Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 40 (2.10.1931)
- Date
- 1931-10-02
- Page
- Seite 557 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 Das Jüdische Echo 557 Vor völliger Vernichtung kann uns nur die Thora, der „Baum des Lebens“, retten, die in jüdischen Schulen wieder gelehrt werden muß. Um der äußeren Lage Herr zu werden, muß die Solidarität größer werden; zur Behebung der wirtschaftlichen Krise ist ein Druck auf die Arbeitgeber nötig, zur Rettung der Angestellten und Arbeiter. Die geistige Judennot kann jedoch nur beendet werden, durch eines: Palästina, die werdende Stätte jüdischen Lebens und Geistes. Es gibt kein besseres Mittel gegen jenen Antisemitismus, der die Juden zu bloßen Geldraffern stempeln will, unfähig, aus Idealismus zu arbeiten. Jenes Werk wird neuen Respekt vor dem jüdischen Namen erwecken und neu den gesunkenen Mut heben. Auch frühere Generationen hatten es schwer gehabt und doch alles überwunden, denn ihr Blick war auf die Zukunft gerichtet, und neuen Lebensmut schöpften sie stets aus der Thora. Auch wir werden uns halten und an Kraft zunehmen in der Beschäftigung mit der Lehre und in der Arbeit an Palästina. — Wie stark die aus echtestem jüdischen Gefühl kommende Wärme und Begeisterung des Vortrags auf alle Zuhörer gewirkt hat, zeigte sich in dem außerordentlich starken Beifall, der dem Redner dankte. In der anschließenden Diskussion versuchte namens des Central-Vereins Dr. Cahnrrtann nachzuweisen, daß nicht die von dem Redner geforderte Verlebendigung des Judentums, sondern die „Verteidigung der Errungenschaften der Emanzipation“ die dringendste Aufgabe der deutschen Juden in dieser Krisenzeit sei. Ihm traten Justizrat Straus und in seinem Schlußwort Goslar entgegen, die betonten, daß nicht der auf das uralte jüdische Geistesgut und die Jahrtausende alte jüdische Geschichte zurückgreifende religiöse Zionismus, sondern die vom Central- Verein vertretene Geisteshaltung eine nur rückschauende sei, da sie versucht, mit den durch die tatsächliche Entwicklung als irrig erwiesenen Anschauungen der vorhergehenden Generationen weiterzuleben. ’ Wenn es einen Ausweg für das deutsche Judentum gibt, so dürfte Goslar ihn gezeigt haben — ist er selbst doch der beste Beweis dafür, daß das Leben nach seinen Forderungen verlangt, nicht nur nicht Errungenschaften Her Emanzipation preiis gibt, sondern Jüdische Menschheit in stärkstem Maße mit jüdischer Gläubigkeit, jüdischem Lebensmut und jüdischem Willen erfüllt. Ottmar Blum. Aus der jüdischen Welt Die 106. Friedhofschändung Berlin, 24. September. (JTA.) Vor einiger Zeit wurden auf dem jüdischen Friedhof in Kirchen bei Lörrach Grabsteine durch Würfe mit schweren Steinen zerstört und Inschrifttafeln beschädigt. Die Tat wurde erst spät entdeckt, so daß sich die Verfolgung der Täter schwierig gestaltet. Auf ihre Ergreifung ist eine Belohnung von 100 RM. ausgesetzt worden. Die „C.V.-Zeitung“ weist darauf hin, daß das Karlsruher nationalsozialistische Blatt „Der Führer“ behauptet, Juden seien die Täter, ohne auch nur die Spur eines Beweises erbringen zu können. Nationalsozialistischer Sieg in Hamburg. — Die Mandate der Hitlerpartei in der Hamburger Bürgerschaft von 3 auf 43 erhöht Hamburg, 28. September. (JTA.) Bei einer Beteiligung von 83 Prozent der Wahlberechtigten wurde am gestrigen Sonntag die Hamburger Bürgerschaft, das Parlament des Freistaates Hamburg, neu gewählt. Das Resultat ist, daß die bisher regierende große Koalition, die die Parteien von den Sozialdemokraten bis zur Volkspartei umfaßte, .nicht mehr über die absolute Mehrheit verfügt. Den meisten Gewinn haben die Nationalsozialisten zu verbuchen, die ihre Mandatszahl in der Bürgerschaft von 3 (i. J. 1928) auf 43 erhöhen konnten und sogar gegenüber den Reichstagswahlen am 14. September 1930 nahezu 60 000 Stimmen gewannen. Unter den durch die Wahlen geschaffenen Verhältnissen erscheint die Bildung eines Senats, der sich auf eine Mehrheit stützen könnte, unmöglich. Es verlautet aber, daß die Parteien der bisherigen Koalition die Wahlen anfechten werden, da dieselben auf einen Tag ausgeschrieben wurden, der ein jüdischer Feiertag ist, wodurch sich zahlreiche religiös gesinnte jüdische Wähler gezwungen sahen, der Wahlurne fern zu bleiben. Einem Ersuchen der Jüdischen Gemeinde, die Wahl auf einen anderen Tag zu verschieben, wurde nicht stattgegeben; somit ist eine wesentliche Bestimmung der Reichsverfassung, diejenige nämlich, die jedem Bürger Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert, verletzt worden, was ein Wahlanfechtungsgrund ist. Dr. Weizmann nach Deutschland eingeladen Berlin, 24. September. (JTA.) Der geschäftsführende Ausschuß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat in seiner Sitzung vom 17. September einstimmig folgende Resolution angenommen: Der G.A. begrüßt es mit lebhafter Freude, daß Dr. Weizmann die Einladung der südafrikanischen Zionisten angenommen hat, und bittet ihn, vor Antritt seiner Reise nach Südafrika als Gast der Z.V.f.D. nach Deutschland zu kommen. Der G.A. ist davon überzeugt, daß der Besuch Dr. Weizmanns neben seiner hohen Bedeutung für die Einleitung der Winterarbeit des Keren Hajessod auch für die zionistische Werbearbeit grade jetzt von großer Wichtigkeit sein wird. Dr. Weizmanns Führereigenschaften, sein zionistischer Glaube und seine bezwingende Überzeugunskraft werden der zionistischen Idee in Deutschland neue Kreise gewinnen, die Zionisten mit gesteigertem Pflichtbewußtsein und erhöhter Hoffnungsfreudigkeit erfüllen und die Arbeit für das Aufbauwerk in Palästina entscheidend fördern. Warum Bentwich entlassen wurde. London, 24. September (JTA.) In der Sitzung des Unterhauses richtete Colonel Wedgwood an den Minister für die Kolonien Thomas die Frage, welche Gründe für den früheren Kolonialminister Lord Passfield maßgebend waren, als er einen so fähigen und hochverdienten Beamten wie den Chef des Justizdepartements der Palästina-Regierung und Oberstaatsanwalt Palästinas Norman Bentwich vorzeitig in Pension geschickt hat. Der Kolonialminister der Nationalen Regierung, Herr Thomas, gab in der Beantwortung dieser Frage zu, daß „besondere rassische und ■politische Verhältnisse in Palästina“ es äußerst schwer machten, Norman Bentwich auf seinem bisherigen Posten zu behalten. Minister Thomas fügte sofort hinzu, daß Bentwichs persönliche Fähigkeiten und sein Charakter bei seiner Pensionierung in keiner Weise eine Rolle gespielt haben.