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Das jüdische Echo · 1931-11-27 · 48 (27.11.1931) · p. Seite 648

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
48 (27.11.1931)
Date
1931-11-27
Page
Seite 648 (sequence 4)
Language
German
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648 Das Jüdische Echo Nr. 48 weg, der keiner ist, eine Rettung für den Augenblick. Die Wohltätigkeit bildete und bildet bis zum heutigen Tage nur eine Verschleierung der wahren Lage, um sie später um so krasser nach außen treten zu lassen. Vor einem solchen Resultat stehen wir heute nach dem plötzlichen Versagen der amerikanisch-jüdischen Unterstützung durch den „Joint“, der jahrelang m Verbindung mit Verwandten-Geldsendungen aus Amerika ganze Schichten des polnischen Judentums vor dem Verhungern rettete. Jetzt bleibt diese Hilfe bis zu fast Neunzehnteln aus. Die Leistungsfähigkeit der jüdischen Gemeinschaft im Lande selbst ist durch die in gewaltigem Tempo fortschreitende Verarmung den zunehmenden Anforderungen immer weniger gewachsen. Dieser systematischen Benachteiligung der Juden durch die maßgebenden Landesfaktoren stehen ihre eigenen Leistungen an Staat und Gesellschaft kraß gegenüber. Die Juden zahlen bis zu 40 Prozent aller direkten Steuern, während sie nur zehn bis elf Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. Die Steuermaschine drückt auf sie mit unbarmherziger Strenge. Das Milliardenbudget wird zu einem großen Teile von Juden gedeckt. Steuern werden oft' mit Groschen bezahlt, die für das trockene Brot bestimmt sind. Die Juden sind praktisch mit einer vielfachen Steuerlast gegenüber den Nichtjuden belegt. Sie müssen ihre Mittelschulen selbst erhalten; das gleiche gilt von den bereits erwähnten Fachschulen. Vor einiger Zeit erließ die Regierung eine neue Verordnung für die jüdischen Gemeinden, die ihre Kompetenz auf das schwerste einschränkt. Sie begrenzt die Ausgaben der Gemeinde auf den rein religiösen Bedarf, zu einer Zeit, wo die Regierung selbst ihren ohnehin beleidigend geringen Beitrag für jüdisch-religiöse Zwecke noch um einige zehntausend Zloty im neuen Budget verkürzt hat. Die Regierung hat ein einfaches Mittel gefunden, den Juden die Steuerlast zu „erleichtern“. Sie verbietet ihnen die Aufbringung von Mitteln für die Erhaltung der jüdischen sozialen und kulturellen Institutionen, für die sie bisher aus Gemeindemitteln, in Ermangelung jeder staatlichen Unterstützung selbst sorgen mußten. Wer dafür in Zukunft aufkommen soll, darüber macht sich die Regierung anscheinend keine Gedanken. Die nichtjüdischen Instiutionen ziehen einen großen Teil ihrer Einnahmen von den städtischen Juden, geben aber für sie nichts. Man hat sich bereits daran gewähnt, daß die Juden für die Allgemeinheit zahlen, daß sie aber mit ihren eigenen Bedürfnissen auf die Unterstützung ihrer amerikanischen Verwandten angewiesen sein sollen. Die jüdischen Kulturbedürfnisse — das bildet ein Kapitel für sich. Wir haben bereits erwähnt, daß die Juden ihre eigenen Mittelschulen unterhalten. Diese wie die anderen jüdischen Schulen kosten die Regierung keinen Pfennig. Sie werden von freiwilligen Leistungen der jüdischen Gemeinschaft unterhalten und ihr Dasein ist von einer einzigen Kette von Sorgen und Schwierigkeiten ausgefüllt. In diesen Schulen wird der staatliche Lehrplan eingehalten. Die Lehrer unterliegen der Bestätigung der staatlichen Schulbehörden. Die pädagogischen Ergebnisse sind nach den Aussagen der staatlichen Schulinspektoren glänzend. Trotzdem wird ihnen das Öffentlichkeitsrecht versagt und werden ihnen verschiedene Schwierigkeiten bereitet. Das jüdische Hochschulelend in Polen ist bekannt. Es gibt hier keinen besonders gegen die Juden gerichteten Numerus Clausus; in der Praxis wird er gegen sie rigoros gehandhabt. Juden, denen der Staat so viele Existenzquellen abschneidet oder erschwert, wurden in diesem Jahre zu den Hochschulen nur scharf im Rahmen ihres anteilmäßigen Verhältnisses zur Gesamtbevölkerung zugelassen, vielfach auch darunter, wie z. B. zur Handelshochschule in Warschau mit 4 Prozent, und zur landwirtschaftlichen Abteilung mit 2,5 Prozent. Nicht ein Jude aber derjenigen, die im Auslande Medizin studierten und ihr Studium in Warschau fortsetzen wollten, wurde angenommen. Es gab Juden, die ihre Prüfung zum dritten bis vierten Male abgelegt hatten; sie konnten aber an manchen Abteilungen, wie Medizin, Dentistik, Pharmazie und Architektur ihre Zulassung nicht erreichen! Wir haben z. B. gelesen, daß dieses Jahr in Warschau von dreihundert Ansuchern nur 15 angenommen wurden. Die gleichen Zustände herrschen auf allen polnischen Hochschulen. Die jüdischen Studenten sind auch sonst verschiedenen Erschwerungen und Angriffen ausgesetzt. Juristische Studenten müssen nach dem Gesetz eine einjährige Gerichtspraxis durchmachen. Die christlichen Studenten finden eine solche Stelle nach kurzer Zeit, die jüdischen müssen ein Jahr warten. Außerdem: der erstere wird bezahlt, der jüdische muß ohne Entschädigung arbeiten. Es ist schwer, sich die ganze Tragik der Lage zu vergegenwärtigen. Tatsächlich wissen die jüdischen Eltern mit ihren Kindern nichts anzufangen. Die jüdische Jugend sieht für sich jede wirtschaftliche Zukunft abgeschnitten. Ein Teil von ihr geht an den Kommunismus und damit zumeist dem Judentum verloren. Er füllt in zunehmenden Maße die polnischen Gefängnisse. Ein großer Teil der Jugend stellt sich auf Palästina ein, doch sind hier die realen Möglichkeiten vorerst verschwindend klein gegenüber der Masse der Bereitstehenden. * Es hat sich bisher noch keine polnische Regierung gefunden, die alle die Eingaben und Denkschriften von jüdischer Seite beachtet hätte. Sie nimmt sie entgegen und geht über sie zur Tagesordnung über, so daß in letzter Zeit sogar von solchen Versuchen Abstand genommen wird. Im Gegenteil, alle ihre Maßnahmen wirken dahin, daß die Juden immer mehr an die Peripherie des wirtschaftlichen Geschehens abgedrängt werden. Die Folgen sind auch verheerend. Sie können nicht besser geschildert werden als in den folgenden Sätzen, die einer Budgetrede des jüdischen Abgeordneten Rosmarin auf einer der letsten Sejmssitzungen entnommen sind: „Man braucht das Leben der Juden nicht besonders zu studieren. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß es einen Handel, der die Hauptexistenzgrundlage der jüdischen Bevölkerung bildete, nicht gibt, daß das Handwerk ohne Beschäftigung dasteht, daß das Dorf, das den Juden, besonders der Kleinstadt, noch irgendeinen Verdienst geboten hatte, ihm heute keinen Stützpunkt mehr gewährt. Wenn Sie die Tatsache beachten, daß die verschiedenen Finanzoperationen aller Regierungen, angefangen von Herrn Grabski, die Juden ihres Kapitals beraubt haben, daß diese Finanzatraktionen zum Ruin des

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