Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 39 (25.9.1931)
- Date
- 1931-09-25
- Page
- Seite 542 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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542 Das Jüdische Echo Nr. 39 Im Rathauscafe zu Elbing veranstalteten Hakenkreuzler einen Roheitsexzeß' und warfen mit Biergläsern nach jüdischen Gästen, wobei sich der Elbinger Nationalsozialist Jakobus besonders hervortat. Als der jüdische Kaufmann Alfred Simonsohn, der auch im Cafe gewesen war, sich auf dem Wege zu seiner Wohnung befand, wurde er von einer Gruppe von fünf jungen Leuten überholt, unter denen Jakobus, der bekannte S.-A.-Fiihrer Schwolow und der Nationalsozialist Rogalsky waren. Im Vorbeigehen schlug Jakobus dem Simousohn mit einem Stock derart ins Gesicht, daß das Nasenbein zertrümmert wurde und der Geschlagene mehrere Tage lang bei hohem Fieber und der Gefahr einer Hirnhautentzündung zwischen Tod und Leben schwebte. Die Knochen der Nase waren zum Teil herausgesplittert und die Nase ist jetzt völlig verunstaltet. Vor Gericht beantragte der Staatsanwalt gegen Jakobus ein Jahr Gefängnis wegen gefährlicher Körperverletzung. Das Gericht verurteilte Jakobus zu fünf Monaten Gefängnis und den Kosten des Verfahrens. In der Kaiserstraße zu Königsberg wurden acht Angehörige des jüdischen Turn- und Sportvereins „Bar-Kochba“, fast ausschließlich Schüler, von Nationalsozialisten, die aus einer Versammlung kamen, in der Dunkelheit überfallen. Die Täter konnten noch nicht festgestellt werden. Als kürzlich in Lyck ein jüdischer Kaufmann, der aus Nahrungssorgen seinem Leben ein Ende gemacht hatte, beigesetzt wurde, stellten antisemitische Kreise in unmittelbarer Nähe des Trauerzuges eine Tafel mit der Inschrift auf, „So wird’s Euch allen ergehen!“ Die nationalsozialistische Ortsgruppe versuchte die Schuld auf Anhänger des Tannenberg-Bundes abzuschieben. Der Oberstaatsanwalt in Lyck hat gegen den Plakatträger und die Hintermänner Strafverfahren eingeleitet. In Lyck wird gegen die jüdischen Geschäftsinhaber in stärkster Weise Boykott propagiert; Zettelverteiler stellten sich an den Markttagen vor den jüdischen Geschäften auf. Als verantwortlicher Herausgeber waren auf den Boykottzetteln die überhaupt nicht bestehenden Organisationen „Deutscher Volksdienst“ und „Deutsche Aufklärungsgemeinde“ angegeben. Der Regierungspräsident in Allenstein verbot diese Zettel auf Grund der Pressenotverordnung, nachdem die Polizeiverwaltung ihrerseits ein Verbot abgelehnt hatte. Wie sich herausstellte, haben die nichtjüdischen Geschäftsleute lediglich aus Konkurrenzgründen diese Boykottagitation finanziert. Es ist gegen sie Strafanzeige wegen unlauteren Wettbewerbs erstattet worden. Der Regierungspräsident in Allenstein hat sich auf Grund dieser Vorgänge veranlaßt gesehen, einen Sonderkommissar zur Untersuchung nach Lyck zu entsenden. In Neumagen an der Mosel wurde der jüdische Friedhof von bisher unbekannten Tätern heimgesucht. Zehn Grabsteine wurden umgeworfen und vier stark beschädigt. In der Nacht zum Freitag, den 11. September, haben Friedhofschänder den jüdischen Friedhof an der Beckumstraße in Wickede (Westfalen) heimgesucht. Die Täter haben zwei Denksteine auf Kindergräbern umgerissen, einen von diesen schleppten sie aus dem Friedhof heraus und warfen ihn in die Straßenböschung. Von den Tätern fehlt noch jede Spur. Es sind dies die 105. und 106.' Friedhofschändung. Das Jahr 5691 Von S. Picker (Schluß.) In einer Periode der trostlosen Wirtschaftsmisere, in einer düsteren Übergangszeit für den Zionismus, ist es kein Wunder, daß die Position der Zionisten in vielen Ländern erschüttert wurde. Die polnische Regierung, wohl die am wenigsten antisemitische seit Bestand der Republik, unterdrückte, soweit sie konnte, die jüdisch-nationale Landespölitik. Indem sie die Agada zu fördern suchte, ließ sie bei den Sejm-Wahlen die nationaljüdische Vertretung auf ein Minimum zusammenschrumpfen. Mit nicht soviel Glück versuchte die Regierung durch künstliche Mittel den zumeist ausschlaggebenden Einfluß der Zionisten in den jüdischen Gemeinden zu verhindern. In Warschau und Lodz gelang dies jedoch. Auch ohne solche äußere Momente gelang es den Assimilanten, in Berlin wieder die Oberhand zu gewinnen. Tm Gegensatz zu dieser Erscheinung glückte im verflossenen Jahre in Rumänien die erste Probe der Vereinigung von Juden aller Reichsteile für die Parlamentswahlen; fünf Deputiertenmandate waren der Erfolg. In der Tschechoslowakei, wo die jüdische parlamentarische Repräsentanz zum erstenmal zustande gekommen war, wurde nun eine einheitliche jüdische Partei ins Leben gerufen. Leider verstarb der eine der Abgeordneten, der Präses der Prager jüdischen Gemeinde, Dr. Singer. In Österreich hingegen proklamierten die Zionisten, entgegen früherer Gepflogenheit eine Absage an die Landespolitik. Spanien gal) nach seiner Umwandlung in eine demokratische Republik dem Judentum Zeichen des Willens zur Wiedergutmachung des an Juden begangenen historischen Verbrechens. Italien gewährte den Juden eine neue Gemeindeverfassung. Von anderen positiven Geschehnissen im Judentum oder für das Judentum im Laufe des Jahres sind zu erwähnen: die Abhaltung einer Weltkonferenz für hebräische Kultur in Berlin, die Nyoner Konferenz von Vertretern jüdischer und nicht jüdischer Studenten zwecks Verständigung, die Weltkonferenz jüdischer Pfadfinder, die erste Konferenz der revisionistischen Jugend, ferner die Veranstaltung eines zentralen jüdischen Sporttreffens in Antwerpen, wie auch die Vorbereitung einer Makkabiade für das kommende Jahr. An der internationalen Arbeiterolympiade in Wien beteiligten sich auch Vertreter des jüdischen Arbeitersportes aus Palästina. Von hohem Wert war die Ventilierung des zionistischen Problems auf dem Wiener Kongreß der Internationale. Eine Institution, der eine große Bedeutung für das jüdische Volk nicht abgesprochen werden kann, der Hilfsverein der deutschen Juden, feierte das dreißigjährige Jubiläum. Knapp sind die Erinnerungen an erhebende Momente, die in diesem Jahre dem jüdischen Volke heschieden waren. Daß Sokolow ein Siebziger wurde, sollte zwar zum Anlaß einer großen Tat für Erez Israel genommen werden, es blieb jedoch bei einem bloßen Aufruf. Zwei der bedeutendsten Juden, Herbert Samuel und Felix Warburg, wurden Sechziger. In London fand zu Ehren Lloyd George anläßlich der Gründung einer Kolonie auf seinen Namen ein Bankett statt, ein anderes Bankett wurde zu Ehren Cedis arrangiert, wobei neben Weizmann Ormsby Gore, Dr. Shiels und James Rothschild sprachen. In Amerika trat Einstein, der vorher schon in London zusammen mit Bernard Shaw auf einem jüdischen Meeting sprach, für die Erez Israel-Kampagne in die Bresche. Nun erlitt in diesem Jahre die zentrale schöpferische Tätigkeit des Judentums einen Rückschlag