Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 37 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Kummer 37 11. September 1931 18. Jahrgang Jahreswende ln der Zeitenwende Die jüdische Jahreswende 5(i9‘2 fälll in eine Zeil, die ahs Wende prinzipieller Arf bezeichnet werden muß. Wir stehen mitten in einer Umwälzung, die alles bisher in den letzten Revolutionen seit 1789 an Umfang und Bedeutung übersteigt. Die soziale Umgestaltung, von vielen Theoretikern und politischen Führern vorausgesagl und vorbereitet, ist in Fluß geraten, und wir sind die Zeitgenossen des großen (lesehehens. Zeugen einer derartigen Entwicklung zu sein, bedeutet für die meisten, milzuleiden. Nur für einen geringen Teil bedeutet es auch, mitzukämpfen. Gilt das Gesagte schon für alle Kulturvölker, so ist es für die jüdische Gemeinschaft in der ganzen Welt noch von weit größerer Bedeutung. Aus Gründen, die, wie die jüdische Gemeinschaft innerhalb der Kullurwelt, einmalig sind, wird das jüdische Volk von all dem großen Geschehen, von dem Vorbeben der kommenden Erschütterungen und von den Umwälzungen der nächsten Jahre in seinen Grundlagen stärker berührt als andere Volksgemeinschaften. In dieser Beziehung verdient eine Betrachtung, welche Dr. Max Wiener anläßlich der jüdischen Feiertage anstelll, weiteste Verbreitung in der jüdischen Öffentlichkeit. Die hohe Warte, von der aus er den Fluß der Erscheinungen überblickt, sichern seinen Ausführungen stärksten Eindruck und znstimmendes Echo. Er schreibt u. a.: Daß wir mitten in einer sozialen Umformung begriffen sind, in der kein überkommenes, kein ererbtes Recht standhält, die Sitte und Sittlichkeit, Ehe und Familienverfassung, Fugen tum und Beruf aufs heftigste berennl, das ist heute schon eine Binsenwahrheit. Woran man aber nicht so oft denkt, und was diese Revolution für jeden einzelnen ausnahmslos so überaus schmerzlich macht, das ist das ungeheure Tempo, in dem sich diese Entwicklung vor unseren Augen und an unserem lebendigen Wesen vollzieht. „Von Hemdsärmel zu Hemdsärmel — drei Generationen“, sagt der Amerikaner und will damit den Auf- und Abstieg in der Geschlechterfolge kennzeichnen. Das war in der guten alten Zeit. Wir sahen und sehen, daß nun diese Entwicklung höchstens ein halbes Menschenaller für diesen Endeffekt braucht. VVär’s nicht das eigene Leben und das der uns ganz Nahen rings um uns, an und in dem das alles geschieht — diese Zeit, bis an den Rand gefüllt mit Geschehen, wäre interessanter zu durchleben als irgendeine frühere. Aber das ist es, der Sfurmlauf der Geschichte zertritt, zertritt, zerquält eine unendliche Fülle 'von fühlendem Leben. Ihr Rhythmus wird sich wieder einmal mäßigen. Morgen, in zehn, in zwanzig Jahren, wer weiß wann? wird es wieder „normal“ zugehen. Und wenn der neue Tag, der helle, sonnige, angebrochen, dann wird er — so hoffen wir — über einer glücklicheren Menschheit leuchten. über einer Menschheit, die aus härtester Not und wilder Verzweiflung gezwungen war, einen Friedensbund aller mit allen zu stiften, über Völkern, die, alle Lebensbedürfnisse längst in verschwenderischster Fülle produzierend, es endlich gelernt haben werden, ihren Reichtum gerecht und vernünftig unter alle ihre Kinder zu verteilen. Doch bis dahin? Wie bringen wir die lange Nacht zu? Sollen wir uns die Nächstenliebe abgewöhnen, weil sie nur um einen Tropfen das Meer des Unheils mindern kann? — Schon um unserer selbst willen, soweit wir noch aufrecht stehen, dürfen wir es nicht. Jeder sieht heute ganz klar, daß sein Stehen kein Verdienst und keine Tüchtigkeit ist und seines Nächsten Fallen keine Schuld. Beides ist mehr als je nur Zufall, Glück oder Unglück, Schicksal, wie immer man es nennen mag. Kleine 'baten der Liebe und der Hilfstätigkeit scheinen nahezu das einzige zu sein, was schöpferisch zu tun, selber zu bewirken uns übrig geblieben. Denn den Spielraum unserer Handlungsfreiheit, auch den der-anscheinend so groß und hochmögend Dastehenden, hat uns das unheimliche Geschick so arg verschränkt. Und dann: die Welf von morgen wird anders aussehen wie1 die von gestern. Aber nicht alle Werte von gestern werden morgen außer Kurs gesetzt sein. Gerade weil wir gewiß sind, Zeugen einer Weltwende zu sein, wie sie Völkerwanderung, Reformation, französische Revolution in das Menschheitsgeschehen eingeschnitten, müssen wir besonnen uns fragen, was vom Alten wird hinübergerettet? Wir Juden sind Kinder eines uralten Volkes, Kinder des ewigen Gottes. Wir haben im Wechsel der Zeilen tausendfältige Schicksale getragen und fühlten in ihrer Mannigfaltigkeit doch eine durchgehende Feinheit. Der Wandel im Funzellos, den der rasende Wirbel der von uns geschauten, erlittenen Umwälzung bringt, erfüllt jedes Individuum mit entsetztem Staunen. Der Allheit unserer Wellgemeinde, die ja ein besseres Gedächtnis hat als alle einzelnen, die zu ihr sich rechnen, sagt er nichts Neues, wenn er die begrenzte1 Lebensdauer auch der fundiertesten Funrichtungen mit jedem Tag beweist. Aber es handelt sich darum, ob wir, wir einzelnen Juden, von der allgemeinen Auflösung vielleicht härter getroffen, als die rings um uns, heute in das wirre Geschrei eines aufs Haupt geschlagenen Heeres ausbrechen wollen: sauve qui peilt — rette sich, wer kann! —, oder ob wir bei aller persönlichen Schicksalsangst noch an den Sinn des Ganzen glauben. Was immer das Judentum, das vielspällige, in tausend Farben schillernde, jedem von uns sein mag — ohne tune allumschlingende Solidarität, die seinen Körper rettet, verflüchtigen sich seine Ideen wirkungslos in (‘in Nichts, bedeuten Hoffnungen und Fu’wartungen leere Worte. — Wenn diese1 FVsllage irgend etwas sagen sollen, dann ist’s doch dieses: Wir leben noch, wollen noch Juden sein! — Lassen wir jetzt unsere Gemeinden, unsere Organisationen, die vielseitigen Genossenschaftern zur Pflege des jüdischen Gemeinschafstgeisles im Stich, glauben wir, im Sparen radikale Strenge gerade bei deren Stützung und Förderung an wenden zu sollen, so wird dieses Leben