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Das jüdische Echo · 1931-11-27 · 48 (27.11.1931) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
48 (27.11.1931)
Date
1931-11-27
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 48 27. November 1931 18. Jahrgang Die jüdische Tragödie in Polen Es kann wohl kaum ein Zweifel bestehen, daß wenn diie gegenwärtige auf der ganzen Welt herrschende schwere Wirtschaftskrise nicht überall so sehr die Aufmerksamkeit für 'die eigenen Nöte in Anspruch nähme, die Lage der polnischen Judenheit das öffentliche Interesse der Welt erzwingen und vor allem im Vordergründe der Probleme der jüdischen Weit, gebieterisch irgend eine Lösung heischend, stehen würde. Es scheint aber, daß der Zeitpunkt herannaht, wo die Weltjudeniieit doch trotz allgemeiner Nöte ihre besondere Aufmerksamkeit der Frage wird zuwenden müssen, was mit der Dreimillionenmasse der polnischen Juden zu geschehen hat. Auch in der Not gibt es Grade der Kraft des Aushaltens, bei deren Überschreiten sie den 'Rahmen ihres bisherigen Schauplatzes sprengt und zu einer Gefahr für die weitere Umgebung wird. Die herrschende Weltkrise /ist nicht die Hauptursache der haltlos gewordenen Lage der polnischen Juden, wenn sie auch zu ihrer Verschärfung stark beigetragen hat. Die Existenz der polnischen Juden war vor dem Weltkriege auf den Handelsbeziehungen Polens zum großen russischen Absatzmarkt aufgebaut. Die neuen staatlichen Verhältnisse schnitten ihnen mit einem Male diese Grundlage ab und eine neue konnte bisher aus politischen und politisch-wirtschaftlichen Gründen nicht geschaffen werden. Die tragische Entwicklung zur heutigen jüdischen Lage hat zwei Grundursachen: der Charakter der Juden als fast .ausschließliches städtisches Element und die grundsätzlich antijüdische Einstellung der herrschenden Kreise in Polen, ohne Unterschied ihrer Parteistellung. Jene ist ein Produkt der historischen Entwicklung des jüdischen Daseins; gegen diese wird andauernd, aber vergebens, angerannt wie gegen eine tote Wand von der kein Wiederhall kommt. Polen ist biis zu 70 Prozent Agrarland. Die Landwirtschaft hat auch in Polen aus weltwirtschaftlichen Zusammenhängem. keinen leichten Stand, aber der polnische Bauer ist genügsam und seinen dringendsten Lebensbedarf deckt er in der eigenen Wirtschaft. Aus diesen Tatsachen ergibt sich zwangsläufig besonders die innere Wiirtschafts- und Finanzpolitik der Regierung. Sie läuft auf Schonung des Dorfes und dafür auf um so schwerere Belastung der Stadt hinaus. Die Juden aber wohnen in den Städten. Die ganze innere und äußere Handels- und Zollpolitik Polens wird von dieser Lage bestimmt. Ist somit Handel und Industrie, jüdische und nichtjüdische, übermäßig belastet, so suchen die herrschenden Kreise die Last des polnisch-städtischen Elements durch entsprechende Wirtschaftsmaßnahmen, durch die Kredit- und Monopolpolitik der Regierung, durch die Praktik der autonomen Behörden auf Kosten der Juden zu verringern. Hier wirkt sich, neben dem sonstigen Verhalten der Regierung auf vielem anderen Lebensgebieten, die zusätzliche Bedrük- ’kung und Benachteiligung der Juden aus. Der neue polnische Staat praktiziert einen inneren Protektionismus, der gegen den jüdischen Kaufmann, den jüdischen Handwerker und. Industriellen gerichtet ist. Er wird überall zurückgesetzt und benachteU ligt. Es bestehen in Polen keine die Juden beschränkenden Gesetze. Aber sie sind überflüssig. Sie werden durch die Praxis ersetzt. Die Regierung betont, daß sie unter den Staatsbürgern keinen Unterschied mache. Aber sie verletzt ein Elementarrecht des jüdischen Staatsbürgers, wie es das Recht auf Arbeit ist. Regierung und autonome Köperschuften schließen Juden aus dem Verwaltungsdienst vollständig aus. Monopole und sonstige Staatsbetriebe, wie die riesige Waldindustrie, beschäftigen keine Juden. Es bestehen Gesetze, die für alle gelten, die aber ihre Spitze gegen die Juden lichten, indem sie ohne Rücksicht auf ihre tatsächlichem Verhältnisse und ihren geschichtlichen Werdegang gegen sie nach dem Buchstaben ihre Anwendung finden. So u. a. das Handwerkergesetz, das mit rückwirkender Kraft die Beibringung eines Befähigungsnachweises fordert. Die polnischen Handwerker können sich einen solchen Nachweis in den seit dem Mittelalter bestehenden, natürlich judenreinen Zünften beschaffen. Für die Juden ist dies mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden; in sehr vielen Fällen ist ihnen diesen Nachweis zu beschaffen, vollkommen unmöglich. Den für die Juden besonders eingerichteten gewerblichen Prüfungen müssen sich auch ältere und bejahrte Handwerker unterwerfen, die für sie mit Schwierigkeiten und Hindernissen verschiedenster Art verbunden sind. Ein Handwerker aber, der keinen Befähigungsnachweis beiiforingt, darf keine Lehrlinge beschäftigen'. Seine eigene Existenz und die Zukunft des Handwerks selbst ist dadurch gefährdet, ln den Handwerkerschulen der Regierung erreicht die Zahl der jüdischen Zöglinge kaum 2 Prozent. Es wurden besondere jüdische Handwerkerschulen eingerichtet, die aber keine Rechte genießen und von der Regierung finanziell vernachlässigt werden. Der wirtschaftliche Niedergang der Mittel- und Vermittelungsschichten, sowie der Kleinindustrie, die die Hauptmasse der Juden Polens umfassen, nahm bereits vor dem Weltkriege seinen Anfang. Aber während die Folgen dieser Erscheinungen unter anderen Völkern sich drohend vor ihren Regierungen auf richten und von ihnen Abhilfe oder Abbiegung der gefährlichsten Auswirkungen erzwingen; während sie in einer normalen Berufsschichtung durch die natürliche Entwicklung anderer Lebensgebiete einen kleineren oder größeren Ausgleich erfahren und in ihnen vor allem eine Stütze vor dem Äußersten finden, erhielt diese Entwicklung bei den Juden den Charakter eines unaufhaltsamen Verhängnisses. Noch mehr, das Vernichtungstempo wurde bei ihnen durch die Faktoren, von denen sie rechtmäßig Hilfe erwarten sollten, noch beschleunigt. Ihre einzige Stütze ist die Wohltätigkeit in der eigenen Gemeinschaft, im Lande und außerhalb seiner Grenzen; ein Aus-

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