Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 47 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- Seite 638 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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638 Nr. 47 Das Jüdische Echo paganda für einheimische Produkte, Anbahnung neuer Beziehungen, Eröffnung neuer Möglichkeiten. Obwohl die ersten Versuche nicht immer glückten, manches oder vieles einen provinziellen Gharakter trug und zuerst deutlich den Stempel des Tastens und Suchens zeigte, wurden die Veranstaltungen wiederholt und ausgebaut. Und die Messe im April 1929, die vierte in der Reihe, hatte bereits einen weit größeren Rahmen als die früheren und zeigte in jeder Beziehung große Fortschritte. Die Ausstellungsprodukte waren mannigfaltiger, besser und eindrucksvoller geworden. Die Beteiligung war gestiegen. Und fast unmerklich hatte sich der gesamte Charakter des Unternehmens geändert. Im Jahre 1929 war die Ausstellung nicht mehr das Privatunternehmen einer Firma. Die interessierten öffentlichen und halböffentlichen Körperschaften nahmen an den Vorarbeiten und der Durchführung der Messe teil. Der Oberkommissar übernahm das Patronat über die Ausstellung, in der Jury saßen führende Beamte der Palästinaadministration. Verschiedene Departements der Regierung beteiligten sich als Aussteller und benutzten die Gelegenheit, um der Bevölkerung den Sinn und Nutzen ihrer Arbeit zu demonstrieren. Und noch ein weiterer Umschwung war eingetreten. Von einer Beschränkung auf lokale oder sogar rein jüdische Produkte konnte keine Rede mehr sein. Die umliegenden Länder begannen auf die Tel-Awiwer Messe aufmerksam zu werden und benutzten sie, um neue Beziehungen im Handel untereinander anzuknüpfen und bereits bestehende auszubauen. Darüber hinaus aber begann die ausländische Industrie, sowohl die englische als auch die kontinentale sich der Tel-Awiwer Messe als eines Sprungbretts für die Erschließung des nahen Ostens zu bedienen. Neben ungefähr 200 palästinensischen Firmen stellten über hundert europäische ihre Waren aus, darunter große Konzerne, die an der Erschließung der neuen Märkte interessiert waren. Der Boden für diese Entwicklung war in den zehn Jahren der britischen Okkupation vorbereitet worden. Die Verbesserung und Ausbreitung des Verkehrsnetzes lockte eine ganze Anzahl von Autofirmen an, die zusammen einen sehr ansehnlichen Pavillon füllten. Die Entwicklung der Zitrusplantagen bot großen Maschinenfirmen genügenden Anreiz, um ihre modernen Bearbeitungswerkzeuge, ihre Pumpanlagen und sonstige Errungenschaften zu demonstrieren. Die Fortschritte der elektrischen Werke im Lande waren so weit gediehen, daß ein Markt für elektrische Artikel entstanden war. Und so kann man eine ganze Reihe von Industrieerzeugnissen aufzählen, die aus den verschiedenen Ländern Europas sich in Tel-Awiw sammelten. In den letzten zwei Jahren, die seit dieser Messe von 1929 vergangen sind, haben sich die Dinge weiter entwickelt und zum Teil in neuen Richtungen. Jetzt geht man bereits von dem Standard der letzten Messe aus und niemand denkt daran, die Veranstaltung zu einer rein palästinensischen zu machen. Im Gegenteil, es scheint, daß diesesmal das Schwergewicht durchaus auf den ausländischen Erzeugnissen liegen wird. Wenn auch die Entwicklung des Landes in den letzten zwei Jahren nur langsam vorwärts gegangen ist, so sind doch beträchtliche Veränderungen eingetreten. Die einheimische Industrie hat sich zum größten Teile fundiert und fühlt sich in ihren stärkeren Gliedern gegenüber fremden Produkten bereits konkurrenzfähig. Zudem hat sie ihre Fühler mehr und mehr nach den umliegenden Ländern ausgestreckt und ist daran interessiert, diese Gegenden als ihre Märkte zu erobern. Der palästinensische Industrielle legt also nicht nur Wert darauf, das lokale Publikum an seinem Unternehmen zu interessieren, sondern auch neue Kreise aus den Nachbarländern zu gewinnen, und dafür bietet ihm die Messe eine willkommene Handhabe. Viel weitere Perspektiven öffnen sich jedoch, wenn man Palästina nicht als Produktions-, sondern als Handelszentrum betrachtet. Es ist über die vorteilhafte geographische Lage des Landes am Kreuzungspunkt der Straßen zwischen Ost und West bereits unendlich viel geschrieben worden und es scheint heute nicht mehr notwendig, auf diese fundamentale Wahrheit von neuem hinzuweisen. Es darf jedoch nicht vergessen werden, daß im Laufe weniger Jahre für die handeis- und verkehrstechnische Erschließung dieses Fleckchens am Mittelmeer bereits viel getan worden ist und daß die großen vielbesprochenen Projekte der Wüstenbahn und der indischen Flugverbindung sich ihrer Verwirklichung stark genähert haben. Was noch vor fünf Jahren Hypothese war, nimmt heute bereits greifbare Gestalt an. Der Haifaer Hafen nähert sich seiner Vollendung, jetzt wird die Fluglinie London-Karachi statt über Ägypten über Palästina geleitet. Der Äroplan landet auf der Fläche des Tiberiassees, die Passagiere werden dann per Auto nach Zemacli an die transjordanische Grenze gebracht und dort in Landflugzeugen nach Indien weiterbefördert. Unterdes wird auf den Böden der Haifa-Bay das geeignete Gelände für ein Ärodram ausgesucht und damit auch die Umladung der Passagiere, die eine provisorische Maßnahme ist, überflüssig gemacht. Hält man sich schließlich noch vor Augen, daß die afrikanische Fluglinie über Kenya ebenfalls jetzt von Palästina und nicht mehr von Ägypten abzweigen soll, so sieht man das Land bereits heute als eine der entscheidenden Kreuzungen des nahen und mittleren Ostens und als einen wichtigen Knotenpunkt der britisch-imperialen Verkehrswege. Freilich sind diese Verbindungen heute noch mehr strategischer als handelsmäßiger Natur. Aber es besteht kein Zweifel, daß diese technische Erschließung der Gebiete, durch den Hafen zu Wasser, die Bahn zu Lande und das Flugzeug in der Luft, auch im Handel ihre Folgen haben werden. Und noch ein anderes wichtiges Moment kommt hinzu. Während der früheren Tel-Awiwer Messen war die Notwendigkeit der europäischen Länder, neue Absatzmärkte für ihre Waren zu suchen, noch nicht so dringend wie jetzt. Die gesamte europäische Wirtschaftslage drängt heute gebieterisch auf eine Vergrößerung der Absatzmöglichkeiten hin. Und wenn auch der nahe Osten zu einem guten Teil eine Bevölkerung aufweist, deren Kaufkraft man heute nur sehr vorsichtig einschätzen darf, so gibt es doch hier noch zweifellos eine Fülle unausgenutzter Möglichkeiten. Man darf annehmen, daß die Not daheim und die Aussichten auf neue Möglichkeiten in einem relativ unerschlossenen Gebiet die europäische Industrie in weit größerem Maße als früher auf die Levante- Messe 1932 hin weisen werden. Für die jüdische Arbeit im Lande hat die Messe selbstverständlich noch ein besonderes Interesse. Nicht nur, daß dadurch eine größere Anzahl von Besuchern zur Touristenzeit ins Land gezogen werden. In dieser Hinsicht wird man seine Erwartungen sehr niedrig halten müssen, denn bei