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Das jüdische Echo · 1931-11-20 · 47 (20.11.1931) · p. Seite 637

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
47 (20.11.1931)
Date
1931-11-20
Page
Seite 637 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 637 samter Menschen, unvergleichlich bitterer als unsere Not, dürfen wir nicht länger tatenlos gegenüberstehen. Wir müssen nicht nur begreifen, daß ihr Kampf unser Kampf, ihr Untergang unser Untergang ist, sondern darnach handeln. Nur eine Gemeinschaft, die den Willen zum Leben hat und mit Tat und Opfer sich dafür einsetzt, kann in dieser Zeitwende sich behaupten.“ Zu Beginn seiner Ausführungen zitiert Max Birnbaum die folgende Stelle aus dem Brief einer jüdischen Gemeinde aus dem äußersten Westen des Reiches: „Die hiesige jüdische Gemeinde besteht zur Zeit aus drei Familien, so daß schon jahrelang kein Gottesdienst mehr abgehalten werden kann. Die Synagoge ist dem Verfall nahe... Hier im Ort herrscht schrecklicher Antisemitismus, die Fenster der Synagoge sind schon längst zertrümmert, das Dach ist sehr beschädigt, vor einigen Tagen wurde die Hakenkreuzfahne auf das Dach aufgesteckt.“ (Blitzartig, schreibt Birnbahm, erhellt dieser Bericht die Lage, zeigt er, wohin einstmals blühende Gemeinden steuern. Der Verfasser berichtet über die Hilfe, die der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden den Mittel- und Kleingemeinden angedeihen läßt, und illustrierte diese Hilfe an folgendem Beispiel: Während noch 1908 in der Provinz Pommern von insgesamt 47 Gemeinden 36 einen eigenen Religionslehrer und Kantor und sechs Gemeinden einen Rabbiner hatten, waren — als der Landesverband mit seiner Arbeit einsetzte — nur noch zehn Gemeinden mit eigenem Kultusbeamten und drei Rabbinergemeinden vorhanden. In der gleichen Zeit war die Seelenzahl von insgesamt 9660 auf 6650 zurückgegangen. Trotzdem gelang es dem Landesverband, dafür zu sorgen, daß in den 28 lehrer- und rabbinerlosen Gemeinden dieser Provinz jedes jüdische Kind ausreichenden Religionsunterricht erhalten konnte, und daß von den noch tätigen Rabbinern in fast allen Gemeinden Veranstaltungen (Gottesdienste mit Predigt, Gemeindeversammlung, Vortrag) abgehalten wurden. In ähnlicher Weise lagen und entwickelten sich die Dinge in fast allen Provinzen. Im Regierungsbezirk Kassel, in der Provinz Hannover, in Westfalen und der Rheinprovinz wurde besondere Aufmerksamkeit der Erhaltung des jüdischen Volksschulwesens geschenkt. Auch hier fand der Landesverband allerdmgs nur einen Torso des Gewesenen vor: gegenüber nahezu 250 öffentlichen jüdischen Volksschulen in Preußen zu Beginn des Jahrhunderts bestanden nur noch rund 95 solcher Schulen. Die wirtschaftlichen und politischen Geschehnisse der letzten zwei Jahre, fährt Birnbaum fort, haben die Hoffnung auf eine Stabilisierung der Klein- und Mittelgemeinden im Sinne der Selbsterhaltung vernichtet. Schon 1929 zeigten sich die Anzeichen des unheilvollen Umschwungs. Sie äußerten sich am deutlichsten bei der Verteilung der Staatsmittel durch den Landesverband. Der Verband bemühte sich, durch die gewährten Zuschüsse eine möglichst gleichmäßige Eetlastung der Gemeinden herbeizuführen. Als diese Entlastungsgrenze konnte er im Jahre 1928 noch 30 Prozent der Einkommensteuer festsetzen. 1929 mußte der Satz auf 35 Prozent hinaufgesetzt werden. 1930 verschärfte sich die krisenhafte Entwicklung. Zahlreiche Gemeinden, die bislang auf eine Unterstützung nicht angewiesen waren, wurden bedürftig. Die Lage der schon früher bedachten Gemeinden verschlechterte sich katastrophal. Beamte wurden gekündigt oder in ihren ohnehin knappen Bezügen empfindlich gekürzt, Beiträge an Wohlfahrtsinstitutionen wurden gestrichen, die Regierungen strebten auf eine Auflösung jüdischer Volksschulen mit geringer Schülerzahl hin, die Gemeinden, in denen die Volksschullehrer zugleich als Kultusbeamte tätig waren, verwaisten. Von insgesamt rund 700 dem Landesverband angeschlossenen Synagogengemeinden waren i. J. 1930 260 Gemeinden mit mehr als 40 Prozent der Einkommensteuer belastet; zahlreiche Gemeinden sogar mit 100 Prozent, 150 Prozent und über 150 Prozent. In dieser Verfassung traten die kleinen und mittleren Gemeinden in das Jahr 1931 ein, in das Jahr der Notverordnungen, Bankensperre und Riesenkonkurse. Einige Stichproben: Eine Rabbinergemeinde im gefährdeten Grenzland von über 600 jüdischen Seelen hat einen Rückgang der Einkommensteuer von 181 000 RM. auf 122 000 RM. zu verzeichnen, eine andere von 87 000 RM. auf 33 000 RM., eine Mittelgemeinde von 32 000 RM. auf 18 000 RM. Zwei Rabbinergemeinden, nicht allzu weit von Berlin: die eine, 500 jüdische Seelen, hat einen Rückgang der Einkommensteuer von 84 900 RM. auf 44 500 RM.: die andere, Sitz eines umfangreichen Bezirksrabbinats, aber 600 jüdische Seelen, sieht sich einem Steuerschwund gegenüber, der für die letzten drei Jahre wie folgt verläuft: 127 000 RM., 87 000 RM., 39 000 RM. Eine Kleingemeinde der Grenzmark, heute 105 Seelen, vor einem Jahrhundert noch 850 Seelen, kann ihre Lehrerstelle nicht mehr erhalten: die Steuerkraft ist von 9400 RM. auf 3000 RM. gesunken. Die Synagoge wird veröden, di'e Gemeinde verfallen. Eine jahrhundertealte Kehillah weniger. Die Fälle lassen sich um Dutzende vermehren. Der Verfasser gibt einige Beispiele auch für den Westen, die zeigen, daß sich die Steuerkraft auf die Hälfte, teilweise fast auf ein Drittel, verringert hat. Man kann nicht daran zweifeln, daß der drohende Zusammenbruch von Hunderten alter, traditionsreicher Gemeinden unaufhaltbar ist, — es sei denn, etwas ganz Außerordentliches, voraussetzungslos Großzügiges geschehe! Mit dem Fortfall des Religionsunterrichtes und der Gemeindeeinrichtungen gehen die Menschen rettungslos dem Judentum verloren. Noch immer waren die Dörfer und kleinen Städte die Bevölkerungsreservoire gegenüber den vernichtenden Wirkungen der Großstädte. Mit dem Zusammenbruch der Provinzgemeinden würde die preußische Judenheit ihre endgültige und restlose Auslieferung an den Mechanismus der großstädtischen bevölkerungspolitischen Entwicklungstendenzen besiegeln. Es geht also, schließt Birnbaum, nicht um die Aufrechterhaltung einiger Provinzgemeinden, es geht um den Bestand des Judentums in Preußen! Sofortige durchgreifende Maßnahmen sind unerläßlich. Levante-Messe Tel-ftwiw 1932 Von Gerda Arlosoroff-Goldberg (Tel-Awiw) In der Zeit vom 7. bis 30. April 1932 wird in Tel-Awiw die „Levante-Messe“ stattfinden. Sie hat ihre Vorläufer in den verschiedenen Ausstellungen, die in den letzten Jahren in Tel-Awiw veranstaltet wurden und sich aus kleinen Anfängen heraus zu einem nicht unbedeutenden Faktor im Wirtschaftsleben Palästinas und der umliegenden Länder entwickelt haben. Entstanden sind diese Unternehmungen aus dem Wunsche, die Errungenschaften der jüdischen Landwirtschaft und Industrie im Lande zusammenzufassen und der Bevölkerung zu demonstrieren. Man erhoffte sich von dieser Art von Ausstellungen Aufklärung des Publikums, Pro-

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