Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 45 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- Seite 613 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 613 idem Wege zum Gloria-Palast an der Ecke Schlüterstraße die ersten Schreie von Überfallenen hörte. Der Zeuge sagt, er selbst sei nicht Jude und stünde den Nationalsozialisten auch nicht feindlich gegenüber. Er habe nicht geglaubt, daß er selbst angegriffen werden würde. Er wurde aber von den Trupps auf den Rinnstein abgedrängt, ein junger Mann löste sich von einer der Gruppen, gab mit 'einer Trillerpfeife ein Signal, woraufhin von allen Seiten Leute auf Möhring zueilten. Er bekam hinterrücks einen Schlag mit einem harten Gegenstand auf den Kopf. Es wurden dann eine Reihe von Zeugen, Juden und Nichtjuden, vernommen, die bei den Exzessen verletzt wurden. Alle hatten beobachtet, daß die Überfälle organisiert waren und daß die SA-Leute unter Befehl standen. Berlin, 1. November. (JTA.) Die Aussagen der Zivilzeugen im Prozeß gegen die Rädelsführer der antisemitischen Krawalle am Kurfürstendamm waren für den Grafen Helldorf und die übrigen Angeklagten äußerst belastend. Zeugen hatten auch direkt gesehen und gehört, wie Graf Helldorf, sein Stabsleiter Ernst, der Jungstahlhelmführer Brandt und die anderen Angeklagten die Ausschreitungen von ihren Autos aus dirigierten. Die Zeugen Autoschlosser Pawel und der Zeitungsverkäufer am Restaurant Kempinsk/i am Kurfürstendamm haben genau beobachtet, wie Brandt seinen Leuten Direktiven zu den Überfällen gab. Als sein Wagen in die Fasanenstraße einbog, stürzten von dort etwa 150 Nationalsozialisten herbei. Immer liefen Demonstranten hinter dem Wagen her und nahmen von den Insassen Befehle entgegen. Für Graf Helldorf war die Aussage des Kaufmanns Deterding schwer belastend. Deterding hat die Polizei auf das Treiben des Grafen Helldorf aufmerksam gemacht und seine Festnahme bewirkt. Deterding fuhr mit seinem Auto neben dem von Helldorf und Ernst, sah und hörte, wie Demonstranten dem Auto zueilten, und wie aus dem Auto Rufe „Deutschland erwache!“ ertönten und Befehle erteilt wurden. Der Zeuge Kossmoll, Sturmbannadjutant in dem inzwischen von der Polizei geschlossenen SA-Lokal in der Lützowstraße, erklärt, er habe noch am Nachmittag des 12. September gehört, daß es am Abend auf dem Kurfürstendamm gegen die Juden losgehen werde, und habe sich darüber gefreut. Am Abend vor 9 Uhr sei Graf Helldorf vorgefahren und habe ihn scharf gefragt, ob er etwa Leute nach dem Kurfürstendamm geschickt habe; Kossmoll hat das verneint. Der Staatsanwalt stellt aus Kossmolls Aussage fest, daß Graf Helldorf, als er vor dem Lokal in der Lützowstraße vorfuhr, schon von den Krawallen gewußt*hat; bisher hat Helldorf dies bestritten. Aus Kossmolls Aussage ist weiter zu entnehmen, daß die Unterführer über den bevorstehenden Krawall unterrichtet waren, was einen Rückschluß auf die Rolle der oberen Führer zuläßt. Ein weiterer Zeuge, Kaufmann Rathenau, hat beobachtet, wie vom Wagen Helldorfs Direktiven an fliegende SA-Leute gegeben wurden. Am Montag sollte Dr. Goebbels darüber vernommen werden, ob zwei Tage vor den Kurfürstendamm-Unruhen eine Führerbesprechung über den Krawall-Plan stattgefunden hat. Beim Aufruf der Zeugen stellte sich heraus, das Goebbels fehlte. Aus der Untersuchungshaft wird ein Zeuge namens Gerson vorgeführt, der vom angeklagten Stahlhelmer Brandt im Gefängnishof bedroht worden ist. Gerson bekundet, daß Brandt bei den Spaziergängen im Gefängnishof ein Stahlhelmabzeichen getragen und andersdenkende Untersuchungsgefangene durch Redensarten gereizt hat. Dem Gerson rief Brandt zu: „Sie kommen auch noch dran, Ihnen geht es genau so, wie Ihren Glaubensgenossen am Kurfürstendamm.“ Der Angeklagte Brandt erklärt, der Zeuge Gerson hätte ihm das Rotfront- Zeichen gemacht. Gerson verwahrt sich gegen diese Behauptung und erklärt, er sei nicht Kommunist, er sei eher deutschnational gesinnt. Es kamen dann Entlastungszeugen für den Jungstahlhelmführer Brandt zu Worte. Sie erklären, daß Brandt keine Befehle zum Angriff erteilt habe. Kriminalkommissar Feistei bekundete, eine ihm amtlich als sehr vertrauenswürdig bezeichnete Auskunftsperson habe ihm folgende Darstellung gegeben, die er der Staatsanwaltschaft weiter gegeben habe. Anfang September habe eine Besprechung zwischen Dr. Goebbels und dem Berliner SA-Fiihrer Graf Helldorf stattgefunden, bei der angeregt wurde, am jüdischen Neujahrsfeiertage eine Demonstration am Kurfürstendamm zu veranstalten. Es sollten die Erwerbslosen der Partei nach dem Kurfürstendamm geschickt werden, ohne Abzeichen, aber mit ihren Stempelkarten. Graf Helldorf habe diesen Plan in einer Sitzung der Standartenführer besprochen und dort sei dagegen eingewandt worden, man könne nicht die Erwerbslosen allein nach dem Kurfürstendamm schicken und sie dort gewissermaßen als „Kanonenfutter“ für Parteizwecke der Polizei preisgeben. Es sollte vielmehr die Demonstration einen allgemeineren Charakter annehmen. Daraufhin sei beschlossen worden, daß die SA-Leute aus allen Berliner Stürmen gemeinsam mit den Erwerbslosen zum Kurfürstendamm gehen sollten. Für diesen Sonnabend seien dann auch alle sonstigen Parteiveranstaltungen, die Propaganda-Ausflüge, Sportmärsche usw. abgesagt worden. Einige der heute angeklagten SA-Führer, so u. a. Hell, Samerski, und Hagemeister, seien beauftragt worden, mit Motorrädern zum Kurfürstendamm zu fahren, um Anweisungen zu geben. Am 2. Oktober soll nach der Angabe des Gewährsmannes in einer Standartenführerbesprechung auch der bevorstehende Prozeß besprochen worden sein. Dabei wurden den SA-Führern Anweisungen gegeben, wie sie sich als Zeugen bei den Vernehmungen vor Gericht und Poilzei zu verhalten hätten. Diejenigen, die erkannt worden seien und ihre Anwesenheit am Kurfürstendamm nicht ableugnen könnten, sollten bei ihrer Vernehmung angeben, sie seien nur nach dem Kurfürstendämm gegangen, um ein Glas Bier zu trinken, oder um sich miit Bekannten zu treffen. Sie sollten auch aussagen, es sei in der Partei üblich, daß man am Sonnabend Abend Spaziergänge mache, Feistei erklärte, seinen Gewährsmann nicht nennen zu können. — Nach einer Verhandlungspause am Dienstag soll am Mittwoch die Beweisaufnahme zu Ende geführt werden; wir werden in der nächsten Nummer noch einmal auf den Prozeß zurückkommen. Studentenunruhen an den polnischen Universitäten Warschau, 30. Oktober. (JTA.) Die Zeitungen berichten über tägliche wilde antisemitische Exzesse an der Warschauer Universität, insbesondere an der juridischen Fakultät, wo die Zahl der jüdischen Studenten etwas größer als an anderen Fakultäten ist. Es ist bereits zur Regel geworden, daß in den Pausen zwischen den Vorlesungen Sprecher der nationaldemokratischen Studenten das Katheder besteigen und rufen: „Die Juden