Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 36 (4.9.1931)
- Date
- 1931-09-04
- Page
- Seite 508 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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508 Nr. 36 Das Jüdische Echo sank der Anteil der Juden von 11 Prozent auf 9 Prozent. Tn etwa dem gleichen Maße verminderte sieh die Zahl der jüdischen Angestellten und der jüdischen Angehörigen der freien Berufe. Des weiteren geht aus den Volkszählungsziffern hervor, daß die Juden in der Landwirtschaft Lettlands 0,9 Prozent, in der Industrie 27,6 Prozent, im ( Handel 48,8i Prozent, im Transportwesen 2,8 Prozent, unter den staatlichen und städtischen Angestellten (einschließlich der Lehrer) 0,8 Prozent, unter den freien Berufen 8,1 Prozent, unter den Angestellten privater Institutionen 1,8 Prozent, in unbestimmten Berufen 9,4 Prozent ausmachen. Katastrophale Lage des jüdischen Schulwesens in Polen. W a r s c h a u , 28. August. (JTA.) In einer in Warschau ahgehaltenen Pressekonferenz wurde über die katastrophale Lage des jüdischen weltlichen Schulwesens ein Bericht erstattet, dem u. a. zu entnehmen ist: Die jüdischen weltlichen Schulen, die bis jetzt 75 Prozent ihres Budgets aus einfließenden Schulgeldern decken konnten, haben im vergangenen Jahre nur die Hälfte dieser Quote vereinnahmt. Aus Amerika kommt fast keine Hilfe mehr. Die Stadtverwaltungen und Privatorganisationen, die bisher den Schulen laufende Subventionen bewilligten, haben im Zeichen der , ” k diese Subventionen zum Teil oder auch ganz gestrichen. Mehrere Schulen sind von Exmission bedroht. Das Wilnaer Lehrerseminar, das die jüdischen weltlichen Schulen mit Lehrern versorgen konnte, wurde von den Behörden aus politischen Gründen geschlossen. Es mehren sich die Eälle, in denen jüdische Lehrer, die seit 15—20 Jahren den Lehrberuf ausüben, von den übergeordneten polnischen Schulbehörden disqualifiziert werden. Der Durchschnittsverdienst eines Lehrers beträgt monatlich 70 Zloty, aber auch dieser Hungerlohn kann nicht regelmäßig ausgezahlt werden. Als einzige Hoffnung zur Erhaltung des jüdischen weltlichen Schulwesens bleibt ein Appell an die jüdische Öffentlichkeit. Das Netz des jüdischen weltlichen Schulwesens in Polen umfaßt 73 Städte, in denen 104 Volksschulen mit insgesamt 13 200 Schülern, ferner 43 Kinderheime mit 1300 Kindern, 60 Abendschulen mit etwa 6000 Schülern, 3 Gymnasien (2 in Wilna und 1 in Bialystok) mit insgesamt 960 Schülern existieren. Am Wilnaer Lehrerseminar studierten zuletzt 160 Lehreraspiranten. Das Gesamtbudget des jüdischen weltlichen Schulwesens beträgt jährlich 3 Millionen Zloty. Das hebräische Schulwesen in Polen. Warschau, 28. August. (JTA.) Aus Anlaß der bevorstehenden Einberufung der vierten Tarbuth- Konferenz in Polen wird mitgeteilt, daß heute in Polen 173 Volksschulen mit hebräischer Unterrichtssprache existieren, die von 21 174 Kindern besucht werden. Ferner gibt es 10 hebräische Gymnasien mit 2771 Schülern. Die Kindergärten, Abendkurse und Lehrerseminare eingerechnet, verfügt die Tarbuthorganisation in Polen heute über 940 Schulanstallen mit über 26 000 Schülern und 1243 Lehrern. 9 Schulen verfügen über eigene Schulgebäude, 18 Schulen haben Bauparzellen erworben und bereiten die Schulbauten vor. Die Ausgaben für das Tarbuthschulwesen betragen jährlich 4 700 000 Zloty? wovon im letzten Jahre 1 200 000 Zloty nicht gedeckt werden konnten. Die Lage verschlimmert sich, da Stadtverwaltungen und jüdische Gemeinden die jährlichen Subventionen für diese Schulen ganz oder zum Teil streichen. Auch das Unterrichtsministerium hat die bisher den Tarhulhschulen gewährte Subvention von 10 000 Zloty gestrichen. Schwere antijüdische Excesse in Ostgalizien. Lemberg, 25. August. (JTA.) In dem Städtchen Jesziorno in der Nähe von Tarnopol in Oslgalizien kam es zu schweren antijüdischen Ausschreitungen. Ein christlicher Fuhrmann namens Slawik belästigte in angetrunkenem Zustande jüdische Passanten. Die angegriffenen Juden veranlaßten seine Festnahme durch die Polizei, die ihn nach einem kurzen Verhör laufen ließ. Slawik schwor, sich an den Juden zu rächen, sammelte etwa 30 Huligans um sich, führte sie in die von Juden bewohnten Gassen, wo sie die Fensterscheiben in fast allen Häusern einschlugen, Läden demolierten und eine große Anzahl jüdischer Passanten schwer mißhandelten. Die Polizei war jedoch nicht pünktlich zur Stelle, sondern ließ es zu, daß die Huligansbande über eine Stunde lang ihr Zerslörungswerk vollführte. Von den mißhandelten Juden trugen mehr als 20 blutige Verletzungen davon und mußten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die jüdische Bevölkerung von Jesziorno lebt in Panik, da angesichts der lauen Haltung der Polizei eine Wiederholung der Exzesse befürchtet wird. KirchenoffizieHer Antisemitismus in Ungarn. Budapest, 27. August. (JTA.) Dr. Stefan Hasz, Bischof und Feldvikar, hielt vor kurzem in einer Budapester Kirche eine Predigt, in der er ausführte, daß die Mitglieder der nichlchristlichen Rasse (also die Juden) am Weltkriege nicht teilgenommen hätten. Sie allesamt hätten sich von der Kriegsdienstleistung gedrückt. Während der Kommune habe diese Rasse Ungarn zugrunde gerichtet. Sie saugen Ungarn auch beute noch aus. Darum sei jedes Kampfmittel gegen sie gerechtfertigt. Die Rede des Bischofs wurde mit großem Befremden aufgenommen. Als man ihn wegen dieser Rede befragte, antwortete er: Ich bin ein Diener Gottes und meine Pflicht ist es, die Wahrheit zu verbreiten. Der ungarische Landesrabbinerverein verbreitet zu dieser Atfäre folgendes Communique: „Der Landesrabbinerverein hat sich in seiner am 24. August ahgehaltenen Präsidialsitzung mit schmerzlicher Bestürzung mit der auch durch den Rundfunk verbreiteten Rede des Feldbischofs Dr. Stefan Hasz beschäftigt, die ungerechte Beschuldigungen gegen die Anhänger der mosaischen Konfession enthielt. Wir verwahren uns dagegen, daß die Judenschaft, die im Kriege und im Frieden mit der größten Bereitwilligkeit auf jedem Gebiete patriotische Opfer gebracht hat, in einem Gotteshause in so unwürdiger Weise auf die Anklagebank gezerrt werde. Wir protestieren im Namen unserer beleidigten Konfession gegen derartige zur wahren Menschenliebe und zum Geiste der Gerechtigkeit im Widerspruch stehende unbegründete Anklagen.“ Gegenüber den Behauptungen des Bischofs Hasz weist die Wochenschrift „Egyenlöseg“ nach, daß im Weltkriege 10 000 ungarische Juden den Heldentod gefunden haben und 130 000 ungarische Juden an der Front kämpften. Während der Kommune haben 43 Juden den Märtyrerlod erlitten, 342 waren als Geiseln gefangen. Daß nicht die Juden es sind, die Ungarn aussaugen, beweist die Tatsache, daß 74 Prozent der zugrundegegangenen Geschäftsleute Juden sind, während die Juden in Staatsdiensten und in Diensten der städtischen Gemeinden nicht einmal 2 Prozent der Beamten stellen. Starke Abnahme der jüdischen Kriminalität in Amerika. N e w York, 27. August. (JTA.) Aus den in einem Artikel der New Yorker Revue „Outlook“ veröffentlichten Statistiken geht hervor, daß die Zahl der Juden in den Gefängnissen und Besserungsanstalten Amerikas in letzter Zeit außerordentlich stark ge- 3633