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Das jüdische Echo · 1931-09-25 · 39 (25.9.1931) · p. Seite 541

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
39 (25.9.1931)
Date
1931-09-25
Page
Seite 541 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 541 Ausdruck. Es ist nicht klar, ob es sich um die Synagogenvorstände oder um den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde handelt. Jedenfalls hat man diese Ermahnungen einen Tag nach den Vorkommnissen auf dem Kurfürstendamm in Berliner Betstätten zu hören bekommen. Mit Genugtuung stellen wir fest, daß die Mehrzahl der so „belehrten“ Synagogenbesucher, die ja ihrer religiösen Richtung nach liberal sind, darüber empört war. Besonders in den Kreisen der jüdischen Jugend ist die Entrüstung über die Haltung des Gemeindevorstandes außerordentlich groß. Es wird von der jüdischen Öffentlichkeit mit Befriedigung zur Kenntnis genommen werden, daß die Jüdische Volkspartei gemeinsam mit dem Vertreter der Poale Zion, Dr. Oscar Cohn, die Einberufung der Gemeinderepräsentanz beantragt hat. 'Die Sitzung soll am 19. September, 8.15 Uhr, stattfinden und als einzigen Punkt eine Anfrage behandeln, welche Maßnahmen der Gemeindevorstand aus Anlaß der Ausschreitungen auf dem Kurfürstendamm getroffen hat, um eine Wiederholung zu vermeiden und die jüdischen Bewohner Berlins zu schützen. Wie der JTA. seitens der liberalen Fraktion der Berliner Gemeinde bekanntgegeben wird, hat sich diese in einer Fraktionssitzung, wohl im Zusammenhang mit dem bekannt gewordenen Schritte der Jüdischen Volkspartei, gleichfalls mit den Vorgängen am ersten Rosch-Haschanah-Tage beschäftigt. Die liberale Fraktion kündigt eine Anfrage an den Gemeindevorstand an, was dieser in der Angelegenheit unternommen hat. Es ist erfreulich, daß unter dem Eindruck des die jüdische Öffentlichkeit aufwühlenden Geschehens die Liberalen entgegen ihren früheren Erklärungen in der Repräsentanz sich nunmehr entschlossen haben, eine „politische“ Aktion zu unternehmen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß die liberale Fraktion sich auch aus dem Grunde zur Einbringung ihrer Anfrage entschlossen hat, weil mittlerweile zur Besprechung der C.-V.-Leitung im Preußischen Innenministerium auch der Gemeindevorsitzende Dr. Kleemann herangezogen wurde. Diese Besprechung fand — einem Communique des C.-V. zufolge — am 15. d. M. mit den Vertretern des beurlaubten Minister Severing, Staatssekretär Dr. Abegg und Ministerialdirektor Dr. Klausner, statt. Die Syndici des Centralvereins, Dr. Wiener und Dr. Reichmann, waren schon tags vorher, am 14. September, im Berliner Polizeipräsidium erschienen und hatten eine Besprechung mit Grzesinski und Polizeivizepräsident Dr. Weiß abgehalten. Das Polizeipräsidium nahm die von der Presse wegen verspäteten und unzureichenden Eingreifens angegriffene Polizeimannschaft in Schutz, betonte daß die Aktion der Nationalsozialisten überraschend gekommen sei und versprach Maßnahmen zur Verhütung der Wiederholung derartiger Ausschreitungen. Der Streit, ob es sich um einen von langer oder kurzer Hand vorbereiteten Überfall gehandelt hat, ist müßig. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Aktion der Hakenkreuzler alle Merkmale planmäßiger Organisierung trug. Die „Aktion“ der Nazis spielte sich in militärischen Formen ab. Kommandanten erteilten Befehle, nahmen Meldungen entgegen, feuerten die Mannen an und spendeten Lob. Es scheint uns, daß es zumindest voreilig war, wenn der C.-V. im Wege der JTA. sich die Auffassung der Polizei zu eigen macht, es hätte sich um eine spontane Aktion gehandelt, und die Haltung der Polizei sei nach keiner Richtung hin angreifbar. Wir haben auf Grund eigener Wahrnehmung festgestellt, daß die Polizei nach ihrem Erscheinen energisch durchzugreifen versuchte, daß sie aber zu spät und zunächst mit zu schwachen Kräften auf dem Plane erschienen ist. Die Beunruhigung in allen jüdischen Kreisen ist begreiflicherweise außerordentlich groß, Man betrachtet mit Recht diesen Zwischenfall als ein sehr ernstes Symptom für die heutige Lage der Juden in Deutschland, ln einer solchen Situation müßten jüdische Organisationen sich hüten, aus einem gewiß begreiflichen Bedürfnis, ihren Mitgliedern den Beweis für ihre Rührigkeit zu erbringen, Mitteilungen auszugeben, die wie eine Beschwichtigung wirken könnten. Die Ergebnisse der Bemühungen des C.-V. scheinen sehr dürftig gewesen zu sein, verbindliche Erklärungen sind von keiner maßgebenden Seite erzielt worden. Dagegen hat eine amtliche Stelle den Vertretern des C.-V. Ratschläge über die Art und Weise gegeben, wie Juden sich an ihren Feiertagen kleiden und benehmen sollen. Wir glauben nicht, daß die zustimmende Entgegennahme solcher Ratschläge eine sehr wirksame Art der Vertretung jüdischer Interessen ist. Alle Erfahrungen weisen darauf hin, daß in einer solchen Sache die Möglichkeit eines Erfolges größer gewesen wäre, wenn eine legitimierte Gesamtvertretung des deutschen Judentums in Aktion hätte treten können. Wir haben — auch aus zahlreichen Zuschriften an unsere Zeitung — feststellen können, daß die Erregung und das Gefühl der Unsicherheit in zahlreichen jüdischen Kreisen den Gedanken geweckt hat, daß etwas Durchgreifendes geschehen müsse und daß einzelne Gruppen auch auf eigene Initiative handeln wollen. Dadurch wird aber die Schlagkraft der jüdischen Selbstverteidigungsmaßnahmen zersplittert. Dies kann nur vermieden werden, wenn die zentralen jüdischen Körperschaften ihre Pflicht erfüllen und als Wortführer und Sachwalter der in ihr organischen jüdischen Gesamtheit auftreten. * Die Anfrage der Jüdischen Volkspartei an den Gemeindevorstand lautet: „Am Rosch-Haschanah-Tage ist es im Berliner Westen zu pogromartigen Ausschreitungen gegen jüdische Straßenpassanten gekommen. Nationalsozialistischer Mob riegelte ganze Straßenzüge ab, hieb auf die jüdischen oder jüdisch aussehenden Spaziergänger, die zum Teil aus dem Gotteshause kamen, in rohester Weise ein, schlug sie zu Boden, trat sie mit Füßen und beschimpfte sie und die jüdische Allgemeinheit in unflätigster Weise. Das ganze erwies ‘sich deutlich als eine von langer Hand vorbereitete Aktion. Wir fragen den Gemeindevorstand, was hat er selbst und in Gemeinschaft mit den in Betracht kommenden Stellen getan, um der jüdischen Bevölkerung Berlins die Freiheit der Religionsübung und den Schutz von Leben und Gesundheit zu sichern?“ Berlin, den 14. September 1931. Nationalsozialistische Ausschreitungen auch im Reich Berlin, 18. September. (JTA.) Aus den letzten W'ochen wird über eine Beihe nationalsozialistischer Roheitsakte im Reich berichtet:

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