mit der Geschichte des Judentums über den Antisemiten-Katechismus hinaus zu beschäftigen. Er kam zu den folgenden Schlüssen: Warum wurden die Juden nur Anwälte und fast nie Richter? Doch nur, weil die paar Juden, die überhaupt in den Richlerberuf hineinkommen konten, unfehlbar auf den untersten Stufen stecken blieben. Warum waren die Juden so unkriegerisch? Weil ihnen in Preußen nicht nur die Offizierslaufbahn verschlossen war, sondern sie nicht einmal Reserveoffizier werden konnten. Warum waren so wenig Juden Handwerker? Weil sie bis zur Judenemanzipation von den Zünften ausgeschlossen waren. Warum waren sie nicht Ackerbauer? Weil sie bis 1812 keinen Landbesitz erwerben durften. Warum befaßten sich so viele von ihnen mit Geldgeschäften? Weil unter der Geltung des kanonischen Rechtes nur sie Geldgeschäfte hallen betreiben dürfen. Alles dies hätte ich natürlich wissen können und wissen sollen, ehe ich zur Judenfrage Stellung nahm. Aber weiß es etwa heute Adolf Hitler? Gerlach berichtet über sein erstes Zusammentreffen mit Juden. Von entscheidender Bedeutung wurde für ihn die Bekanntschaft mit Charles L. Hallgarten in Frankfurt a. M., dem das Geldverdienen nicht )

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.