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Das jüdische Echo · 1931-10-02 · 40 (2.10.1931) · p. Seite 556

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
40 (2.10.1931)
Date
1931-10-02
Page
Seite 556 (sequence 8)
Language
German
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556 Das Jüdische Echo Nr. 40 jüdischen Parteien und Richtungen umfassen soll, eine schwerwiegende Bedeutung. Die Hintergründe der Krawalle Die „Welt am Abend“ ist in der Lage, über die Hintergründe des Kurfürstendamm-Pogroms Ausführungen zu machen, die ein grelles Schlaglicht auf die Zustände und Vorstellungen der Pogromisten wirft. Wenn auch einige Vorbehalte wegen der politischen Einstellung der zitierten Zeitung notwendig sind, so hat es sich doch schon in unzähligen Fällen erwiesen, daß sie vorzüglich informiert ist. Nach ihren Ausführungen sind die S.A.-Leute mit den Legalitätisbestrebungen der Parteileitung schon seit langem unzufrieden, sie wollen losschlagen. Die „Welt am Abend“ schreibt dann weiter: „Die S.A.-Führung verlangt von der Berliner Parteileitung die Erlaubnis zu einer Aktion. Göbels, dem es wohl bekannt ist, daß Hitler im Frühjahr mit Hugenberg zusammen die Macht auf legaler Basis zu übernehmen hofft und der weiter weiß, daß Hitler Hindenburg seine Pläne vorzutragen wünscht, ist sich klar darüber, daß eine solche Aktion Hitlers Pläne stören würde. Er versuchte daher einen Ausweg und wies die S.A.-Leitung an, die Aktion am jüdischen Neujahrsfeste zwar durchzuführen und den S.A.-Leuten auf diese Weise eine Ablenkung und Beschäftigung zu geben, aber gleichzeitig dafür zu sorgen, daß diese Aktion in bezug auf die Partei getarnt bleibe.“ Hinzuzufügen ist hier eigentlich nichts. Es sind sehr präzise und auch einleuchtende Angaben, die mit der politischen Konstellation und auch mit dem Verhalten der Reichsregierung in Übereinstimmung stehen. Die jüdische Situation zwischen diesen politischen Blöcken ist geradezu verhängnisvoll. Es wird zu überlegen sein, wie weit man von jüdischer Seite durch geeignete Selbstschutzmaßnahmen in Verbindung mit den bestehenden linksgerichteten Organisationen diesen trüben Aussichten zuvorkommt. Die Resolution der Berliner Repräsentanten- Versammlung 1. Die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde drückt den Opfern der antisemitischen Überfälle im Berliner Westen am ersten Rosch-Haschanah-Tage ihr Mitgefühl aus. Sie betrachtet das am 12. September einzelnen Juden und Jüdinnen wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum zugefügte Unrecht als eine der jüdischen Gesamtheit angetane schimpfliche Unbill. 2. Die Reprälsentantenversammlung nimmt von den Maßnahmen Kenntnis, die die Polizei-Behörde und die preußische Staatsregierung ergriffen haben; sie erblickt in ihnen die Erfüllung der selbstverständlichen Pflicht des Staates, die persönliche Sicherheit und das Recht der freien Religionsbetätigung der gesamten Bevölkerung, in diesem Falle der jüdischen, zu schützen. Sie erwartet von der Reichsregierung den gleichen Schutz. 3. Die Repräsentantenversammlung billigt die Schritte des Gemeindevorstandes und erwartet, er werde auch weiterhin alles tun, damit den Juden die ungestörte Religionsübung und der Schutz von Leib und Leben gesichert werden. Das deutsche Judentum in der Krise Der Vortrag von Ministerialrat Hans Goslar im Kunstgewerbesaal war die bei weitem am stärksten besuchte Veranstaltung der Zionistischen Ortsgruppe seit langer Zeit. Das Thema „Das deutsche Judentum in der politischen und wirtschaftlichen Krise“ und die Person des Referenten hatte diesesmal auch eine große Anzahl von Nichtzionisten herbeigeführt; gerade für sie dürften die Ausführungen des Redners von nachhaltigstem Eindruck gewesen sein. Ihr Inhalt sei im Folgenden in Kürze wiedergegeben: Die Rosch-Haschanah-Vorgänge in Berlin haben gezeigt, daß die Lage der deutschen Juden heute besonders schwierig ist. Man sieht sich einer Hochflut des Antisemitismus gegenüber, die rechtsradikale Presse hört nicht auf, die vergiftenden Gedanken, weiterhin zu propagieren, in denen sie die Juden und ihre Lehre als moralisch minderwertig zu stempeln sucht. Der jetzige Terror stellt das Schlimmste dar seit dem finstersten Mittelalter. Auch die wirtschaftliche Lage ist heute sehr schlecht. Besonders das Reservoir des deutschen Judentums in den Ostprovinzen ist zwischen den beiden „Mühlsteinen“ Deutschland und Polen aufgerieben worden; starke Abwanderung in die Großstädte folgte. Hier und im ganzen Reich richteten die wirtschaftliche Entwicklung und die Boykottpolitik den jüdischen Kleinhandel zugrunde; dazu kamen noch die Erscheinungen der Inflation, die das Rentnertum schwer schädigten. Ferner muß man an den Abbau jüdischer Angestellter in den nichtjüdischen Geschäften erinnern, unter dem besonders die orthodoxen Juden zu leiden hatten. Das Angestelltenproblem ist heute eine der wichtigsten Fragen des deutschen Judentums. All demgegenüber fehlt bei uns jede Einheit, es fehlt eine Gesamtvertretung der deutschen Juden, ohne die alle Bemühungen um Verbesserung der Lage erfolglos bleiben müssen. Dazu sind wir ganz unjüdisch geworden, weil die Lehre in Vergessenheit geraten ist und trotz mancher großer Persönlichkeit, die aus unseren Reihen hervorgegangen ist, war eigentlich der klägliche Rest, der nach den Verfolgungen früherer Zeit übrig geblieben ist, geistig produktiver als die jüdischen Millionen, die heute die Welt bevölkern, da die Schule des Scharfsinnes, die Beschäftigung mit der Lehre, fehlt. Weiter folgt daraus eine gewisse Haltlosigkeit gegenüber äußeren Angriffen und innerjüdischen Konflikten. Und doch könnten auch bei den Nichtjuden Ausstrahlungen jüdischen Geistes wirksam werden, wenn der uralte geistige Besitz nur bei den Juden selbst wieder lebendig würde, wofür der Redner eine Reihe von Beispielen brachte (Bodenspekulation und Jobeljahr, freier Arbeitsvertrag im alten jüdischen Staate). Und was wäre schließlich der Welt mehr zu wünschen als das alte, jüdische Ideal: Scha-' lom, Friede! — Solcherlei sind die Grundgesetze, für die unsere Väter alle Martern erduldeten und nicht diejenigen, die uns von unseren Feinden unterschoben werden! Der Redner fordert zur Behebung der innerjüdischen Krise Stärkung des Verantwortungsbewußtseins unter den Juden. Dazu ist eine Einheitsfront fern von aller Parteidoktrin nötig und eine Verlebendigung der jüdischen Gemeinden, die nicht länger tote Organisationen sein dürfen. Zum Zusammenhalt der Gemeinde tut eine Neubelebung des alten jüdischen Zedokgedankens, eine Intensivierung der Gottesdienste not; die Synagoge soll wieder, entsprechend ihrem Namen, Sammelpunkt der Gemeinde werden; nicht als Fremder soll man sie betreten, sondern in ihr sich heimisch fühlen.

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