Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 46 (13.11.1931)
- Date
- 1931-11-13
- Page
- Seite 628 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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628 Das Jfidische Echo Nr. 46 Nachträglich wird bekannt, daß Rektor Lukaszewicz seihst im Universitätshof von einem Nationaldemokraten, der ihn nicht erkannte und für einen Juden hielt, überfallen wurde. Ein jüdischer Student deckte ihn aber so lange, bis er entkommen konnte. Warschau, 8. November. (JTA.) Die Sitzung des polnischen Sejm am Sonnabend, den 7. November, war fast ganz der Erörterung der antisemitischen Unruhen an den Warschauer Hochschulen gewidmet. Innenminister Pieracki verlas daraufhin die folgende Erklärung der Gesamtregierung: In den letzten Tagen sind wirklich bedauernswerte Ausschreitungen seitens eines Teils der Jugend gegen Bürger jüdischer Nationalität vorgekommen. Hierfür ist aber nicht die gesamte akademische Jugend und nicht die gesamte polnische Gesellschaft verantwortlich zu machen, die solche verbrecherischen Exzesse mißbilligen. Es handelt sich um die Aktion einer Gruppe, die unter dem unverantwortlichen Einfluß gewisser parteipolitischer Faktoren steht; diese Faktoren verschuldeten die Hetze, die die Kultur und die Traditionen des polnischen Volkes schändet. Die Regierung tut alles für die Sicherheit der Bürger. Aber infolge der Autonomie der Hochschulen konnte nicht so durchgegriffen werden, wie man e$ wünschte. Außerhalb der Hochschule wurde durchgegriffen. Zahlreiche Hetzer und Exzedenten werden zur Verantwortung gezogen werden, eine Disziplinaruntersuchung ist im Gange. Die Regierung wird mit aller Energie jeden Versuch, die Exzesse zu erneuern, unterdrücken. Warschau, 9. November. (JTA.) Am Sonntag, den 8. November, kam es in den Straßen Warschaus abermals zu wüsten antisemitischen Ausschreitungen nationaldemokratischer Studenten. Große Studententrupps begaben sich in die jüdischen Wohn- und Geschäftsviertel, wo sie antisemitische Hetzrufe aussließen und jüdische Passanten auf das brutalste mißhandelten. An jüdischen Läden und Wohnungen wurden die Fensterschreiben eingeschlagen. Von den Straßenbahnen wurden die jüdischen Fahrgäste heruntergezerrt und mißhandelt. Schließlich stellte sich die jüdische Jugend den Huligans entgegen, es kam zu einer förmlichen Straßenschlacht, bei der es auf beiden Seiten Verletzte gab. Die Polizei drängte die Studentenhuligans aus den jüdischen Vierteln hinaus. Mehr als hundert Personen wurden verhaftet. Warschau, 9. November. (JTA.) Im Hinblick auf die Fortdauer der antisemitischen Unruhen an den Universitäten und Hochschulen Polens, in denen die Regierung in der Hauptsache ein Manöver der oppositionellen nationaldemokratischen Partei, die Autorität der Regierung zu schwächen, sieht, hat der Unterrichtsminister eine außerordentliche Konferenz der Rektoren aller Universitäten und Hochschulen Polens nach Warschau einberufen, in der über Maßnahmen zur Unterdrückung der Unruhen beraten wird. In der schon am Sonntag stattgefundenen ersten Sitzung soll der Unterrichtsminister kategorische Forderungen an die Rektoren hinsichtlich der Verhinderung weiterer Unruhen in den Hochschulen gestellt haben. Wie es heißt, soll die Regierung, falls die Rektoren sich ihren Aufgaben nicht gewachsen zeigen sollen, enlschlosen sein, die Leitung der Hochschulen in die Hände von Regierungskommissaren zu legen, was bedeuten würde, daß die Autonomie der Hochschulen aufgehoben ist. Am Montag begann im Universilätsgebäude die Tagung des aus Professoren der Universität sich zusammensetzenden Disziplinargerichtes gegen die Studenten, die sich der Teilnahme an den Ausschreitungen schuldig gemacht haben. In jüdischen akademischen Kreisen machte es einen niederschmetternden Eindruck, daß als erste „Beschuldigte“ jene jüdischen Studenten vor das Gericht geladen worden sind, die sich am Donnerstag den nationaldemokratischen Exzedenten entgegengestellt haben, um ihre bei den Ausschreitungen verletzten Kollegen und Kolleginnen vor weiteren Atlaken zu schützen. Aus der jüdischen Welt Oldenburgischer Landtag lehnt Schächtverbot ab Berlin, 4. November. (JTA.) Wie die Reichszentrale für Schächtangelegenheiten der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitteilt, ist am 3. November im Oldenburgischen Landtag ein Schächtverbotsantrag abgelehnt worden. Dem Landtag hatte ein Antrag von nationalsozialistischer Seite Vorgelegen, die in der bisherigen Bestimmung des Staatsministeriums festgelegte Genehmigung des rituellen Schlachtverfahrens (Schächtens) aufzuheben. Welchen Motiven dieser Antrag entspringt, beweist die Tatsache, daft eine gleichzeitige Änderung des in derselben Bestimmung vorgesehenen Betäubungszwanges mittels Kopfschlag ebensowenig wie in Bayern beantragt wurde, obwohl beim Kopf schlag anerkanntermaßen unerhörte Grausamkeiten durch wiederholte Fehlschläge Vorkommen. Der Antrag auf Einführung des Schächtverbots wurde mit den Stimmen der sozialdemokratischen, Zentrums- und kommunistischen Abgeordneten abgelehnt. Eine neue Form des antijüdischen Boykotts Berlin, 5. Nov. (JTA.) In Alienburg (Thüringen) stellte die dort erscheinende Zeitung „Braune Front“ Aufpasser vor ein jüdisches Kaufhaus, um die Namen der Besucher zu notieren. Es wurde in der Zeitung angekündigt, daß die Käufer und Besucher bekanntgegeben werden würden. Wie der „C.V.-Zeitung“ mitgeleilt wird, wurde durch einstweilige Verfügung des Landgerichts Altenburg und des Oberlandesgerichts in Jena der Zeitung unter Strafandrohung verboten, das Kaufhaus zwecks Feststellung der Besucher und Käufer überwachen zu lassen oder die Namen der betreffenden Personen direkt oder andeutungsweise zu ifcröffentlichen. Antisemitische Studentenunruhen auch in Tunis Tunüs, 30. Oktober. (JTA.) Studenten der Landwirtschaftsschule in Tunis veranstalteten in den letzten Tagen zweimal Judenexzesse. Mit den Rufen „Nieder mlit den Juden!“ schlugen sie in den Straßen jüdische Passanten nieder. Bei Beginn der zweiten antisemitischen Kundgebung organisierten Makkabi und Brith Trumpeldor eine Selbstverteidigung. Sie hielten die Demonstranten in Schach, bis Polizei eintraf und mehrere der Studentenhuligans verhaftete. Kein Streik, keine Manifestationen am Balfour-Tag Jerusalem, 3. November. (JTA.) Der 2. November, der Jahrestag der Verkündigung der Bal- 1 our-Deklaration, der sonst in Palästina durch arabische Streiks und Manifestationen gekennzeichnet war, ist in diesem Jahre vollkommen ruhig verlaufen. 1120 Legalitätsgesuche jüdischer Einwanderer in Palästina Jerusalem , 8. November. (JTA.) 1120 in Palästina illegal eingewanderte Juden, davon 500 in Jerusalem, haben bis jetzt von dem Amnestieerlaß der Regierung betreffend illegale Einwanderer Ge-