Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 38 (16.9.1931)
- Date
- 1931-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9179060--11962-9084033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
530 Das Jüdische Echo Nr. 38 kurses, so daß wir auch ganz offen über die finanzielle Situation der Jewish Agency reden können. Es ist doch etwas Selbstverständliches, daß sich die allgemeine Weltkrise auch in Palästina auswirkt, das letzten Endes doch nicht so stark ökonomisch erschüttert wurde, wie beispielsweise viele Länder Osteuropas, weil doch jahrein jahraus größere und kleinere Beträge in Eorm von nationalem und privatem Kapital ins Land hineinkomrnen und die Wirtschaft in Palästina im allgemeinen und die der 170 000 Juden, welche im Lande wohnen, im besonderen günstig beeinflussen. Dennoch ist gerade in dem letzten Jahre eine verstärkte finanzielle Krise bei der Jewish Agency zu bemerken, was auf das fast gänzliche Ausbleiben größerer Mittel aus Amerika zurückzuführen ist. Dazu kommt noch der Umstand, daß die Eingänge für den Keren Hajessod und Keren Kajemeth infolge der ökonomischen Krise in allen Ländern, wo Juden in größeren Massen wohnen, ungemein stark zurückgegangen sind, was sich im schlechten Sinne in Palästina ausgewirkt hat. Die finanzielle Situation der Agency ist in der Tat eine derart bedrohliche, daß in erster Linie die Zionisten sich dieser großen nationalen Gefahr bewußt werden müssen, um das Äußerste zu verhüten. Die Zionistische Palästina-Exekutive benötigte in den vier Monaten 1. Juni bis 30. September den Betrag von 156 500 Pfund. Auf diese Gesamtschuld von 165 500 Pfund Sterling wurden in den Monaten Juni und Juli etwa 20000 Pfund zurückgezahlt, so daß sich der Schuldenstand in diesen vier Monaten, wenn man noch vorläufig für drei Monate Gehälter an Lehrer und Beamte schuldig bleibt, auf 98 000 Pfund Sterling reduziert. Selbstverständlich ist mit dieser Summe der Schuldenstand der Exekutive, resp. des Keren Hajessod noch lange nicht gedeckt. Wir sind davor nicht zurückgeschreckt, diese Zahlen in einem Artikel öffentlich zu nennen, weil es kein Geheimnis ist, daß die Agency sich jetzt in einer äußerst schwierigen finanziellen Not befindet und in gewissem Sinne gezwungen ist, die Verantwortung für all das, was sich aus der Nichteinhaltung ihrer Zahlungsverpflichtungen ergeben könnte, auf die Zionisten der ganzen Welt zu übertragen und in ihre Hände das Schicksal der Bewegung zu legen. Hier gilt es wirklich rasch zu handeln. Es muß bis ultimo September der Betrag von 98 000 Pfund Sterling aufgebracht werden. Amerika verpflichtete sich 14 000, Südafrika 5000, Kanada 3000, Tschechoslowakei 2000, Italien 1000 Pfund in diesem einen Monate noch aufzubringen. In Basel selbst wurden 6000 Pfund beim Kongreß gesammelt. Es verbleibt also für die übrigen europäischen Länder und die übrigen Kontinente ein Betrag von etwa 60 000 Pfund, welcher in Form einer Notstandsaktion aufge^ bracht werden soll. Das Keren Bajessod-Direktorium hat gemeinsam mit der Zionistischen Exekutive den Beschluß gefaßt, 'eine Volkssammlung ganz großen Stils für die Notstandsaktion durchzuführen, um das Äußerste zu vermeiden und eine Stabilität in das Budget der Zionistischen Exekutive hineinzubringen. Diese Notstandsaktion muß in allen Ländern schleunigst durchgeführt werden, wobei jede Stadt aus eigener Initiative und mit eigenen Kräften ohne jedwede Spesen die Sammlung durchführen muß und die gesammelten Beträge unverzüglich überweisen soll. Diesmal stehen wirklich hohe Interessen auf dem Spiele. Es handelt sich keineswegs lediglich um eine ökonomische Krise, sondern um eine allgemeine Krise im Zionismus. Brechen einmal die finanziellen Mittel der Zionistischen Organisation zusammen, dann sind die politischen Niederschläge und Erschütterungen gar nicht vorauszusehen. Darum glauben wir, daß die Judenschaft in der Welt trotz ihrer schweren wirtschaftlichen Not das Äußerste tun wird, um die nationale Ehre des jüdischen Volkes, die mit Palästina steht und fällt, retten zu helfen. Aus der jüdischen Welt Friedhofschändungen 1923/1931 Berlin, 4. September (JTA.) Eine neue authentische Liste sämtlicher in Deutschland in den Jahren 1923 bis 1931 erfolgter Friedhofschändungen hat der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens soeben herausgegeben. Das Verzeichnis enthält nicht weniger als 103 derartige Schändungen. Die erste nachweisbare Schändung wurde in der Nacht vom 27. zum 28. Januar 1923 in Schneidemühl, die letzte wurde am 27. August d. J. in Offenbach festgestellt. Die Schändungen verteilen sich auf alle Teile des Reiches. Am seltensten ist die Provinz Brandenburg in der Liste zu finden. Unter den aufgezeichneten Stellen sind sieben, in denen unzweifelhaft nachgewiesen werden konnte, daß die Täter rechtsradikalen bezw. nationalsozialistischen Kreisen angehören. Bei dieser Liste sind alle die Fälle von Fiedhofsverwüstungen ausgeschieden, in denen es sich um Unfug von spielenden Kindern, um Unwetterschäden oder ähnliche Ursachen handeln könnte. Der Central- Verein teilt mit, er werde mit allen Kräften und mit seinem gesamten Apparat dafür eintreten, daß diese Liste vorzugsweise in nichtjüdischen Kreisen verbreitet wird. Gerade Anhänger rechtsstehender Parteien werden aus ihr erschüttert wahrnehmen, zu welchen schändlichen Untaten der zügellose Judenhaß in Deutschland führt. James Simon 80 Jahre Berlin, 6. September. (JTA.) Am 17. September 1931 vollendet Dr. phil h. c. James Simon, der weit über Deutschland hinaus bekannte und verehrte Wirtschaftsmann, Mäzen und Philanthrop, sein 80. Lebensjahr. Mit dem Namen James Simon ist ein wichtiger Teil der Geschichte des deutschen Judentums verknüpft, aber auch in die Geschicke großer Teile der Judenheit in anderen Ländern hat er als Mitbegründer und als jahrzehntelanger Präsident des Hilfsvereins der Deutschen Juden wohL tätig eingegriffen. Unter der Leitung von Dr. James Simon und seinen nächsten Freunden und Mitarbeitern — es seien nur Dr. Paul Nathan, Eugen Landau, Carl Leopold Netter, Rabbiner Dr. M. Horovitz, Dr. H. Hildesheimer, Geh. Justizrat Timendorffer angeführt — hat sich der Hilfsverein der Deutschen Juden drei Jahrzehnte hindurch in Zeiten größter politischer Erschütterungen und ökonomischer Umwälzungen in weitem Äusmaße betätigt und wurde ein maßgebender Faktor im gesamtjüdischen Hilfswerk. Kurze Zeit nach der Begründung des Hilfsvereins übernahm Dr. Simon den Vorsitz in derm selben. In langjähriger Zusammenarbeit mit dem verewigten Paul Nathan hat er den Hilfsverein zu einer Organisation ausgebaut, die in engster Verbindung mit großen Körperschaften, wie Jewish Colonization Ässociation, American Jewish Com-