Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 37 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- Seite 516 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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516 Das Jüdische Echo Nr. 37 vertrocknen. Solcher Erfolg ist gewisser als der beabsichtigte, sich selber wirksam zu entlasten. Wir deutschen Juden sehen uns in eine besonders schmerzliche Prüfung hineingestellt. Unserem jähen Absturz gingen drei Generationen ungehemmten Aufstiegs voran. Unser Kreis hat so das allgemeine deutsche Schicksal in ausnehmend scharfer Ausprägung erfahren. Uns trifft auch, von allen materiellen Auswirkungen ganz zu schweigen, ein seelisch wirkender Faktor härter als andere. Wir sind doch wohl Menschen von überdurchschnittlicher Initiativkraft, latfreudig, schaffensgläubig. Die Form heutiger Wirklichkeit aber zeigt sich so, daß dem Tun, dem erfinderischen Schaffen des einzelnen die Bahn durch die Barre eines allgewaltigen Menschenschicksals verbaut ist. Die Verflechtung aller Finzellose dünkt unentwirrbar. Uns fällt darum gewiß das Warten besonders schwer. Fs ist merkwürdig, wie unsere neueste Geschichte uns diese Kraft, die in den Gemütern unserer Altvordern so stark wirkte, gelähmt hat. Aber begreiflichste, verständlichste Ungeduld der einzelnen wird ihrem Leben, das von Tag zu Tag mehr in das Gesamtlos verfließt, nicht die ersehnte Wendung geben. Wenn man eins in diesen ungewissen Zeilen als sicher Voraussagen kann, so ist es dieses: wir stehen und fallen zusammen. Unser Neujahrswunsch ist, daß uns Bitterkeit nicht die Kraft vergifte, auf den Morgen hoffen zu können. Die Einweihung der Reichenbachschul An dem Einweihungsfest der Reichenbachschul am Samstag, 5. September, erwies sich, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Münchener Juden sich durch den Bau dieses schönen neuen Gotteshauses erfreulich vertieft und intensiviert hat — es war ein seltenes Erlebnis, zu sehen, wie alle Kreise der Gemeinde lebhaften Anteil an diesem freudigen Ereignis nahmen und durch Vertreter kundgaben; über 500 Männer und 550 Frauen dürften in dem feierlichen, strahlend hellen Raum versammelt gewesen sein, um diese für die Münchener jüdische1 Gemeinde, besonders aber für die ostjüdische Kolonie bedeutsame Stunde milzuerleben. Herr Knoblauch bewillkommte mit herzlichen Worten alle Erschienenen und übergab namens der Baukommission die Schlüssel des neuen Hauses Herrn Kornhauser, dem Vorsitzenden der Vereine Linath-Hazedek und Agudath Achim, der seinerseits der Balikommission sowie allen Mitarbeitern am Bau, vor allem auch der Kullusgemeinde für die tatkräftige Unterstützung den herzlichsten Dank aussprach. Das neue Haus sei so schön, meinte er, weil so viel Liebe hineingebaut worden sei, die „Schechina“ werde in ihm wohnen. Ein aus Mitgliedern des Chors der großen Synagoge, des Chors der Synagoge an der Herzog-Rudolfstraße und Mitgliedern der Vereine zusammengesetzter Chor sang sodann unter Leitung von Herrn Kapellmeister Ziegler „Mali Towu“ und „Wajhi binsoa“, während die Thorarollen in feierlichem Zuge hereingetragen und erstmals im Aron-ha-Kodesch unlergebracht wurden. Rabbiner Dr. Ernst Fhrentreu warf in einer gedankenvollen Weiherede die Frage nach der inneren Bestimmung eines, dieses Gotteshauses auf. Es genüge nicht ein Haus gebaut zu haben, man müsse sich auch Rechenschaft geben, wozu. Dieses neue Haus, so wollten es seine Erbauer und die religiösen Gedanken, von denen sie sich hätten tragen lassen,sollederErhaltung der jüdischen Tradition gewidmet sein. Nur wer mit leidenschaftlicher Beharrung am Alten festhalte, der entspreche den Forderungen des jüdischen Gesetzes, wie nach einem Midrasch die erste Synagoge in Erez- Israel auf dem Platz erbaut sei, wo Isaak einst geopfert werden sollte, wie die erste Synagoge im Golus, in Babel nämlich, mit Schutt des ersten Tempels gebaut sei, den man sich aus Erez-Israel geholt habe, so müsse das Fundament auch dieses neuen Hauses der Schatz der jüdischen Vergangenheit sein. Im Kampfe gegen die entjudenden Einflüsse der Umgehung müsse jeder Jude an jüdischer Tradition und jüdischem Gesetz sich immer wieder aufrichten. Auf welche Kräfte man sich bei diesem Kampfe stützen müsse, dafür böte das neue Haus ein schönes Symbol. Nirgends fänden sich in ihm hebräische Sprüche, Sätze aus dem Gesetz, als an den bemalten Fenstern, als an der Grenze von Außenwelt und Judentum und diese Fenster seien gestiftet von edlen Frauen der Gemeinde. So müsse es immer die Aufgabe der jüdischen Frauen sein, den Männern in dem Kampfe gegen die Enljudung, in dem sie ermattet von den schweren Anstrengungen des Lehens häufig zu erliegen drohen, ein stärker Rückhalt zu sein und die Grenze zwischen Judentum und Umwelt zu bewachen und nicht zu verwischen und verrücken zu lassen — diese Gesinnung und dieser Geist, so wünsche er, möchten immer in dem neuen Hause lebendig bleiben. Rabbiner Wiesner, der nach ihm das Wort nahm, wies, indem er an David und Salomo erinnerte, darauf hin, daß es nicht jedem Geschlecht vergönnt sei, ein Gotteshaus zu hauen; wer in Wirklichkeit dazu berufen sei, müsse es auch in dem rechten Geiste tun. Über die Gebote, die für einen Synagogenbau besonders wichtig und bedeutsam seien, erzähle ein Midrasch von der Unterhaltung dreier Weisen. Der eine habe gemeint, der Satz, der alle andern Gebote in sich schließe, sei: Liebe Deinen Nächsten wie Dich seihst; der zweite, es sei der Satz: Schema Jisroel; der dritte, es sei der Satz, in dem geboten sei, allmorgendlich und allabendlich ein Opfer darzubringen. Nächstenliebe, Gotteserkennlnis und religiöse Tal — das seien in Wirklichkeit die Forderungen, die die Synagoge an uns stelle, sie sollten in der neuen Synagoge immer verwirklicht werden. Schließlich sprach Rabbiner Dr. Raerwald ein feierliches Gebet, in dem er den Segen Gottes für das neue Gotteshaus und seine Gemeinde erflehte. Namens der israelitischen Kultusgemeinde München und des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden beglückwünschte Herr Oberstlandesgerichtsra! Dr. Neumeyer die Erbauer und den Architekten zur Fertigstellung des meisterlichen schönen Hauses, das, entstanden in einer Zeit schwerster Not durch die Opferwilligkeil eines kleinen Kreises, eine bildhafte Bedeutung besitze und die Lebenskraft der jüdischen Gemeinschaft beweise. Es sei ihm eine Genugtuung, daß es möglich gewesen sei, einer großen Reihe von gewerblichen Betrieben und Arbeitern Beschäftigung zu geben, vor allem sei es ihm aber eine Freude, daß das schöne neue Gotteshaus ein sichtbares Zeichen dafür sei, daß der osljüdische Bevölkerungsteil sich in der Gemeinde wohl fühle, daß sie in vollster Harmonie mit der Gemeinde leben und ihr die wertvollsten Dienste leisten. Juslizrat Dr. Elias Straus erinnerte daran, daß dieses schöne Fest, das die Münchener ostjüdische Kolonie und mit ihr die ganze Münchener Gemeinde feiern könne, wie nicht wenige jüdische Feste in einer Zeit schwerster, ungeheuerster Not abgehallen werde; die sei jüdisches Schicksal, wie es die jüdische Geschichte in ihrem tausendjährigen Verlauf immer und immer wieder zeige. Es sei auch mehr als ein