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Das jüdische Echo · 1931-10-30 · 44 (30.10.1931) · p. Seite 601

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
44 (30.10.1931)
Date
1931-10-30
Page
Seite 601 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 601 en Beweis dafür, von welchem verworfenen Geist die Juden beseelt seien. Zur Gerichtsverhandlung waren drei Sachverständige geladen: Rabbiner Julius Eschelbacher, Düsseldorf, Prof. Dr. Götsberger, Neubiberg bei München, und der bekannte Antisemit und „Talmud-Forscher“ Dr. Erich Bischoff, Leipzig. Rabbiner Eschelbacher wurde vom Angeklagten als Sachverständiger abgelehnt, er wurde vom Gericht nur als „sachverständiger Zeuge“ vernommen. Dagegen wurden die Gutachten der Sachverständigen von Carl Holz, Bischoff und Götsberger, vom Gericht zur Grundlage für das Urteil genommen. Nach dreitägiger Verhandlung wurde Carl Holz freigesprochen. Aus der Begründung des freisprechenden Urteils sind die fdlgenden Stellen hervorzuheben: . Es ist aus der Eassung (des „Stürmer“-Artikels. Red.) ohne weiteres zu erkennen, daß durch die Worte „Dr. Wassermann gehört der jüdischen Bastardrasse an‘ und aus der weiteren Folgerung, daß diese Rasse sich nach dem Talmud und Scliulchan-Aruch richtet, die einen rohen und viehischen Inhalt haben, selbstverständlich eine Kollektivbeleidigung sämtlicher Juden gegeben. Gekennzeichnet ist 'jedoch nur Dr. Wassermann, deswegen scheidet der Bericht aus. Es sind folgende Fragen zu stellen: 1. Sind die angeführten Stellen tatsächlich zu finden? 2. Sind Talmud und Schulchan-Aruch Religionsbücher, nach denen sich die Juden in Deutschland richten, die bindend sind, nach denen Religionsunterricht erteilt wird? 3. Haben die Stellen religiösen Inhalt? 4. Läßt der Aufsatz erkennen, daß damit die Lehren der jüdischen Religionsgesellschaft gemeint sein sollein? Zu 1. Die Gutachten haben das mit Ausnahme eines Satzes bestätigt. Welche Stellen es sind, ist gleichgültig. Die Stellen sind endgültig nicht zu erklären. Es ist dem Angeklagten nicht zuzumuten, sich mit der Auslegung zu befassen. Es gibt Stellen im Talmud, die den sittlichen Anschauungen widersprechen. Zu 2. Talmud und Schulchan-Aruch sind keine Religionsbücher, nach denen Religionsunterricht erteilt wird. Soweit religiöser Inhalt vorhanden, ist er nicht kanonisches Recht. Vom den liberalen Juden wird er überhaupt nicht gekannt. Für sich allein betrachtet, sind kritische Äußerungen über diese Bücher noch keine Beleidigung der Religion. Zu 3. Die beiden ersten Stellen enthalten weder ein Verbot, noch ein Gebot. Also kommt der § 166 nicht in Frage. Aber auch nach der subjektiven Seite ist er nicht gegeben. Es besteht keine Beziehung zur Religion. Dies würde nicht hindern, daß aus dem Umstand, daß die Juden nach diesen Grundsätzen erzogen werden, eine Beziehung zur Religion geschlossen werden könnte. Aber die Erziehung erfolgt nicht nur im Religionsunterricht. Sie liegt auch in der Hand der Familie mit ihrer mündlichen Überlieferung und ihren Traditionen, und man kann nicht sagen, daß die Familienerziehung religiösen Einschlag habe. Es muß also nicht die religiöse Einstellung gemeint sein. Dazu kommt die vorsichtige Abfassung des Aufsatzes, der keine Bezugnahme auf Religion und religiöse Einrichtungen enthält.“ München, 22. Oktober. (JTA.) Der „Völkische Beobachter“ berichtet in Fettdruck über den Freispruch des „Stiirmer“-Redakteurs Karl Holz durch das Nürnberger Schwurgericht umd überschreibt den Bericht mit den Worten: „Der Rassenkampf der NSDAP vom Gericht anerkannt. Talmud und Schulchan-Aruch sind keine Religionsbücher.“ Der „Völkische Beobachter“ fügt seinem Bericht noch den folgenden Satz hinzu: „In diesem Prozeß wurde auch von Dr. Erich Bischoff die Richtigkeit des sogenannten Menschen-Schächtgesetzes (enthalten in dem von den Juden als heilig 'angesehenen Buch ,Zohar‘) unter Eid bestätigt.“ Ärtur Schnitzler Artur Schnitzler ist in der vorigen Woche knapp vor Vollendung seines 70. Lebensjahres in Wien einem Schlaganfall erlegen. Artur Schnitzler ist im Jahre 1862 in Wien als Sohn des bekannten Internisten Johann Schnitzler geboren. Auch Artur Schnitzler wandte sich dem ärztlichen Beruf zu, den er einige Zeit ausübte. Seine ersten schriftstellerischen Arbeiten veröffentlichte er in der Zeitschrift „An der schönen blauen Donau“, um die sich die junge österreichische Schriftstellergeneration scharte. Es sind kleine Novellen, die zartempfindende Menschen mit komplizierten Seelenzuständen skizzieren. Im Jahre 1892 erscheint der Einakterzyklus „Anatol“, der ganz aus der Wiener Sphäre herausgewachsen ist. Einen durchgreifenden Erfolg brachte „Liebelei“, das Drama der sozialen Unterschiedlichkeit in der Erotik. Stark unter dem Einfluß Ibsens steht „Das Märchen“, das sich mit der untergeordneten Stellung der Frau beschäftigt. Es folgen: „Freiwild“, „Reigen“, „Der grüne Kakadu“, „Der Schleier der Beatrice“, „Lebendige Stunden“, „Der einsame Wreg“, „Zwischenspiel“, „Marionetten“, „Leutnant Gustl“, „Komtesse Mizzi“, „Der junge Medardus“, „Das weite Land“, „Sterben“, „Fräulein Else“, „Therese“, „Spiel im Morgengrauen“ usw. und knapp vor seinem plötzlichen Tode „Flucht in die Finsternis“. In zwei Werken hat sich Artur Schnitzler dem Judenproblem zugewandt: in „Professor Bernhardi“ und im „Weg ins Freie“. „Professor Bernhardi“ ist ein Tendenzstück im besten Sinne, in dem Schnitzler das Problem der Verfolgung eines jüdischen Arztes in die Beleuchtung eines allgemein menschlichen Problems hebt. Schnitzler hat das richtige Empfinden für das erlittene Unrecht, die zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen den Gegenspielern rücken das Problem des wegen seines Judentums verfolgten Arztes ein wenig in den Hintergrund und lassen dichterische Unparteilichkeit hervortreten. 1908 erscheint der problematische Roman „Der Weg ins Freie“. Es ist ein Liebesroman, geschöpft aus der Zeit des Wiener Bürgertums um die Jahrhundertwende. In diese einfache mit viel seelischem Verständnis gezeichnete Liebesgeschichte wird das Problem des Judentums hineingestellt. Alle Arten von Juden — von freisinnigen bis zu Zionisten — kommen hier zu Worte und diskutieren über Wesen und Geist des Judentums. Der Dichter selbst steht irgendwie über dieser Diskussion und versucht auch hier dichterische Neutralität zu wahren. „Ich glaube überhaupt nicht, daß solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam unternehmen lassen: denn die Straßen dorthin laufen ja nicht im Lande draußen sondern in uns selbst, es kommt nur für jeden darauf an, seinen inneren Weg zu finden“ ist die Quintessenz dieses Bekenntnisbuches, in dem der Jude Schnitzler Wege des Judentums gesucht hat. Mit Schnitzler stirbt ein Dichter, der wie kaum ein zweiter, tiefes Empfinden für alle seelischen

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