Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 42 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- Seite 579 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9179083--12015-9084086- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 Das Jüdische Echo 579 Wir Juden spüren dies seit Jahrtausenden an unserem Leibe und in unserer Seele, und kein Volk auf der Welt weiß es besser als wir, was es heißt Minderheit sein. Wenn nun die europäischen Minderheiten zusammentreten, um vor aller Welt und unmittelbar vor den Ohren des Völkerbundes in bewegten Worten zu sagen, was sie leiden, dann wäre es in gewissem Sinne ein Verbrechen gegen die Natur, wenn die excellenteste Minderheit der Welt bei diesem Kongresse nicht vertreten wäre, und wenn aus dieser mahnenden Stimme des Gewissens der Welt nicht auch ein jüdischer Ton zu hören wäre. Der Aufgabe, für die Juden das Wort zu ergreifen, haben Herr Dr. Margulies, Herr Dr. Insler und ich uns unterzogen, und ich habe als designierter Sprecher der jüdischen Minderheiten meine Pflicht erfüllt. Wir haben ohne Übertreibungen und ohne Schönfärbereien uns bemüht, die Wahrheit zu sagen in einer Form, welche auf die Stellung der Juden in den Staaten, in denen sie leben, Rücksicht nimmt, und nur die übelwollende Bosheit kann in unserer maßvollen Darstellung der wesentlichsten unserer Beschwerdepunkte einen Akt der Illoyalität gegenüber unseren Staaten erblicken. Ich tat noch ein Übriges und ich brachte wiederholt zum Ausdrucke, daß wir Juden von Rumänien von der eigenen rumänischen Regierung die Einbringung von Gesetzen erwarten, welche unsere Lage wesentlich verbessern können. Ich sagte nicht mehr, als was ich wiederholt von der Tribüne des Rumänischen Parlamentes in vielleicht noch schärferer Form gesagt und gefordert habe, nur mit dem Unterschiede, daß die Tribüne des Europäischen Nationalitätenkongresses alle parlamentarischen Tribünen an Bedeutung überragt und der Welttribüne des Völkerbundes, der in Genf tagt, am allernächsten steht. In der Schlußsitzung des Nationalitätenkongresses wurde die in allen Blättern veröffentlichte Resolution angenommen, welche das Wesentliche der Lage der europäischen Minderheiten zusammemfaßt ujid speziell meinem Eingreifen ist es zu verdanken, daß die Frage der Staatenlosigkeit und des Staatsbürgerrechtes besonders betont wurde. Der Präsident des Kongresses, Herr Dr. Wilfen, und der Generalsekretär, Herr Dr. Ammende, haben beim Präsidenten des Völkerbundsrates, Minister Lerroux, vorgesprochen, haben ihm die Resolutionen des Kongresses übermittelt, und dieser wird diese Resolutionen dem Völkerbund bereits zur Kenntnis gebracht haben. Es ist gut, daß alljährlich die Stimme der nationalen Minderheiten gehört wird und dies ist der wesentlichste moralische Erfolg des Europäischen Nationalitätenkongresses. Die Frage der Minderheiten darf von der Tagesordnung des Völkerbundes und aus der Erörterung der europäischen Probleme nicht verschwinden. Die Befriedigung der nationalkulturellen Forderungen der ethnischen Minderheiten ist ein wesentlicher Schritt zur Befriedung der Welt und in den Ohren aller Staatsmänner muß klingen,. w;as der Nationaiitätenkongreß in einer einstimmig beschossenen Resolution gesagt hat: „Die materielle Abrüstung kann mit Aussicht auf Erfolg nicht ohne gleichzeitige moralische Abrüstung durchgeführt werden, die vor allem in einer befriedigenden Lösung der Nationalitätenfrage bestehen müßte. Sie erst wäre eine wirkliche Sicherung des Friedens.“ Aus der jüdischen Welt Friedhofsschändung Nr. 107 Berlin, 8. Oktober. (JTA.) Auf dem jüdischen Waldfriedhof in Westercappeln in Westfalen wurden vier Grabsteine gewaltsam beschädigt und der Versuch gemacht, weitere Grabsteine umzuwerfen. Auf die Ergreifung der Täter hat die jüdische Gemeinde Westercappeln eine Belohnung von 100 M. ausgesetzt. Geheimrat Berthold Timendorfer gestorben Berlin, 7. Oktober. (JTA.) In der Nacht vom 4. zum 5. Oktober verstarb in Berlin Geheimer Justizrat Berthold Timendorfer im Alter von 78 Jahren. Geheimrat Berthold Timendorfer wurde 1853 in Rosdzin (Oberschlesien) geboren und lebte seit 1882 als einer der angesehensten Rechtsanwälte in Berlin. Von 1898 bis 1924 war er Großpräsident des deutschen Distriktes des Unabhängigen Ordens Bnei Brith. Während seiner Amtszeit wuchs der Orden in Deutschland an Zahl der Logen und Mitglieder außerordentlich. Hierzu trug nicht zum wenigsten die werbende Kraft Berthold Timendorfers bei, der seine Aufgabe darin sah, den Orden Bnei Brith zu einem führenden Faktor im Leben des deutschen Judentums zu machen. Bei der Niederlegung seines Amtes im Jahre 1924 äußerte sich die Verehrung und Dankbarkeit der Logen für ihren langjährigen Großpräsidenten darin, daß sie ihn zum Ehrenpräsidenten des deutschen Distriktes der U.O.B.B. erwählten. Berthold Timendorfer nahm auch sonst an führender Stelle an der Gestaltung des jüdischen Lebens in Deutschland teil. Georg Hermann 60 Jahre Der Dichter der deutsch-jüdischen Familie Berlin, 2. Oktober. (JTA.) Am 7. Oktober feierte der Dichter Georg Hermann (Pseudonym für Georg Hermann-Borchardt) seinen 00. Geburtstag. Der Dichter wurde 1871 in Berlin geboren. Sein bekanntestes Werk ist der von ihm später auch dramatisierte Roman aus dem Berliner jüdischen Milieu der Biedermeierzeit „Jettchen Gebert“ (1900 erschienen, jetzt über 120 000 Exemplare). Weitere drei Rädelsführer der Kurfürstendamm- Fy7pssp verhaftet Berlin, 7. Oktober. (JTA.) Unter dem Verdacht, an den Kurfürstendamm-Unruhen in den Abendstunden des 12. September beteiligt gewesen zu sein, wurden jetzt nachträglich noch drei Nationalsozialisten auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft festgenommen. Die Verhafteten sind ein Standartenführer, ein Sanitätstruppführer und ein sogenannter Sturmtruppadjutant. Die drei Festgenommenen werden unverzüglich dem Vernehmungsrichter im Polizeipräsidium vorgeführt werden, da die Staatsanwaltschaft Erlaß eines Haftbefehls beantragt hat. Die Staatsanwaltschaft wird gegen die drei Festgenommenen Anklage wegen Landfriedensbruches und Rädelsführerschaft erheben und beantragen, die drei Nationalsozialisten gemeinsam mit Graf Helldorf, Stabsleiter Ernst und dem Jung-Stahlhelmführer Ingenieur Brandt, vor dem Schöffengericht Charlottenburg abzuurteilen. Der vertagte Prozeß Helldorf Berlin, 11. Oktober. (JTA.) Der Prozeß gegen den Berliner S.A.-Sührer Grafen Helldorf und Genossen wegen Teilnahme an den antisemitischen Exzessen am Kurfürstendamm, der wegen der Ablehnung des Gerichts durch die Verteidigung auf Sonnabend, 9. Oktober, vertagt wurde, konnte, wie jetzt mitgeteilt wird, erst am Montag vor-