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Das jüdische Echo · 1931-10-23 · 43 (23.10.1931) · p. Seite 590

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
43 (23.10.1931)
Date
1931-10-23
Page
Seite 590 (sequence 6)
Language
German
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590 Nr. 43 Das Jüdische Echo ersten Urteil geübt wurde, die Justizbehörden etwas bedenklich gemacht hat. Die Öffentlichkeit hat jedenfalls einen etwas peinlichen Eindruck, zumal es ja bekannt ist, daß ein allzu langer Zeitablauf zwischen Taten und gerichtlicher Aburteilung, besonders wo es sich um gesinnungsmäßig motivierte Taten handelt, auf die Stimmung nicht ohne Einfluß bleibt. Wir sind gewiß nicht rachsüchtig und haben es nicht eilig, die Herren Helldorf und Genossen bestraft zu sehen. Aber wir haben ein Interesse daran, daß brutale Gewalttaten gegen die jüdische Bevölkerung in den Augen der ganzen Öffentlichkeit als das charakterisiert werden, was sie sind, und daß man sie nicht durch politische Färbung verwischt. Es handelt sich darum, allen Bürgern das Gefühl zu geben, daß wir in einem geordneten Rechtsstaat leben und auch die Juden nicht vogelfrei sind. Das „Berliner Tageblatt“ knüpft an die Nachricht von der Vertagung des Prozesses folgende Bemerkung: „Es soll hier nicht behauptet werden, daß nicht immer triftige Gründe für die Vertagungen Vorgelegen hätten. Aber: wenn man die 34 Radaumacher vom Kurfürstendamm im Schnellgerichtsverfahren aburteilen konnte, ist es immerhin seltsam, daß man sich mit den Führern dieser Krawalle so viel Zeit läßt.“ Weizmann und Harzburg Der nationalsozialistische Pressedienst teilt mit: „Wie wir aus zuverlässiger Quelle hören, ist der berüchtigte Zionistenführer Weizmann in Berlin eingetroffen, um gemeinsam mit den deutschen Zionistenführern Stellung zu der Tagung der Nationalen Opposition in Harzburg zu nehmen. Ein Zeichen, wie das Ergebnis der Harzburger Tagung bereits 24 Stunden danach die verängstigte Judenschaft in Bewegung gesetzt hat. Auf der Tagesordnung stehen die Abwehrmaßnahmen des Judentums gegen die Absichten der nationalen Opposition.“ ff Der „Völkische Beobachter“ druckt diese parteioffiziöse Mitteilung auf der ersten Seite unter der Überschrift „Jüdische Offensive gegen Harzburg“ ab. Man kann sich ganz gut vorstellen, daß viele Leser der nationalsozialistischen Presse, deren Urteilskraft ja seit Jahren durch die Judenhetze systematisch umnebelt wird, eine solche Mitteilung ihres Organs glauben. Aber interessant wäre es, zu erfahren, ob auch die Schreiber und Verbreiter dieser Nachricht daran glauben, d. h. ob wir es hier mit bewußter Täuschung zu tun haben oder mit einer Ausgeburt einer durch Gespensterfurcht und blinden Fanatismus tollgewordenen Phantasie. Dr. Hans Kaufmann, Harry Bein (Düsseldorf), die gewisse praktische Fragen in den Vordergrund rückten, und die Herren Blumenfeld, Alfred Rerger, Ginsburg (Königsberg), Landauer, Landsberg (Wiesbaden), Schmarja Levin, Loebenstein (Leipzig), Dr. Fritz Loewenstein, Lubinski, Potschter, Frau Turnowsky. Nachdem die Herren Dr. Mechner und Dr. Rosenblüth Angelegenheiten des KKL. und des KH. behandelt hatten, folgte der Landesvorstand mit besonderer Aufmerksamkeit einem ausführlichen Referat des Herrn Julius Berger: „Privatinitiative in Palästina“. Berger schilderte die bisherigen Leistungen des Privatkapitals in Palästina und stellte ausführlich die Möglichkeiten für Kapitalanlage in Palästina und für die Übersiedlung und Betätigung in städtischen Gewerben dar. Dieses Referat wird Interessenten auf Wunsch separat von der Z. V. f. D. zur Verfügung gestellt. Der deutsche Misrachi aus dem Weltmisrachi ausgetreten Berlin, 18. Oktober. (JTA.) Das deutsche Misrachi-Büro verbreitet eine Kundgebung, in der mitgeteilt wird, daß die deutsche Landesorganisation der Misrachi ihren Austritt aus der Misrachi-Welforganisation vollzogen hat, daß aber hierdurch das Verhältnis zur Zionistischen Organisation unberührt bleibt. Seit vielen Jahren, heißt es in der Kundgebung weiter, kämpft der deutsche Misrachi für eine Änderung der Arbeitsmethoden des Weltmisrachi. Der Kampf ist ohne Erfolg geblieben. Das fast völlige Versagen in der organisatorischen Arbeit, die Führung der Finanzen, die Zusammensetzung der Leitung und die ihr in der jüdischen Welt fehlende Autorität, die Überbewertung der Politik gegenüber den primären kulturellen Aufgaben, das Unverständnis für die in der Brith Olamith organisierte Jugend, die Hindernisse, die häufig der Arbeit des „Poel Hamisrachi“ in den Weg gelegt wurden, — all dieses erforderte eine radikale Umgestaltung, wenn die Misrachi-Weltorganisation die ihr gestellten Ziele erreichen sollte. Die Baseler Weltkonferenz des Misrachi im Juni/Juli 1931 gelangte zu einer fast völligen Ablehnung der Forderungen des deutschen Misrachi, woraufhin die deutsche Delegation erklärte, daß der Ausgang der Verhandlungen sie verpflichte, den Austritt zu vollziehen. Nach eingehenden und ernsten Verhandlungen kam die Landeszentrale zu dem Ergebnis, daß keine Möglichkeit für ein weiteres Verbleiben vorhanden sei. Mitte November wird eine Konferenz des deutschen Misrachi zusammentreten. Auf ihr wird das endgültige Programm der neuen Bewegung skizziert werden. Der vertagte Prozeß Der Prozeß gegen die Rädelsführer der antisemitischen Unruhen am Kurfürstendamm, Helldorf und Genossen, ist neuerlich vertagt worden, und zwar auf den 26. Oktober. Mit dem Verfahren gegen Helldorf und Ernst wurde das Verfahren gegen eine Reihe anderer Personen, die nachträglich festgenommen wurden, verbunden. Seltsam muß es nur anmuten, daß man ein Verfahren, welches im Grunde mit dem ersten Prozeß identisch ist, da es sich um dieselben Straftaten handelt, und das nur darum abgetrennt verhandelt wird, weil man der Angeklagten erst nachträglich habhaft werden konnte, jetzt immer wieder hinausschiebt. Es scheint beinahe, daß die Kritik, die von nationalistischer Seite an dem Antisemitische Legenden Obwohl jetzt unzweifelhaft feststeht, daß der ehemalige ungarische Pionier-Offizier Matuschka die Eisenbahnattentate in Jüterbog, Via Torbagy usw. ganz allein vollführt hat, und daß Matuschka, ein ehemaliges Mitglied des Heijas-Detachements, an den Judenmorden und Raubzügen dieses Detachements in der Zeit des weißen Terrors teilgenommen hat, fährt die antisemitische Presse fort, Legenden über die Mitschuld der Juden an diesen Attentaten in die Welt zu setzen. Ohne den Schatten eines Beweises dafür anzuführen, erzählt die antisemitische Presse Österreichs, Sylvester Matuschka hätte gestanden, einen jüdischen Komplizen in der Gestalt des Dr. Gustav Bergmann, Assistenten Albert Einsteins, gehabt zu haben. Dr. Bergmann hat sich entschlossen, gegen die antisemitischen Zeitungen, die die obige Behauptung aufgestellt haben, Verleumdungsklage zu erheben.

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