Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 42 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- Seite 578 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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578 Nr. 42 Das Jüdische Echo sentantenversammlung und der Galerie führt der Dezernent für das Wohlfahrtswesen, Herr Direktor Stahl, im Namen des Vorstandes ungefähr aus: Die Gemeinde kann in der Hauptsache nur ergänzende Wohlfahrtshilfe leisten. Der Staat hat eine großzügige Aktion der Winterhilfe eingeleitet, an der auch das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde beteiligt ist. Der Vorstand ist entschlossen, das Wohlfahrtsamt, (in die Lage zu versetzen, den Notleidenden soweit als nur möglich, zu helfen. Zahlreiche Personen, die früher in gut bürgerlichen Verhältnissen gelebt haben, sind jetzt unterstützungsbedürftig geworden. Durch dep Zusammenbruch einer Reihe von Unternehmungen im Textil-, Bankwesen usw. sind auch zahlreiche Angestellte brotlos geworden. In Charlottenburg, wo im vorigen Jahre 1000 Unterstützungsbedürftige gemeldet waren, ist diese Zahl jetzt auf 1600 gestiegen. Sogar der Bezirk Fasanenstraße, der in früheren Jahren kaum irgendwelche Unterstützungsbedürftige aufwies, zählt jetzt 300 Bedürftige. Zahlreiche Familien sind von Exmission bedroht. Wir helfen den Leuten durch Rat, helfen ihnen in kleinere Wohnungen ziehen, versorgen sie mit dem Notwendigsten, helfen ihnen aus momentaner Not. Der Zukunft sehen wir mit schweren Sorgen entgegen. Wir organisieren die Lieferung von Brot, Kleidern, Feuerung. Wir geben das Brot, statt zu 50, zu 25 Pfennig oder gratis, Für Brot ist also gesorgt. Die bestehenden 8 Küchen des Wohlfahrtsamtes werden um 2 bis 3 vermehrt werden, Speiseräume werden errichtet, Familien soll das Essen ins Haus geschickt werden. Von großer Wichtigkeit ist eine Organisation der Nachbarhilfe. Eine Sammlung für Kleiderhilfe hat 10 000 RM. ergeben, sie wird fortgesetzt. Die Kinderspeisung in Schulen wird organisiert. Von Bedeutung ist auch die A b e n d hi 1 f e : In den Räumen, in denen am Tage gespeist wird, werden am Abend die Bedürftigen mit Tee und Brot bewirtet und durch musikalische und andere Veranstaltungen unterhalten, damit ihnen über die Schwere ihrer Lage hinweggeholfen wird. Eine Reihe j u - g endpflegerisch er Maßnahmen, besonders für erwerbslose Jugendliche, von denen man 528 männliche und 553 weibliche im Alter von 17 bis 20 Jahren zählt, ist vorgesehen. Direktor Stahl schloß mit der Versicherung, daß der Vorstand, der in dieser Zeit der schweren Krise gezwungen ist, auf allen Gebieten Einsparungen zu machen, trotzdem jetzt keine wichtigere Sorge als die Aufrechterhaltung und den Ausbau der Wohlfahrtsfürsorge kennt. In der nun folgenden Aussprache gaben die Vertreter aller Fraktionen ihrer Genugtuung über den durch Direktor Stahl kundgegebenen Willen des Vostandes, die Wohlfahrtspflege auf der Höhe ihrer Aufgabe zu halten, Ausdruck. Die vorgeschlagenen Anträge werden einstimmig angenommen. Die Sitzung schließt gegen 1 Uhr morgens. Der Kongreß der nationalen Minderheiten Von Dr. Mayer Ebner, Czernowitz Der europäische Kongreß der nationalen Minderheiten, der alljährlich unmittelbar vor den Tagungen des Völkerbundes in Genf abgehalten wird, findet in der Presse eine geteilte Aufnahme. Die Zeitungen der Nationalstaaten ohne oder ohne nennenswerte ethnische Minderheitsgruppen berichten über diesen Kongreß kühl objektiv und jedenfalls nicht unfreundlich. Die Zeitungen jener Staaten, die militante ethnische Minderheiten haben, betrachten den Minderiheitenkongreß als eine unbefugte Einmengung in die Souveränitätsrechte ihrer Länder, und demgemäß ist diese Presse auf einen feindseligen Ton gestimmt. Ausgesprochen freundlich ist die Presse jener Völker, deren Volksgenossen als ethnische Minderheiten auf den Territorien anderer Staaten leben. Die Deutschen sind an der Minderheitenfrage am stärksten interessiert, weil nur 60 Millionen Deutsche unter deutscher Staatsoberhoheit stehen und nicht weniger als 40 Millionen in der Welt zerstreut leben. In dieser Hinsicht, also was die Diaspora betrifft, werden die Deutschen nur von den Juden übertroffen. Wir Juden sind eben überall in der Welt nur ethnische Minderheit. Nirgends sind wir Mehrheit, nirgends haben wir einen eigenen Staat, an den wir uns lehnen könnten. Wir sind die ethnische Minderheit kat exochen, und es gab Meinungen, die Juden hätten das stärkste Interesse an dem Nationalistenkongreß und es wäre gut, wenn die Juden mit dem ihnen eigenen Elan die Führung des Kongresses übernähmen. Schreiber dieser Zeilen war und ist anderer Meinung, weil eine jüdische Führerrolle weder dem Kongresse noch den Juden selbst wohl bekäme. Die Begründung möge man mir erlassen, wenn auch die Diskussion der Frage interessant wäre, warum die Juden in den revolutionären Bewegungen eine führende Rolle haben und ob es nicht taktisch richtiger wäre, die Führung anderen zu überlassen und sich auf eine wertvolle Mitarbeit zu beschränken. Aber ob Führung oder bloße Mitarbeit, das eine steht fest, daß wir Juden dort nicht fehlen, dürfen, wo für Freiheit und Gerechtigkeit gestritten wird, und da der Nationalitätenkongreß ein kompetentes Forum ist, vor dem für diese höchsten Güter der Menschheit plädiert wird, ist es selbstverständlich, daß wir, die wir auf der ganzen Welt als Minderheit und als jüdische Minderheit doppelt leiden, vor diesem Forum durch Abwesenheit nicht glänzen dürfen. Der Zufall — einige führende Juden der jüdischen Minderheiten waren an der Teilnahme verhindert — hätte schier bewirkt, daß Herr Dr. Margulies, der zu den ständigen Teilnehmern am Minoritätenkongreß gehört und Mitglied des Ausschusses ist, der einzige Vertreter der europäischen Judenschaft gewesen wäre. So hoch die überaus wertvolle Mitarbeit des Herrn Dr. Margulies (Leitmeritz in der Tschechoslovakei) geschätzt wird, er allein hätte als Vertreter der jüdischen Minderheit eines einzigen Staates unmöglich als der Repräsentant der jüdischen Minderheiten Europas angesehen werden können. Im letzten Augenblicke erschienen aber der ehemalige Sejmabgeordnete Dr. Insler als Vertreter der jüdischen Minderheit in Polen und Schreiber dieser Zeilen als Vertreter der Jüdischen Reichspartei in Rumänien, so daß diese jüdische Delegation die überwältigende Mehrheit der jüdischen Minderheiten von Europa repräsentierte. Bei den kommendem Kongressen werden wir hoffentlich stärker vertreten sein, um unser Interesse an dieser hochbedeutsamen Tagung noch kräftiger betonen zu können. Der Kongreß hat nämlich die Bedeutung des mahnenden Gewissens. Es gibt in Europa nicht weniger als 40 Millionen, die als ethnische Minderheiten unter dem Drucke von herrschenden Mehrheitsvölkern leben. Mehrheit gibt Macht, Mrncht verleitet zur Bedrückung der Minderheiten.