Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 48 (27.11.1931)
- Date
- 1931-11-27
- Page
- Seite 649 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Das Jüdische Echo 649 Judentums geführt haben, daß es heute lächerlich ist, von Juden als Repräsentanten irgendeines Kapitals zu sprechen. Wenn sie dies alles in Erwägung ziehen, so müssen Sie zur Überzeugung kommen, daß eine Hilfe kommen muß.“ Doch diese Hilfe kommt nicht. Alle Äußerungen der jüdischen sozialen Hilfsstellen in Polen bilden in letzter Zeit’ einen einzigen Hilfsschrei. Sie drücken das Stöhnen hunderttausender Menschen aus, die sich nicht mehr selbst helfen können und die nicht mehr wissen, wo sie die allerdringendsten Bedürfnisse decken sollen. Es gibt keinen Verdienst, kein Kapital und keine Reserven. Die Lumpenproletarisierung geht mit rasenden Schritten vor sich. Wenn man die jüdische Bevölkerung in Polen statistisch erfassen würde, es würde sich ergeben, daß Zehntausende, ja Hunderttausende, von ihnen nicht in der Lage sind, sich mit irgendeinem Beruf auszuweisen. Der Kaufmann, der Handwerker, der Agent, es sind Menschen, die von der Luft leben. Die Rückständigkeit des kapitalarmen Landes und die Niederhaltung der Schaffensenergie eines so bedeutenden Bevölkerungsteiles, wie die drei Millionen polnischer Juden vorstellen, verhindert die Schaffung von neuen Erwerbsquellen. Eine Krise besteht heute auch in anderen Ländern; sie ist jedoch zumeist jungen Datums. Es sind noch Reserven da. In Polen ist die jüdische Not Tradition. Die Zusammenballung so vieler destruktiver Faktoren geht an die Lebenswurzel der jüdischen Gemeinschaft in der einfachsten physischen Bedeutung. Man pflegte bisher das Problem zu stellen: entweder vollständige Verelendung, oder Auswanderung. Die zweite Alternative ist heute ausgeschaltet. Die Grenzen sind geschlossen; ein Abfluß ist nicht möglich. Heute steht die Lage: Rettung im Lande selbst, oder vollständige Verelendung. Objektiv sind die Aussichten für die erste Möglichkeit verzweifelt gering. Man sollte zwar annehmen, daß es auch noch in Polen Menschen gibt, die sich der Einsicht der Zweischneidigkeit einer solchen Entwicklung nicht verschließen. Es kann kein Staat auf die Dauer gesund bleiben, in dessen Mitte man einen kranken Herd bis zu solchem Grade sich entwickeln läßt. Für das Bestehen einer solchen Einsicht sind aber vorläufig gar keine Anzeichen vorhanden. Man tut nichts und man geht den gewohnten Weg des geringsten Widerstandes, als der er sich bisher darstellte. Die zweite Schlußfolgerung ist in die Realität getreten. Sie macht schnelle Fortschritte. B. J. Palästina «Wirtschaftsbericht der englischen Regierung London, 20. November. (JTA.) Soeben ist der offizielle Berieht der englischen Regierung über die wirtschaftliche Lage in Palästina erschienen. Der vom Direktor des Departements für Zölle, Akzise und Handel der Palästinaregierung, K. W. Stead, abgefaßte Bericht stellt eingangs fest, daß Palästina noch immer an den Folgen der Unruhen im Spätsommer und Herbst des Jahres 1929 leidet; diese Ereignisse hätten das Land in seiner wirtschaftlichen Entwicklung zurückgeworfen. Die Einnahmen der Paläslinaregierung haben sich seit 1925 konstant vermindert und erreichten 1950 einen Stand, der um eine halbe Million niedriger war als der von 1925 (1925: Pfund 2 809 324; 1930: Pfund 2 389 540). Demgegenüber haben sich die Ausgaben seit 1925 von Jahr zu Jahr konstant erhöht. Während 1925 ein Überschuß von 800 000 Pfund erzielt wurde, verzeichnete man 1930 ein Defizit von 200 000 Pfund. Diese ungünstige Balance ist vornehmlich auf die Finanzkrise in d'm Vereinigten Staaten und in Europa zurückzuführen, als deren Folge sich das Zuströmen ausländischen Kapitals in der Form von Beiträgen zu den lokalen Institutionen, von Investierungen durch Juden in Landwirtschaft und Industrie beträchtlich verringert hat. Auch der Touristenstrom ist schwächer geworden. Obwohl die Einfuhr noch immer ein Vierfaches der Ausfuhr ausmachl, ist in dieser Beziehung eine Besserung zu verzeichnen; die Importe haben sich seit 1929 beträchtlich verringert. Einigermaßen ausgeglichen wird die Handelsbilanz durch die unsichtbaren Importe (Kapitalseinfuhr), worunter die Ausgaben der zionistischen Fonds, der Touristen, die Einwanderer-Kapitalien, die Investierungen aus fremden Ländern usw. die wichtigsten sind. Die wirtschaftliche Stabilität Palästinas ist in einem hohen Maße von der Regelmäßigkeit und der Höhe der erwähnten Einkunftsquellen abhängig. Im Jahre 1926 zählte man 6000, im Jahre 1927 7400 jüdische Arbeitslose. 1929 zählte man nur noch etwa 1000 und 1930 1030 jüdische Arbeitslose. In den Jahren 1926 bis 1930 betrug der Überschuß der jüdischen Einwanderung über die Auswanderung rund 10 000 (29 165 Einwanderer und 18 029 Auswanderer). Die nicht jüdische Einwanderung war demgegenüber um 2000 niedriger als die Auswanderung (5425 Einwanderer, 7368 Auswanderer). Heute gibt es in Palästina rund 30 000 jüdische Arbeiter, von denen 7000 in der Landwirtschaft, 4500 im Bauwesen und bei öffentlichen Arbeiten, 4000 in den Fabriken und großen Werkstätten, 3000 in kleinen Werkstätten, 1500 im Transportwesen und 10 000 in anderen Fächern tätig sind. Rund 75 Prozent der jüdischen Arbeiter in Palästina sind gewerkschaftlich organisiert. 1929 wurden aus den Vereinigtim Staaten nach Palästina für zwei Millionen Dollar Waren (5,13 Prozent des gesamten Imports) eingeführt. Der Prozentsatz des Imports aus England betrug im gleichen Jahre 16,66 Prozent. 1930 betrug der amerikanische Import nur noch 250 000 Dollar. Die Ausfuhr aus Palästina nach den Vereinigten Staaten betrug 1929 nur 1,24 Prozent, der Export nach England 37,7 Prozent des Gesamtexports. 1930 wurde nach Amerika für nur 110 000 Dollar exportiert. Bis 1929 stand Deutschland an der Spitze jener Länder, die Maschinen nach Palästina einführen. Aber seitdem Industrien errichtet wurden, in denen britisches Kapital investiert ist, hat sich der Import von Maschinen aus England erhöht und nahm 1930 den ersten Platz auf der Maschinen-Einfuhrliste ein. 1928 wurden aus England Maschinen im Werte von 42 235 Pf., aus Deutschland Maschinen im Werte von 74 029 Pf. und aus Amerika Maschinen im Werte von 6 293 Pf. eingeführt. 1929 betraf die Maschineneinfuhr aus England 88 710 Pf., aus Deutschland 96 530 Pf., aus Amerika 10 731 Pf. 1930 wurden aus England Maschinen im Werte von 131 492 Pf., aus Deutschland im Werte von 74 645 Pf., ans Amerika im Werte von 20 295 Pf. eingeführt. Die Entwicklung der Industrie in Palästina (1928 zählte man 3505 Industrieunlernehmungen) erweist sich am besten aus dem Import von Brennstoffen. 1930 wurdmen über 16 Millionen Liter Benzin (gegen 2,5 Millionen im Jahre 1929) in Palästina eingeführt. Der Import von Keroß verdreifachte sich gegen 1928 und betrug 1930 über 37 Millionen Liter. 1930 wur-