Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 47 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- Seite 635 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 47 20. November 1931 18. Jahrgang Die Tragödie des deutschen Judentums Wie sie sich einem Juden im Ausland darstellt Von Dozenten Dr. Arje Tartakower Die Tragödie der jüdischen Gemeinschaft in den Ländern der Zerstreuung hat wohl ihren großartigen Ausdruck in dem beispiellosen Aufstieg und in dem beispiellosen Niedergang jenes Teiles der Judenheit gefunden, der auf dem Gebiete des gegenwärtigen deutschen Reiches konzentriert ist. Wie eine Fata morgana stieg das deutsche Judentum plötzlich empör in Reichtum, lebenssprühend, kraftstrotzend und stolz. Aber jetzt beginnt allmählich, aber unaufhaltsam vor unseren Augen die Verflüchtigung dieses goldenen Traumes von Glück und Reichtum, und irpmer schärfer treten die Konturen der hoffnungslosen Wirklichkeit hervor, die ihr Menetekel vor der jäh emporgeschreckten Gemeinschaft der Juden in Deutschland zeichnet. Das deutsche Judentum! Wieviel Erinnerungen, was für stolze Seiten in der Geschichte sind mit diesem Begriffe verbunden! In Deutschland entwickelte sich im Laufe vieler Jahrhunderte die Kultur der Juden und der Inhalt ihres Lebens, dort spielten sich die größten Tragödien des mittelalterlichen Judentums ab, von dort ging der große Wanderstrom in die osteuropäischen Länder und später in die ganze Welt, die Verbindung mit dem deutschen Judentum tragend, und heute die Mehrheit des jüdischen Volkes darstellend. Und das alles sei aber in diesem Augenblick vergessen. Dieses einstmals große, historisch bedeutsame deutsche Judentum hat eigentlich in dem Augenblick zu existieren aufgehört, als sich der Schwerpunkt des jüdisch-kulturellen Lebens in die osteuropäischen Länder vorschob. Einmal noch vollzog sich jedoch in der Geschichte der deutschen Juden das Wunder der Auferstehung. Eland in Hand mit der großen Entwicklung des Wirtschaftslebens, mit der Freiheit in ökonomischer und politischer Hinsicht lebte plötzlich dieses scheintote deutsche Judentum wieder auf und trat seinen Siegeszug an, um in kurzer Zeit sich an die Spitze im Wirtschaftsleben Deutschlands zu stellen. Vom Augenblick an, als der geniale Geldverkehr des Frankfurter Ghetto sich im Laufe weniger Jahrhunderte zu dem mächtigsten Finanzmann der Welt entwickelt hat, der Staaten zur Erschütterung bringen konnte und ihre Politik diktierte, begann dieses Zauberrad seine schier unaufhaltsame Drehung. Gigantisch wuchs der Reichtum Deutschlands. Aber noch stärker wuchs der Reichtum der deutschen Juden. Aus den armseligen Ostprovinzen Deutschland, welche vor nicht langer Zeit von Polen losgelöst wurden, ging der Wanderstrom der Juden nach Westen, hauptsächlich nach Berlin, kräftigte dort die eingesessene jüdische Gemeinde, erwarb in kurzer Zeit große Reichtümer, drang in alle Gebiete des Wirtschaftslebens ein, stellte sich fast überall an die Spitze, schuf neue Kadres der Großbourgeoisie, die in Gewinn und Erwerb die übrigen Bevölkerungsschichten überragten und einen eigenartigen hohen Lebensstandard schufen. Das Wundermärchen des jüdischen Wohlstandes in Deutschland schien kein Ende nehmen zu wollen. Aber nach kurzer Zeit begann das goldene Gewebe dieses Märchens zu zerfallen. Das Gespenst des Judenhasses, an welches weite jüdische Kreise zu glauben vergessen hatten, erschien wieder in seiner Furchtbarkeit auf der Bildfläche des jüdischen Lebens in Deutschland und bedrückte mit ungeheurer Wucht die jüdische Bevölkerung, indem es an der papierenen Gleichberechtigung zu zerren begann. Es erneuerte sich der Kreuzzug gegen die Juden auf allen Lebensgebieten, ein Kreuzzug viel grausiger als in vergangenen Jahrhunderten, da er wie ein Blitz aus dem heiteren Himmel auf dieses stolze, von Erfolg trunkene Judentum niederfuhr, welches geglaubt hatte, sich ein Paradies auf Erden geschaffen zu haben. Als Begleiterscheinung dieses Neo-Antisemitismus und vielfach unter dem Einfluß des Judenhasses begann bei den Juden ein Prozeß der inneren Zersetzung, der in kurzer Zeit den Charakter elementarer Entartung annahm. Massenhaft lösten sich Juden von ihrer Gemeinschaft, die Epidemie der Mischehen, welche die radikale Lösung vom Judentum darstellt, die Zersetzung des Familienlebens wurden eine alltägliche Erscheinung. In Verbindung damit, wie auch als Folge des gehobenen Lebens zeigte sich im deutschen Judentum zuerst und am stärksten der Geburtenrückgang, der in seinen letzten Auswirkungen zu einer katastrophalen Verminderung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland führt. Das alles sind die ammeisten charakteristischen Merkmale dieses Prozesses, der schon vor mehr als zwanzig Jahren in einem Buche „Der Untergang der deutschen Juden“ festgestellt wurde und unaufhaltsam fortschreitet, indem er immer stärker die Grundlagen des deutschen Judentums erschüttert. Schließlich stellte sich nach dem Kriege die dritte Phase des Niederganges ein. In Trümmer versinken die ökonomischen Grundlagen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Die Juden verlieren den Boden unter ihren Füßen, jenen Boden, den sie bis vor kurzem noch als unerschütterlich betrachtet hatten. Es wächst die Pauperisierung, das Problem des täglichen Brotes tritt ah Kreise heran, die noch vor wenigen Jahren im Golde gewühlt haben. Das Märchen aus Tausend und einer Nacht ist zu Ende, es beginnt aufs neue die Tragödie Ahasvers in deutschen Landen. Dies ist der Eindruck, den man im Auslande empfängt, wenn man nach gelegentlichen kurzen Reisen in Deutschland in Ruhe jene Werke studiert, die. in der letzten Zeit in Deutschland zur Frage der deutschen Juden erschienen sind. Mö-