Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 44 (30.10.1931)
- Date
- 1931-10-30
- Page
- Seite 603 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 603 sicht, daß. das Schächtverbot auf Grund der Wissenschaft jeder Berechtigung entbehrt und auch wirtschaftlich nur hemmend wirken kann, scheint sich Bahn zu brechen. Austrittsbewegung 1930 Berlin, 23. Oktober. (JTA.) Über die Austrittsbewegung aus den Religionsgesellschaften liegen nunmehr die Zahlen für 1930 vor. Danach ergibt sich, daß 59 255 Evangelische, 6794 Katholiken und 566 Juden aus den Religionsgesellschaften ausgetreten sind. Seit 1925 sind für Evangelische und Katholiken die Zahlen in ständigem Steigen begriffen. Das Ludwig-Boerne-Denkmal in Frankfurt geschändet Frankfurt a. M., 21. Oktober. (JTA.) Das Ludwig-Börne-Denkmal in den Promenaden (Bockenheimer Anlage) in Frankfurt a. M. wurde in der Nacht vom Sonntag zu Montag schwer beschädigt. Die Täter versuchten, die überlebensgroße Marmorbüste Börnes vom Sockel zu reißen. Da ihnen das nicht gelang, haben sie die Büste durch Abschlagen der Nase und andere Beschädigungen verstümmelt. Von den Tätern, die offenbar aus antisemitischen Gründen gehandelt haben, hat man bisher keine Spur. Das Denkmal'wurde' am 6. Juni 1877 enthüllt und ist ein Werk des Bildhauers Kaupert. Das Urteil von Glatz aufgehoben Breslau, 22. Oktober. (JTA.) Wie die „Breslauer Jüdische Zeitung“ erfährt, hat das Oberlandesgericht in Breslau in der Beleidigungsklage des jüdischen Kaufmanns Ellguther in Glatz gegen den nationalsozialistischen Stadtrat Köler das Urteil des Landgerichts Glatz, das den Angeklagten von der Anklage der Beleidigung freigesprochen hat, aufgehoben und die Sache nicht mehr an das Landgericht Glatz, sondern an das Landgericht Schweidnitz zur erneuten Verhandlung zurückverwiesen; das Oberlandesgeriöht scheint also zur [Rechtssprechung des Glatzer Landgerichts in dieser Sache kein Zutrauen mehr zu besitzen. Köler hatte, wie schon wiederholt mitgeteilt, in einer öffentlichen Versammlung in Glatz die Behauptung aufgestellt, daß Ellguther dem „kommunistischen Mob“ 200 Mark gegeben habe, damit dieser eine Versammlung der Nationalsozialisten sprenge. Das Glatzer Landgericht hatte Köler mit der Begründung freigesprochen, daß er diese, festgestelltemaßen grundlose, Äußerung zur Wahrung der berechtigten Interessen einer antisemitischen Partei getan habe, in dem er eben dieser Partei Waffen in ihrem Kampf gegen das Judentum lieferte. Das Urteil hat seinerzeit das größte Aufsehen erregt und sogar die Mißbilligung des preußischen Richtervereins gefunden. Das Justizministerium hatte, ein äußerst seltener Fall, Anweisung gegeben, daß die Staatsanwaltschaft in der Revisionsinstanz selbst die Sache im öffentlichen Interesse vertreten solle. Rechtsanwalt Förder, der den Nebenkläger Ellguther vertrat, legte in längeren Ausführungen vor dem Breslauer Oberlandesgericht die rechtliche Unhaltbarkeit des Urteils dar und beantragte seine Aufhebung. Das Gericht schloß sich diesem Anträge an. Die Österreichische Kreditanstalt wird judenrein gemacht Wien, 20. Oktober. (JTA.) Großes Aufsehen erregt es.in allen politischen und wirtschaftlichen Kreisen Österreichs, daß die Regierung allen 25 Direktoren und Vizedirektoren der Österreichischen Kreditanstalt gekündigt hat. Der neuernannte Finanzminister Dr. Weidenfeld, ein Christlichsozialer, erklärte Vertretern der Presse gegenüber, daß durch diese Kündigungen dem „Rechtsempfinden der Bevölkerung“ Rechnung getragen wurde, daß sich die Regierung aber wahrscheinlich entschließen wird, einige der gekündigten Direktoren in die neu zu organisierende Leitung der Kreditanstalt mit zu übernehmen. In informierten Kreisen weiß man, daß die Maßnahme des Finanzministers Weidenfeld auf nichts anderes, hinausgeht, als darauf, die Verwaltung der Österreichischen Bodenkreditanstalt „judenrein“ zu machen. Von den gekündigten 25 Mitgliedern des Direktoriums besteht die Mehrzahl aus Juden, getauften Juden und jüdisch geborenen Konfessionslosen. Sie alle werden nicht mehr in das Direktorium zurückkehren. Die Stelle des gekündigten Direktors, dem das Personalreferat unterstellt war, soll ein strammer Christlichsozialer einnehmen, dessen Aufgabe es sein wird, auch unter dem Personal Massenkündigungen vorzunehmen, um die gesamte Anstalt judenrein zu machen. Auf diese Weise werden Hunderte jüdische Familien, deren Häupter bei dieser ehemaligen Rothschild-Bank angestellt sind, brotlos gemacht werden. Es ist bis jetzt nicht bekannt, wie der Präsident der Österreichischen Kreditanstalt, Baron Louis Rothschild, auf die antisemitische Personalpolitik der Regierung reagieren wird. Von dem von der Regierung ernannten Bank-Rekonstruktionskomitee ist für die jüdischen Angestellten nichts Gutes zu erwarten. Die Regierung will also, um das aufgeregte Volk zu versöhnen, die jüdischen Angestellten der Kreditanstalt für ihre, der Regierung, eigenen politischen und wirtschaftlichen Rechenfehler büßen lassen. Daß die jetzige österreichische Regierung zu einem solchen Vorgehen den Mut findet, beweist am augenscheinlichsten die außerordentliche Schwächung der finanziellen und wirtschaftlichen Potenz der österreichischen Juden: die Regierung rechnet mit ihnen nicht mehr als mit einem Machtfaktor, der sich in der Öffentlichkeit gegen sie geltend machen könnte. Weizmann besucht die Tschechoslowakei Prag, 22. Oktober. (JTA.) Dr. Chaim Weizmann hat eine Einladung des tschechoslowakischen zionistischen Landesverbandes, im Dezember in die Tschechoslowakei zu kommen und in einer Reihe von Städten in öffentlichen Versammlungen zu sprechen, angenommen. Antisemitische Studentenkundgebung in Lemberg Lemberg, 19. Oktober. (JTA.) Aus Anlaß des Beginns des neuen Universitätssemesters veranstalteten die nationaldemokratischen Studenten eine antisemitische Straßenkundgebung, bei der Parolen gegen die Zulassung von Juden zum Universitätsstudium ausgegeben wurden. Die nationaldemokratischen Studenten zogen dann geschlossen vor das jüdische Akademikerheim und eröffneten gegen dasselbe ein Steinbombardement, wobei sämtliche Fensterscheiben der Front in 'krümmer gingen. Ein zufällig vorbeigehender christlicher Arbeiter wurde durch die Steinwürfe schwer verletzt. Ein Drittel der Warschauer jüdischen Bevölkerung hungert Warschau, 21. Oktober. (JTA.) Im Büro des Warschauer Regierungskommissariats fand die