Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 38 (16.9.1931)
- Date
- 1931-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9179060--11960-9084031- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
528 Das Jüdische Echo Nr. 38 Nationen zuin Opfer fielen. Im Osten Europas wurde das Gros der Judenheit buchstäblich an den Rand des Abgrundes gedrängt. Die Deklassierung ging mit Riesenschritten vor sich, wie vorher in Rußland, wo im letzten Jahre doch von den zugrundegerichteten Millionen Juden wenigstens ein geringer Teil einer äußerst spärlichen Existenz in landwirtschaftlicher oder industrieller Arbeit zugeführt wurde. In Rußland wird aber auch nach wie vor die Verfolgung jüdischer Kultur und Religion betrieben. Aber auch im Westen ist das jüdische Massenelend so groß, daß es an die Zustände im Osten erinnert. Ehemals reiche jüdische Gemeinden können ihre Beamten nicht weiterbehalten. Die Emigralionsmögliehkeiten schrumpften zusammen. Die U.S.A. ist aus einem Paradies in eine Stätte der Dürftigkeit für Hunderllausende verwandelt worden. Nach dem großen Börsenkrach kamen die Bankeninsolvenzen, so der Zusammenbruch der Bank of United States mit 400 000 jüdischen Einlegern usw. Drives für Erez Israel sowie verschiedene amerikanische Campagnes für brüderliche Hilfe konnten keinen guten Erfolg aufweisen. Die Folge war eine schwierige Lage jüdischer Kredilkooperatiyen, Schulen usw. in Europa. Regierungen und Munizipalitäten aber unterließen es, mit neuen Subventionen beizuspringen und entzogen sogar die bereits üblich gewordenen. Wenn auch nicht immer in nachweisbar direkter Linie, so war doch die Wirtschaftspolitik der Regierungen in Ländern mit beträchtlicher jüdischer Siedlung immer mehr auf Verdrängung der Juden aus allen Positionen gerichtet. In Rumänien blieben die Brandstifter von Borscha ungestraft. Die Regierungswechsel brachten hier die Juden vom Regen in die Traufe, wobei jede neue Regierung die ihr vorangegangene an Bosheit überbieten zu wollen schien. In Deutschland entschied sich bei den Wahlen ein Drittel des Volkes für den Judenpogrom, der tatsächlich über der jüdischen Bevölkerung wie ein Damoklesschwert hing und hie und da auch blutige Opfer forderte. Studentenkrawalle wiederholten sich in vielen deutschen Städten wie in Wien, wo sie im letzten Jahre nur eine allzuofte periodische Wiederkehr eines alten „Brauches“ darstellten. Eines Filmes wegen wurde in Wien auch eine allgemeine Judenhetze versucht. Wegen einer mißliebigen Filmaufführung wurden auch die Juden in Prag und wegen Inszenierung eines Dreyfußstückes auch die in Paris bedroht. In Danzig attackierte man Juden auf den Straßen. In Mexiko rottete sich die Menge unter Duldung der Obrigkeit gegen die jüdischen Markthändler zusammen und vertrieb sie vom Handel. In Saloniki verleumdete man die Juden als Hochverräter und lieferte einem elenden Judenviertel eine Schlacht mit Brandstiftung. Und damit ja nicht die Rilualmordhetze ein Jahr unterbleibe, versuchte man sich hierin in der Slowakei, einmal zur Abwechslung auch in der Sowjetunion und auf eine originelle Weise auch in islamitischer Färbung — in den Spalten des arabischen „Felestin“ in Palästina. (Schluß folgt) Nationalsozialistische Ausschreitungen in Berlin Planmäßige Krawalle — Ein blutiger Jahresbeginn Berlin, 14. September. (JTA.) Am diesjährigen zweiten Rosch-Haschanah-Abend hatten die Berliner Juden eines ihrer traurigsten Erlebnisse. Während die amerikanischen Juden an ihrem Neujahrsfest die Genugtuung hatten, daß der Präsident der Vereinigten Staaten Herbert Hoover in einer Rosch-HaschanalrBotschaft den hohen jüdischen Idealismus rühmte und die Bereicherung des materiellen, kulturellen und geistigen Lebens der Welt und der gesamten Menschheit durch die Juden feststellte, durfte in Berlin ein tausendköpfiger jugendlicher Mob das heilige jüdische Fest entwel ien, in den Straßen wüten und von der Andacht heimkehrende Juden unflätig beschimpfen und blutig mißhandeln. Am Sonnabend, dem 12. September, abends, am zweiten Abend des Rosch-Haschanah-Festes, wurde der nationalsozialistische Mob gegen die Juden im Berliner Westen nach einem vorher gefaßten und genau amsgearbeiteten Plan mobilisiert. Wie es schon die Regel bei solchen Anschlägen ist, hielt sich die eigentliche Kerntruppe der Sturmabteilungen Hitlers noch zurück, es wurden zunächst Jugendliche und Halbwüchsige vorgeschickt, die aber, wie festgestellt wurde, unter dem Befehl erwachsener Hitlerleute das blutige Terrorwerk vollbrachten. Nach Schilderungen, die uns von Augenzeugen, unter ihnen Funktionären des Centralvereins, des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten u. a. m. gegeben wurden, haben sich die Vorgänge ungefähr wie folgt abgespielt: (Vor 9 Uhr abends tauchten plötzlich an zahlreichen Stellen des Berliner Westens stärkere Trupps Hitlerjungen auf, die zwar äußerlich als Nationalsozialisten nicht kenntlich waren, weil sie sich für diesen Zweck umkostümiert hatten, bei denen aber verdeckt getragene Hakenkreuze und andere NSDAP-Embleme sichtbar wurden, so daß über ihre Herkunft kein Zweifel besteht. Diese Trupps meist noch ganz jugendlicher Personen, die zum Teil Schülermützen trugen, wurden von Erwachsenen kommandiert. Es waren Kundschafter ausgestellt, die das Herannahen der Polizei rechtzeitig melden sollten, außerdem bestand ein Kundschafterdienst zwischen den einzelnen Trupps, die Befehle her und hin brachten. Wie aus Äußerungen einzelner Teilnehmer hervorging, war ein Sturm auf die Synagogen während der abendlichen Rosch-Haschanah- Andacht geplant gewesen, die Veranstalter hatten sich aber in der Zeit verrechnet: denn als sie kurz vor 9 Uhr auf dem Plan erschienen, waren die Andachten bereits beendet, der größte Teil der Andächtigen hatte die Synagogen verlassen, so daß den Hitlerjungen nichts übrig blieb als über die etwas verspätet heimkehrenden Synagogenbesucher herzufallen. Insbesondere scheint der jüdische Tempel in der Fasanenstraße das Ziel des Anschlags gewesen zu sein, denn verschiedene Trupps hatten sich so postiert, daß sie alle zu der Synagoge führenden Straßen blockierten. Schauplatz der Ausschreitungen war der Teil des Kurfürstendamms zwischen Knesebeckstraße und der Kaiser-WilhelrmGedächtniskirche samt Nebenstraßen, einzelne Attacken kamen aber auch in der Tauentzienstraße, am Noliendorfplatz und in anderen Gegenden vor. Die Art der Ausschreitungen war von einer schwer wiederzugebenden Roheit. Sprechchöre brüllten: „Deutschland erwache, Juda verrecke!“, „Schlagt die Juden tot!“, „Wenns Judenblut vom Messer fließt, dann gehts noch mal so gut!“. Jüdisch aussehende Personen, die die Straßen passierten, wurden mit Fäusten, Gummiknüppel und Eisenstäben roh niedergeschlagen, mehrere am Boden Liegende auch noch mit den Stiefelabsätzen getreten. Manche der Trupps stürzten sich auf ihre Opfer unter den Rufen „Die Synagoge brennt! Sarah packt die Koffer!“ Andre riefen: „Das habt ihr Juden euch nicht träumen lassen, daß wir