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Das jüdische Echo · 1931-11-06 · 45 (6.11.1931) · p. Seite 614

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
45 (6.11.1931)
Date
1931-11-06
Page
Seite 614 (sequence 6)
Language
German
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614 Nr. 45 Das Jüdische Echo nehmen unsere Plätze ein, die Juden beherrschen die Universitäten, hinaus mit den Juden!“ Diese Rufe werden von den Massen nationaldemokratischer Studenten beklatscht und wiederholt. Kommt während dieser Tumulte ein Professor in den Saal, so wartet er ruhig ab, bis der Tumult zu Ende ist, und beginnt sodann seine Vorlesung, ohne mit einem Wort auf die Vorgänge hinzuweisen. Gestern wurden die erwähnten Losungen durch die Losung „Schlagt die Juden“ vermehrt. Die jüdischen Akademiker haben heute beschlossen, eine Abordnung zum Rektor zu entsenden und ihn auf das Martyrium der jüdischen Studenten hinzuweisen, denen durch ein System ständiger Bedrohung und Beschimpung ein normaler Studiengang unmöglich gemacht wird. Krakau, 30. Oktober. (JTA.) An der Krakauer Universität kam es gestern zu sehr schweren Zusammenstößen zwischen nationaldemokratisch organisierten polnischen Studenten und jüdischen Studenten. Die Unruhen begannen damit, daß an der medizinischen Fakultät die polnischen Studenten versucht haben, ihre jüdischen Kollegen mit Gewalt aus den Vortragssälen zu entfernen. Die polnischen Studenten erklärten, sie würden nicht zulassen, daß jüdische Mediziner ihre Übungen im Anatomischen Institut fortsetzen, bis nichtjüdische Leichen in einem der Zahl der jüdischen Studenten entsprechenden Verhältnis beigestellt werden. Sehr bald dehnten sich die Unruhen auch auf die übrigen Fakultäten aus. Während die angegriffenen jüdischen Studenten an diesem Tage noch ihren Mann stehen und Angriffe abwehren konnten, sahen sie sich am heutigen Morgen stärkeren antisemitischen Studentengruppen gegenüber, die auf sie eindrangen, sie schwer mißhandelten und aus dem Universitätsgebäude hinauswarfen. Eine Abordnung des jüdischen Studentenverbandes „Agniska“ begab sich zum Rektor, um diesen um Schutz zu bitten. Auf dem Wege zum Rektoratsbüro aber wurden die Mitglieder der Abordnung von einer größeren Gruppe antisemitischer Studenten angegriffen, schwerstens mißhandelt und auseinandergejagt, so daß der Besuch beim Rektor unterblieb. Der Senat der Krakauer Universität trat zu einer Beratung zusammen und beschloß, die Universität für unbestimmte Zeit zu schließen und eine Disziplinaruntersuchung zur Bestrafung der Rädelsführer der Unruhen einzusetzen. Warschau, 1. November. (JTA.) Die antisemitischen Unruhen an der Warschauer Universität haben sich wiederholt. Nationaldemokratische Studenten versperrten den jüdischen Kollegen den Zutritt zu den Vorlesungssälen, mehrere jüdische Studenten wurden die Treppen zum Universitätsgebäude hinuntergeworfen. Antisemitische Studenten überfielen in Gruppen einzelne jüdische Studenten und Studentinnen und mißhandelten sie in rohester Weise. Die antisemitischen Studenten an der medizinischen Fakultät kündigten an, daß sie vom Dienstag, dem 3. November, ab (Montag ist Feiertag) keinen jüdischen Studenten zu Sektionen und Übungen am Anatomischen Institut zulassen werden. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die antisemitischen Unruhen, an denen sich Studenten aller Jahrgänge beteiligten, von langer Hand vorbereitet worden waren. Am Sonntag, dem I. November, fand im jüdischen Studentenheim eine vom Zentralkomitee der jüdischen akademischen Verbindungen einberufene Versammlung statt, in der gegen die brutalen antisemitischen Überfälle und die Behinderung der Studierfreiheit der jüdischen Studenten schärfstens protestiert wurde. Mit den demokratischen akademischen Vereinen wird wegen Schaffung einer Einheitsfront gegen die organisierte Judenhetze verhandelt. Der Rektor der Krakauer Universität erließ einen Aufruf an die akademische Jugend, in dem er an die patriotischen Gefühle der Jugend appelliert und sie zu Gehorsam auffordert. Die gesamte polnische Presse mit Ausnahme des „Napszud“ hetzt gegen die jüdische Studentenschaft und schiebt ihr die Schuld an den Geschehnissen zu. Die Universität bleibt bis auf weiteres geschlossen. Warschau, 3. November. (JTA.) Die von der jüdischen Studentenschaft Warschaus gegen die Umtriebe der nationaldemokratischen Studenten einberufene Protestversammlung hatte einen ungeheuren Zulauf. Der Saal des Studentenheims, in dem die Versammlung stattfand, war gedrängt voll. Der Vorsitzende Kleinbaum beleuchtete die Geschehnisse an der Krakauer und der Warschauer Universität und wies darauf hin, daß die Nationaldemokraten in ihrem Kampf gegen die Regierung die antisemitischen Instinkte der Massen ausnutzen wollen und deswegen darauf bedacht sind, auf allen Gebieten des Lebens mit antisemitischen Argumenten zu operieren. Der Redner knüpfte an die Numerus clausus-Forderung der Nationaldemokraten an und wies darauf hin, daß an den medizinischen Fakultäten das Prinzip des Numerus clausus nicht nur verwirklicht, sondern sogar überholt ist und daß sich die Verhältnisse bereits dem Numerus nullus nähern. In diesem Jahre wurden an der Warschauer medizinischen Fakultät nur 8 Prozent der um Aufnahme ansuchenden jüdischen Studierenden immatrikuliert, von nichtjüdischen Bewerbern wurden 87 Prozent aufgenommen. Bei der Beratung über den Text der Resolution kam es zu schweren Meinungsverschiedenheiten zwischen den zionistischen und bundistischen Studenten. Es entstand ein Tumult, der der im Saal anwesenden Polizei Anlaß gab, die Versammlung schnell aufzulösen. Die Polizei drängte in brutaler Weise die Studenten aus dem Saale und hieb mit Gummiknüppeln auf diejenigen ein, die nicht schnell genug den Saal verlassen konnten. Aus der jüdischen Welt Antisemitische Verhetzung stört die religiöse Betätigung Darm stadt, 27. Oktober. (JTA.) In einem Amtsschreiben an die Kreisämter und Polizeiämter weist Innenminister Leuschner darauf hin, daß die friedliche religiöse Betätigung wiederholt gefährdet und gestört worden sei. Hierher gehöre auch die aufs schwerste zu verurteilende antisemitische Verhetzung. Diesem Treiben sei mit allen Mitteln tatkräftig entgegenzuwirken, wozu die Verordnungen durchaus geeignete Handhaben bieten. Insbesondere sei die Erweckung und Schürung von Gegensätzen zu antichristlichen oder antisemitischen Zwecken als eine Gefährdung der Sicherheit anzusehen. Es müsse jede Vorsorge getroffen werden, daß die gesetzmäßige religiöse oder weltanschauliche Betätigung jedem Staatsbürger unbedingt gewährleistet bleibt. Die Übung religiöser und konfessioneller Überzeugungen im Rahmen der christlichen Kirchen wie der jüdischen Religion, namentlich an Sonn- und Feiertagen, müsse in jeder möglichen Weise geschützt werden.

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