Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 47 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- Seite 641 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 641 Der neue High Commissioner nach Palästina abgereist London, 14. November. (JTA.) Der neue High Commissioner für Palästina General Sir Arthur Grenfell Wauchope, hat sich am Donnerstag, dem 12. November, abends, auf die Reise nach Palästina begeben, um sein Amt anzutreten. Kurz vor Antritt seiner Reise wurde General Wauchope vom Premierminister Ramsay Mac- Donald empfangen, der mit ihm die palästinensischen Angelegenheiten, besprach. 1! 1 lllllllll 1 11 II! 1 | Feuilleton | [ II! III David Golder Zur Münchener Aufführung in den Luitpold-Lichtspielen Die Geschichte von David Golder, wie sie Irene Nemirowsky in ihrem berühmt gewordenen Roman erzählt, hat zwei Aspekte: es ist die Geschichte des reichen Mannes Golder und die Geschichte des Juden Golder. Der Film zeigt nur die Tragödie des Finanzmannes (übrigens hat auch das Buch die jüdischen Probleme nur angedeutet und bei weitem nicht erschöpft) und eigentlich auch nur den letzten Akt dieser Tragödie. Das Thema von dem Mann, der sich ganz von seinen Geschäften auffressen läßt, den Kontakt mit seiner Familie vollständig und unwiderruflich verloren hat und schließlich von seiner Umgebung nur noch behandelt wird als der „Idiot, der alles bezahlt“, ist mit einer ungeheuerlichen Kraßheit dargestellt; die mehr als abstoßenden Vlorgäinge am Krankenbette Golders, ebenso wie die Hartherzigkeit Golders bei seinen Geschäften. So gibt der Film, wahrscheinlich ohne es zu wollen, die Lehre, daß Reichtum allein nicht Glück bedeutet; es ist anzunehmen, daß diese zeitgemäße und auch wieder höchst unzeitgemäße Moral heute freilich nur mit Ingrimm und Verbissenheit angehört werden und recht wenig Mitleid mit den armen reichen Leuten erwecken wird. In diesem Film gibt es nicht einen sympathischen Menschen und an seinem Helden keinen sympathischen Zug; es sei denn die Illusionslosigkeit, mit der Golder sein Leben betrachtet, oder die Schwäche des sonst Brutalen der gegenüber, die er für seine Tochter gehalten und von der er weiß, daß sie — nach seinem gesundheitlichen und finanziellen Zusammenbruch — nur aus egoistischen Motiven zu ihm zurückkehrt, daß auch sie nichts anders will als Geld. Um ihr Geld zu schaffen, schleppt er sich schwer herzleidend zu Gemeinden- und Vereins-Echo Jüdische Winterhilfe. Im Rahmen der Veranstaltungen der Gemeinde, die vom sozialen Ausschuß jüngst beschlossen wurden, fand am Sonntag, den 16. November, in der Synagoge, Herzog-Max- Straße, der erste Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Baerwald über „Soziale Gedanken und Einrichtungen im Judentum“, statt. Dem gutbesuchten Vortrag ging ein Orgelvorspiel voraus, „Arie an Saul“, von Händel mit Gesang von Frau Sonja Ziegler. (Vater des Friedens, der tröstend mild ...) Die eindrucksvolle Rede des Herrn Dr. Baerwald ging aus von dem Gedanken, daß jüdische Religion nur im engsten Zusammenhang mit der Ethik gedacht werden könne, und daß Ethik im jüdischen Sinne nur als soziale Ethik bestehe. An Hand eines reichen Schatzes von Belegen aus der Bibel und den nachbiblischen Schriften ging der Redner sodann ein auf die von tiefstem Verständnis getragenen Vorschriften der jüdischen Ethik, neuen Geschäften; er stirbt auf einem Auswandererschiff im Schwarzen Meer unter Juden, die aus dem Ghetto flüchten, wie er es einst getan hat. Dieses Ende unter Juden ist aber höchst zufällig und es ist keine Rede von einer bewußten oder unbewußten, erkenntnismäßigen oder willensmäßigen Rückkehr zu seinem Volke Auch der sterbende Golder warnt den kleinen Bocher mit den Peies nur vor den Schrecken des Geldverdienens nicht vor denen der Entjudung. Die jüdische Tragik, die mit der Loslösung aus der nationalen und kulturellen Gemeinschaft, mit der Zerstörung des Familienlebens beginnt, und das verhärtende Leid des ständig Fremden und Geduldeten, des Unverstandenen und Außenseiters mit sich bringt, wie sie das Schicksal des Juden Golder ausgemacht haben müßte, wird nicht einmal angedeutet — man hat den reichen Mann zu Unrecht in eine jüdische Maske gesteckt. Die Tragödie des reichen Mannes aber mit dem steinernen und doch irgendwo liebesbedürftigen Herzen, der sich zwar von den Schmarotzern beinahe befreien kann, aber nicht von den Geschäften, hat eine eindringliche und künstlerisch meisterhafte Darstellung mit echt filmischen Mitteln gefunden. Die Einsamkeit des alten Golder in seinem Pariser Palais, das Parasitenmilieu in Biarritz, Spielsaal, Börse, Zusammenbruch und Verhandlungen mit den Sowjets sind in beinahe nur andeutenden Bildern erstaunlich eindrucksvoll festgehalten und Harry Baur, der den alten Golder verkörpert, gibt sogar diesem Schicksal Verhaltenheit und menschliche Würde, ohne es aus der moralischen Sphäre herauszuheben, in der es sich vollzieht. I. E. an deren Spitze das von allen Weltreligionen übernommene Wort steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Im einzelnen befaßte sich der Vortrag mit den Gesetzen des Fremden- und Sklavenrechtes der Bibel, die sich grundsätzlich abheben von den Gedanken, die bei den anderen Völkern jener Zeit und vielfach bis in die heutige Zeit hinein herrschten. Ein zweiter Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Baerwald, der sich vor allem mit den Fragen der Wirtschaftsethik befassen wird, findet Sonntag, den 29. November, in der Synagoge statt. Die Veranstaltung fand einen würdigen Abschluß in einem Orgelspiel von Heinrich Schalit „Hymnus es-moll (Orgelbearbeitung aus den Hymnen der Seele, Op. 27 I), der eine eigene Komposition vortrug. Im gleichen Zyklus finden noch zwei weitere Vorträge statt: Struktur der jüdischen Wohlfahrtspflege. Vortrag von Herrn Justizrat Dr. Straus, am Mittwoch, 25. November, 20.15 Uhr, im Saale der Concordia, Prannerstr. 4,