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Das jüdische Echo · 1931-11-20 · 47 (20.11.1931) · p. Seite 636

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
47 (20.11.1931)
Date
1931-11-20
Page
Seite 636 (sequence 4)
Language
German
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636 Das Jüdische Echo Nr. 47 Ren es nun statistische Bücher sein oder Darstellungen der wirtschaftlichen oder politischen Entwicklung, der anläßlich der Reisen empfangene Eindruck verstärkt sich, der Eindruck vom ehemaligen Glanz und von der unaufhaltsamen Erschütterung und Zerstörung des einst so stolzen Baus der deutschen Judenheit. Nach den Hessenwahlen Die Wahlen zum hessischen Landtag haben ein Ergebnis erzielt, dessen Charakter zwar zu erwarten war, ohne daß doch irgend jemand an die Stärke dieses Ausschlags zum Nationalsozialismus gedacht hat; unsere Leser kennen es aus den Tageszeitungen und sie werden sich auch ihre Gedanken darüber bereits gemacht haben. Hat man sich nach dem 14. September 1930 kaum vorstellen können, daß die Nationalsozialisten in Deutschland noch mehr Anhänger gewinnen könnten, so muß man jetzt zur Kenntnis nehmen, daß sie sich noch mehr als verdoppeln konnten; etwa 40 Prozent der Wahlberechtigten haben diesmal nationalsozialistisch gewählt. Was diese nationalsozialistischen Wähler mit der Abgabe ihrer Stimme bekundet haben, ist in manchen Fragen recht vieldeutig, in der Judenfrage ist es eindeutig. Nicht zu bezweifeln ist auch, daß Wahlen in allen andern deutschen Ländern, im Reich dieselbe Entwicklung aufweisen würden. Man muß -sich danach fragen: gibt es tatsächlich keine Grenze für die Ausbreitung des Nationalsozialismus? Das Ergebnis der Wahlen gibt darüber Auskunft: diese Grenze ist vorhanden. Sie liegt wesentlich höher, als man es sich früher zugestehen mochte; sie liegt vielleicht aber doch niedriger als man im ersten Schrecken — geben wir zu, diese Wahl ist zunächst erschreckend — anzunehmen geneigt ist. Aus welchen Schichten rekrutieren sich die nationalsozialistischen Wähler? Zweifellos stellen Nichtorganisierte, Mitläufer, mit einem Wort politischer Flugsand, das größte Kontingent und vorausgesetzt sogar, daß diese neu hinzugeströmten Scharen dem Hakenkreuz für lange Zeit treu bleiben — es ist der politische Flugsand nur des Bürgertums, der sich dem Nationalsozialismus hat zuwehen lassen. Der Einbruch in das Proletariat ist diesem bisher noch nicht gelungen, wenn auch mehr und mehr eine Verlagerung zwischen der Sozialdemokratischen Partei und den Kommunisten einzutreten scheint, die auf die Dauer vielleicht für die Gestaltung der deutschen und der jüdischen Verhältnisse viel gefährlicher ist, als das, was uns heute bedroht. Auch das Zentrum hat sich bisher als fest erwiesen. Wenn man diese Tatsachen berücksichtigt, so darf man wohl mit einigem Recht die obere Grenze des nationalsozialistischen Wachstums bei etwa 50 Prozent der Wählerschaft ansetzen. Aus dieser Betrachtung ergibt sich zwar, daß eine Regierung aus Zentrum und Nationalsozialisten nicht nur Zustandekommen könnte, sondern sogar eine sehr tragfähige Grundlage hätte; es ergibt sich aber auch, daß eine neue große Opposition von nicht geringer Durchschlagskraft ihr gegenüberstünde, die bei allzukrassen Veirfassungsverletzudgen wahrscheinlich auch eine Auseinandersetzung in nichtparlamentarischen Formen nicht scheuen würde. Und sie nicht zu scheuen hätte! Es sieht sehr so aus, als ob es in diesem Winter Sturm in Deutschland geben würde. Und es sieht umso mehr so aus, als die gegenwärtige Regierung langsam aber sicher für die Störungen der bürgerlichen Ordnung, die von den Nationalsozialisten ausgehen, blind zu werden scheint. Und doch: zu Panik und Schrecken ist nach all dem, was wir, besonders im Jahre 1923 bereits erlebt haben, kein Anlaß. Selbst der an die Macht gekommene Hitler würde in Wirklichkeit erst noch um die Macht kämpfen müssen; es ist auch nicht übermäßig wahrscheinlich, daß er die Erfolge eines Mussolini erzielen könnte. Hätte er sogar das Format dieses großen Politikers und Staatsmanns: die Verhältnisse liegen in Deutschland ungleich komplizierter als damals in Italien und gegen die Weltwirtschaftskrise, so steht wenigstens zu vermuten, hat auch Herr Hitler kein Rezept in der Westentasche. Von einer „Nacht der langen Messer“ mag mehr als ein nationalsozialistischer Rowdy träumen, vielleicht sogar werden in Kreisen und Konventikcln solche und andere schaurige Pläne erwogen — die Leitung dürfte, wenn sie an die Macht kommt, eher dafür sorgen, daß Ausschreitungen unterbleiben, als daß sie entstehen. Freilich würde man Maßnahmen aller Art gegen die Juden einleiten und durchführen — man würde es verhältnismäßig leicht können, da niemand sich für sie einsetzen wird — aber lange würde es wahrscheinlich nicht dauern und auch das könnte uns nicht schrecken: man würde damit nur Zustände offenlegen, die in Wirklichkeit längst vorhanden sind. Entrechtung der Juden durch Jusitz, Verwaltung, im Wirtschaftsleben, in den Parteien, an Schule und Universität — haben wir nicht jede Woche, jeden Tag Fälle zu verzeichnen, haben wir uns nicht heute schon fast daran gewöhnt? Unsere Väter haben Schlimmeres durchgemacht; wir werden, wie sie, vieles ertragen müssen, aber wir werden nicht untergehen — wenn wir erkennen, was uns die Kraft zu jüdischem Leben zu geben vermag. I. E. Die Not der preußischen Klein-« und Mittelgemeinden Berlin, 8. November. (JTA.) Im Novemberheft des Gemeindeblattes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist ein „Die Not der jüdischen Klein- und Mittelgemeinden“ überschriebener Aufsatz von Max Birnbaum enthalten, dem die Redaktion des „Gemeindeblattes“ die folgende Bemerkung vorangehen läßt: „Groß ist die jüdische Not. So groß, daß Herzen und Hände einst tausender Hilfsbereiter müde zu werden drohen, gleichgültig im Sturm einer gewaltigen Zeitwandlung. So ist, von allzuwenigen erkannt und bekämpft, dem deutschen Judentum eine Gefahr erwachsen, die es in naher Zukunft in seinem Bestände erschüttern muß, wenn nicht zur rechten Zeit ihr Halt geboten wird: die jüdischen Klein- und Mittelgemeinden sind in ihrer Existenz bedroht. Sie sind dezimiert an Mitgliederzahl, gebrochen in ihrer wirtschaftlichen Kraft. Sie haben nicht mehr die Mittel, ihre Religionsschulen zu erhalten, ihre Kinder als Juden zu erziehen, viele ihrer Gotteshäuser liegen verödet. Sie stehen — auf engem Raum — viel näher einer feindseligen Umgebung gegenüber, sind viel unmittelbarer persönlichem Haß und Boykott ausgeliefert, als der großstädtische Jude. Sie sind arm an Gütern, arm an Menschen, arm an Freude, arm an Trost geworden. Und zu Tausenden ist ihnen die Stätte der Andacht, die Zuflucht der Seele, verschlossen. Dieser Not ringender, verein-

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