Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 36 (4.9.1931)
- Date
- 1931-09-04
- Page
- Seite 502 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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502 Das Jüdische Echo Nr. 36 in ihren Händen befindet. Aber da zeigte es sieh, daü man in der National bank mit verschiedenem Maße mißt. Als die Banca Romaneasea mit den Wellen rang und unterzutauchen drohte, sprang die Nalionalbank ohne sich viel zu besinnen ins Wasser und zog die Ertrinkende bei den Haaren ans Ufer. Des gleiche tal sie auch im Falle der minores genles, wenn sie nicht gerade nach politischer Parieigegnerschaft oder nach Judentum rochen. Aber die Bank der Brüder Bercovilz riecht nach Judentum. Das Haupt der Familie, Flv Bercovitz, ist sogar Präsident der Jüdischen Gemeinde von Bukarest, und diese stark jüdische Färbung der Bankinhaber konnte durch die Zugehörigkeit der Bercovilze zur nationalliberalen Partei nicht weggewischt werden. Im Gegenteil. Daß die Bercovilze liberal sind, hat ihnen geschadet. Denn die Nationalhank segelt gegenwärtig in einem anderen Fahrwasser, Tatsachen, die den Bukarester jüdischen Assimilanten einigermaßen zu denken geben sollten. Mehr als eine Woche sah die Nationalbank mhig zu, wie die Bank Bercovitz nach Atem rang und Wasser schluckte. Die Leiter der Nationalbank gingen — um beim Bilde zu bleiben — ruhig am Ufer spazieren, verhandelten in ruhigem Gesprächs- Ion mit den Verzweifelten und stellten ihnen Bedingungen, die so schwer waren, daß auch Ertrinkende sie anzunehmen sich überlegen. Inzwischen verging ein Tag nach dem anderen. Die Bank Bercovitz mußte bei Gericht um einen Zwangsausgleich einsehreiten und erst im letzten Augenblick, als der Zwangsausgleicb, der den Einlegern volle Rückzahlung der Einlagen im Laufe von drei Jahren in Aussicht stellte, entschloß sich die Nationalbank, auch der jüdischen Bank g e gen gute Sich e r heit beizuspringen. Die Bank Bercovitz öffnet wieder ihre Schalter. Das Vertrauen kehrt zurück und die letzten Wochen werden den Bankleuten Bercovitz ein böser Traum gewesen sein, den jüdischen Brüdern Bercovitz vielleicht eine politische Lehre. Für die rumänische Volkswirtschaft aber ist der Fall Bank Bercovitz kein Traum, sondern eine rauhe Wirklichkeit. Daß eine Bank wie die Bank Bercovilz ihre Schalter, wenn auch vorübergehend, hat schließen müssen, hat wie Blitz und Donnerschlag in der stark umwölkten Atmosphäre des Wirtschaftslebens gewirkt. Fs ist eine traurige Wahrheit, daß die Bankeinleger in ganz Rumänien infolge dieses Gewitters ihr Vertrauen zu den Mittel- und Kleinbanken verloren haben. Wenn eine Säule wie Bercovitz wankt, wie können die anderen noch bestehen? fragt der gemeine Verstand. Und so erleben wir es Tag für Tag, daß bald da und bald dort durch und durch gesunde, solide Mittel- und Kleinbanken einepi plötzlich einselzenden Run nicht widerstellen können, zusammenbrechen oder vom Zusammenbruche bedroht sind. Wir wissen nicht, wer der erste war, der den Stein auf die Bank Bercovitz warf, aber es erging ihm wie dem Bären, der die Fliege auf der Stirne eines Mannes hat töten wollen. Die Fliege flog davon, aber dem Manne wurde der Schädel eingeschlagen. Man wollte die jüdische Bank vernichten, zumindest hat man mit dieser Möglichkeit sich sehr leicht allgefunden, aller schließlich ist Bercovitz davongeflogen und von dem Ruin ist ein Großteil der Volkswirtschaft im höchsten Maße bedroht. So wird es zur Wahrheit, was wir an die Spdze dieses Aufsatzes gestellt haben, daß nämlich der Fall Bercovitz ein Schulbeispiel dafür ist, wie wenig die Volkswirtschaft eine politisch und konfessionell differenzierte Behandlung verträgt. —n. Die neue englische Regierung In der englischen Regierung sind große Veränderungen vor'sich gegangen. Die Labour-Regierung hat zu bestehen aufgehörl. MacDojiald ist als abgesägter Führer der Arbeiterpartei Premierminister eines Kabinetts, das im Keime bürgerlich ist, und vorwiegend aus Konservativen und Liberalen besteht. Es ist keine Frage, daß diese Umwälzung in der englischen Regierung nicht nur für England, sondern für die Situation der ganzen Welt von Bedeutung ist, und es ist nur natürlich, daß auch die zionistische Bewegung mit höchstem Interesse (jiese Ereignisse verfolgt, ist doch die ganze schicksalsschwere Fnlwicklungsperiode, die wir hinter uns haben, unlösbar mit der Person des Kolonialministers Lord Paßfield verknüpft — und Lord Paßfield ist nicht mehr Kolonialminister, sondern Thomas. Und weiter, in der englischen Regierung sitzen heute an hervorragendster Stelle zwei Juden, deren Verkniipftheit mit dem Gedanken des Jüdischen Palästina bereits historisch geworden ist: Herbert Samuel, der neue Innenminister, der, mag seine Paläslinapolitik auch umstritten sein, dennoch der erste Repräsentant des englischen Zionismus ist, und Lord Reading, der neue Außenminister, dessen energisches Eintreten für das jüdische Palästina in schwerer Zeit bekannt ist. So müßte man denn -eigentlich jubeln und voll guter Erwartungen für die Zukunft sein. Dies wäre ein Fehler. Wir haben bereits unsere Erfahrungen. Der Zionismus bat schon manche Veränderungen in englischen Kabinetten erlebt und hat dabei gelernt: Es empfiehlt sich nicht, mit Personal- oder auch Parteiänderungen in der englischen Regierung allzu große Hoffnungen — oder auch allzu große Befürchtungen zu verknüpfen. Denn viel mehr als die persönlichen Unterschiede in parteipolitischer oder in zionistischer Hinsicht entscheiden folgende schwerwiegende Momente: die Macht der d Tatsachen und Kräftekonslellationen, der natürliche Egoismus der Politik des englischen Imperiums und die traditionelle Mentalität der englischen Politik. Diese drei Faktoren sind so mächtig, daß ihnen gegenüber auch der Unterschied zwischen Paßfield und Herbert Samuel nicht allzusehr ins Gewicht fällt. Auch Samuel wird als englischer Minister keine zionistische, sondern englische Politik machen, auch für Lord Reading werden die Machtkonslellationen im Orient ausschlaggebendes Motiv sein und auch Thomas wird mit der Mentalität der englischen Kolonialpolitik und mit der Methode der englischen Kolonialbeamtenschaft zu rechnen haben. Zu all diesen Umständen kommt aber als der wichtigste und aktuellste: die momentane Situation, aus welcher die neue englische Regierung geboren worden ist. An ihrer Wiege steht die Weltwirtschaftskrise und die englische Finanznot und der Sinn ihrer Existenz bildet das Programm: Sparen und Steuern. Es läßt sich nicht bezweifeln, daß dieses Programm den Interessen des jüdischen Palästinaaufbaus nicht günstig ist. Stets hat ja die Frage, was kostet uns Palästina, was kostet uns speziell die Politik des jüdischen Nationalheims, eine Sorge des englischen Steuerzahlers bedeutet und diese Frage ist heule im hohen Maße aktueller und schmerzhafter geworden. Die ganze neue Palästinapolilik ist um den Landen Iw icklungsplan zentriert und dieser Plan iälll ins Wasser, wenn seine Voraussetzung, die Anleihe von zweieinhalb Millionen Pfund nicht realisiert werden kann. Ebenso ist das zweite wichtige Problem, die Sicherheit in Palästina, heute von der Erhaltung einer hinreichenden Truppenmacht im Lande abhängig und auch diese ist letzten Endes eine Geldfrage.