Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 38 (16.9.1931)
- Date
- 1931-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Das Jüdische Echo 529 heute .an eurem Feiertage zu euch kommen!“ Auch unflätige Beschimpfungen gegen das jüdische Fest wurden laut. Im ganzen schätzt man die Teilnehmer an den Überfällen auf über 1000. Einzelne Jugendliche lösten sich von den Trupps, mischten sich unter die Straßenpassanten, suchten sich unter diesen ihre Opfer aus, knüppelten sie nieder und liefen dann zu ihrem Trupp zurück. Das alles geschah blitzschnell, so daß es nicht gelang, die I äter festzustellen. Wie bis jetzt festgestellt wurde, wurden etwa neun Juden und vier jüdisch aussehende Christen mehr oder weniger schwer verletzt. Vor der chinesischen Gesandtschaft am Kurfürstendamm wurde ein jüdisch aussehender Herr, der einen Blumenstrauß trug, von den Nationalsozialisten blutig geschlagen. An der Ecke Knesebeckstraße-Kurfürstendamm ließ ein Trupp Nationalsozialisten einen älteren Herrn und eine Dame, die Andachtsbücher trugen, zunächst passieren, dann drehte sich einer der Nationalsozialisten um und versetzte dem Herrn rücklings einige Schläge über den Kopf, so daß der Geschlagene zusammenbrach. Am schlimmsten wüteten die Nationalsozialisten vor und in dem Cafe Reimann am Kurfürstendamm zwischen Uhland- und Knesebeckstraße, gegen das sie — anscheinend aus Wut und Enttäuschung darüber, daß sie zum Synagogensturm zu spät kamen — eine regelrechte Attacke inszenierten. Ein Trupp von etwa 70 Nationalsozialisten erschien unter strammer Führung vor dem Cafe. Zunächst wurden zwei Schüsse gegen die Glaswand abgegeben. Dann wurden die draußen stehenden Marmortische und -stähle in die Höhe gehoben und durch die Glaswand in den Innenraum geschleudert. Dann stürmten die Hitlerleute in das Cafe, schlugen auf die Gäste los und demolierten die Inneneinrichtung. Es entstand eine fürchterliche Panik. Zu bemerken ist, daß der Inhaber des Cafes Reimann kein Jude ist, das Cafe aber sehr viel von Juden, namentlich jüdischen Künstlern, besucht wird. Bevor noch der Sturm auf das Cafe begann, wurden einige jüdische Herren, die dort vorbeigingen, angerempelt, wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, wurde niedergeschlagen. Herr Dr. Alexander Rosenfeld, Mitglied des Präsidiums des Welt-Makkabi, der mit einem ausländischen jüdischen Journalisten an dem Cafe vorbeiging, wurde von einem Hitlerjungen rücklings über den Kopf geschlagen. Als er sich umdrehte und sich mit seinem Stock zur Wehr setzen wollte, sprangen drei andere Hitlerjungen hinzu und schlugen so lange auf ihn los, bis er aus mehreren Wunden blutend am Boden liegen blieb. Passanten brachten den Verletzten in einem Auto in seine Wohnung. Dr. Rosenfeld erhielt zwei blutende Kopfwunden, einige Blutergüße und Kontusionen an verschiedenen Stellen des Körpers. Auch vor der Konditorei Möhring am Rurfürstendamm, Ecke Uhlandstraße, wurden mehrere Passanten mißhandelt, unter ihnen der Sohn des Konditors Möhring, der so geschlagen wurde, daß er einen Nervenschock erlitt. Mit blutenden Kopfwunden wurde er zum Arzt gebracht. Möhring ist kein Jude, sondern wurde nur wegen seines jüdischen Aussehens verprügelt. In der Nähe der Gedächtniskirche wurde ein Herr v. Löwenstein, ein früherer Offizier, der kein Jude ist, aber etwas jüdisches Aussehen hat, blutig geschlagen. Das hat zu dem Gerücht Anlaß gegeben, daß sich auch Hauptmann a. D. Dr. Löwenstein, Präsident des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, unter den Verletzten befindet. Dies trifft aber nicht zu, Herr I)r. Löwenstein weilt gegenwärtig nicht in Berlin. Auch vor dem Cafe Heßler in der Kantstraße veranstalteten die Hitlerleute einen Tumult und schlugen die Fensterwand ein. Die nationalsozialistische Aktion kam so plötzlich, daß die Polizei von ihr vollkommen überrascht wurde und nicht rechtzeitig an den gefährd deten Punkten erscheinen konnte. Wo sie aber erschien, griff sie, wie Augenzeugen berichten, scharf durch. Gegen 11 Uhr abends war die Ruhe wieder hergestellt. Zu irgendeiner Alarmierung jüdischer Selbsthilfe war, wie uns mitgeteilt wird, kein Anlaß, weil die Polizei, wenn auch spät, durchgegriffen hat. Etwa 50 Nationalsozialisten wurden verhaftet. Wiederholung der Ausschreitungen Sonntag abend Am Sonntag abend wiederholten sich, wenn auch in vermindertem Maße, die nationalsozialistischen Ausschreitungen gegen jüdische Synagogenbesucher. Diesmal war der Schauplatz der Norden Berlins, Nationalsozialisten blockierten eine, hauptsächlich von Ostjuden besuchte kleine Synagoge in der Weise, daß sie sich an beiden Ausgängen der Straße, in der die Synagoge liegt, postierten. Als die Andächtigen am Ausgang des Rosch-Haschanah-Festes die Synagoge verließen, wurden sie von den Hitlerleuten attackiert. Im Hinblick auf die Wiederholung der Ausschreitungen gegen die Synagogenbesucher wird für die kommenden jüdischen Feiertage von jüdischer Seite ein umfassender Synagogenschutz organisiert. * Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß Deutschland in einen Zustand versunken ist, den man gemeinhin Barbarei nennt, so hätten ihn diese planmäßigen Überfälle auf jüdische Beter am jüdischen Feiertag erbracht, die sich würdig den Friedhofschändungen an die Seite stellen. Es ist zwar kaum zu glauben, daß diese Ausschreitungen stundenlang andauern konnten und daß die Polizei ihrer nicht sofort Herr werden konnte; die Nationalsozialisten scheinen aber bereits eine Taktik zur Durchführung solcher und ähnlicher Krawalle entwickelt zu haben; diese unschuldigen Verfechter der Legalität, die langsam aber sicher, wenn sie Deutschland auch nicht regieren, so doch jedenfalls auf Deutschlands Straßen eine Herr schaft der Friedhofschänder, Mordbuben und Räuber herbe'ifiihren. Die Finanzkrise der Jewish Jigency Von Dr. Manfred Reifer (Czernowitz) Ein anderesmal wäre man vielleicht nicht so offen mit der Sprache herausgetreten und hätte wohl kaum einen Artikel unter diesem Titel publiziert. Heute ist es geradezu Mode geworden, über Finanzkrisen zu schreiben, zumal es wenige Staaten der Welt gibt, die nicht ihre Krise haben. So hören wir von der großen finanziellen Krise in England, die sich sogar bei der Bank of England bemerkbar macht, lesen von der „Stillhalteaktion“ in Deutschland und sogar von ZahlungseinsteL lungen autonomer Städte und selbständiger Staaten. Brasilien kann nicht zahlen und Australien befindet sich förmlich im Zustande des Kon-